Jetzt nehme ich den Klimaschutz in die eigenen Hände !

 

Albert Kalmes, Präsident von TM EnerCoop, der ersten Energiekooperative im Süden Luxemburgs, berichtet in vier Episoden seine persönliche Geschichte. Darüber, wie er den Klimaschutz in die eigenen Hände genommen hat.

* Folge 1 : Die Vorgeschichte

** Folge 2 : Vom Bürgerpanel 180 Grad bis zum Entstehen von Transition Minett

*** Folge 3: Transition Minett und die Entwicklung der Energiekooperative.

**** Folge 4: Motivation zum Engagement.

 

 

 Albert Kalmes

57 Jahre
verheiratet
2 erwachsene Kinder
Ingénieur industrieltätig im öffentlichen Transport
wohnhaft in Schifflange

Hobby: sich zu Fuß über Stock und Stein in der Natur bewegen

 

 




Engagements
:
- Bürgerbewegung Transition-Minett, Präsident der Energiekooperative TM EnerCoop
- Gemeinderat Schifflange (déi gréng) seit 2011
- Ständiger Mitarbeiter bei forum

Motivation: die Gesellschaft nachhaltig(er) (= überlebensfähig) in allen Bereichen zu gestalten

 

 

 

Folge 1 : Die Vorgeschichte

Viele Leute behaupten, es gibt keine Zufälle. Es werde alles immer so kommen, wie es kommen muss. Nun, ich glaube an den Zufall, allerdings verlaufen die Dinge in der Folge dann oft so, wie es kommen muss.

Im Jahre 2008 wurde ich - fast zufällig - in das von Greenpeace, Caritas und ASTM initiierte Bürgerprojekt „180 Grad - Le virage climatique" einbezogen. Das Projekt hatte als Ziel, dass Durchschnittsbürger sich mit dem Thema Klimawandel auseinander setzen und ihre Erkenntnisse durch öffentlichkeitswirksame Aktionen vortragen sollten. Das Projekt fand im Jahr vor den „Chamberwahlen“ 2009 statt und sollte Einfluss auf die Wahlprogramme der Parteien nehmen. Das Ziel: Klimaschutz sollte mehr Gewicht in der nationalen Politik bekommen. Und dann war da noch der ominöse Klimagipfel vom Dezember 2009 in Kopenhagen, als die Welt noch glaubte, man könnte in einer globalisierten Welt einheitliche Klimaschutzziele nicht nur definieren, sondern sich auch die Regeln und Mittel geben, diese Ziele umzusetzen. Der Beitrag vom Bürgerpanel sollte die Luxemburger Vertreter beim Klimagipfel motivieren, eine proaktive Rolle einzunehmen.

Das 180 Grad-Projekt sollte ursprünglich ein Jahr bis zu den „Chamberwahlen“ im Juni 2009 dauern. Wegen des Kopenhagener Klimagipfels zog es sich noch bis Januar 2010 hin. Dann war Schluss, und die meisten der 20 Bürger, die am Panel teilnahmen, kehrten in ihr normales Leben zurück, mit vielen wertvollen Erfahrungen, aber trotzdem etwas enttäuscht, nicht nur wegen des gescheiterten Klimagipfels, sondern auch, weil keine wahrhafte Kehrtwende in der einheimischen Politik zu erkennen war.

Einige der Teilnehmer wollten jedoch die in dem Jahr gewonnenen Erkenntnisse nicht auf sich beruhen lassen. Sie wollten auf den bis dahin gemachten Erfahrungen aufbauen und sich weiter dem Klimaschutz verpflichten. Nun, einer dieser Menschen bin zufällig ich.

 

Folge 2 : Vom Bürgerpanel 180 Grad bis zum Entstehen von Transition Minett.


Anfang 2010, nach Abschluss des Bürgerpanels 180grad, wollten einige „Besessene“ des Bürgerpanels ein Klimainstitut in Luxemburg gründen, das die Aufgabe eines „Observatoire du Climat“ übernehmen und die hierzulande gemachten „Fortschritte“ in Sachen Klimaschutz dokumentieren sollte. Das Projekt war aber nicht umsetzbar, da es keine staatlichen finanzielle Hilfe gab und das Volumen für eine rein ehrenamtliche Arbeitskraft nicht zu schaffen war.

2010 traten déi gréng Schëffleng an mich heran und fragten, ob ich ihnen in der lokalen Sektion helfen könnte. Nach reichlich Überlegen habe ich zugesagt. Den Entschluss, mich in der Gemeindepolitik zu implizieren, wurde durch die Hoffnung getragen, dass man auf lokaler Ebene Klimaschutzprojekte schneller vorantreiben könne. Zum Beispiel kann Energiearmut sozial schwacher Bürger entgegen gewirkt werden, indem die energetische Wohnungssanierung mit Gemeindemitteln vorfinanziert wird. Um solche Initiativen voranzutreiben, bin ich seit Dezember 2011 im Schifflinger Gemeinderat.
Trotz politischem Engagement blieb ich aber überzeugt, dass man die nötigen Veränderungen in der Gesellschaft, um effizienten und sozial ausgewogenen Klimaschutz zu betreiben, nicht von oben herab verordnen kann, sondern dass ein Umdenken aus der Bevölkerung heraus wachsen muss und gute Politik unterstützend wirken soll. Die Idee einer Bürgerbewegung fing an, sich zu konkretisieren und ich begann, mir Gedanken zu machen, mit welchen Leuten eine solche Bewegung ins Leben gerufen werden könnte.
Etwa gleichzeitig hielt eine gewisse Katy Fox (heute CELL) Vorträge über die in England gegründete Transition Town Bewegung. Sie erklärte, was es braucht, damit eine Gesellschaft Resilienz entwickele, um gegen die Abhängigkeiten einer globalisierten Welt gefeit zu sein.

Ende 2011 war es dann soweit. Im richtigen Moment traf ich Norry Schneider (damals Caritas, heute Transition Minett), der seit einiger Zeit in die gleiche Richtung dachte. Er hatte bereits eine Reihe von engagierten Leuten kontaktiert und ein Treffen in der Escher Kulturfabrik organisiert.

Im Dezember 2011 kam es dann zur Geburt der Bürgerbewegung Transition Minett. Bis zur Gründung einer Energiekooperative war es allerdings noch ein weiter Weg.

 

Folge 3: Transition Minett und die Entwicklung der Energiekooperative.

Nach dem Kick-off von Transition-Minett, Ende 2011, traf man sich regelmäßig um über sämtliche angedachten Projekte zu reden. Meist waren immer neue Leute dabei und die Hälfte der Abende vergingen indem jeder sich vorstellte und von seiner Motivation sprach. Auch wenn es anfangs nicht klar war, dass man nach 4 Stunden Diskussionen mit etwas Handfestem nach Hause ging, war es doch ein wichtiger Prozess, da sich daraus die spezifischen Interessen der einzelnen Teilnehmer mehr und mehr konkretisierten.
In der Folge wurde entschieden, dass sich die einzelnen Arbeitsgruppen separat treffen würden um ihre Projekte weiter zu entwickeln. Ab Mitte 2012 trafen wir uns regelmäßig zu 4–6 Leuten, um über die konkrete Umsetzung von Initiativen im Bereich der erneuerbaren Energien zu beraten. Abwechselnd nahmen einige aus unserer Gruppe an Workshops teil. Z.B. an der Uni-Luxemburg wo Ariane König eine Ausbildung im Bereich Nachhaltigkeit und Sozialinnovation leitet oder an einer von Ingo Hanke initiierten Veranstaltung der ErwuesseBildung wo über „Energie in Bürgerhand“ diskutiert wurde. Weiter gab es Treffen mit dem Energipark Réiden und den Energiekooperativen Lucéole aus dem belgischen Habay-la-Neuve und EquiEnerCoop aus Junglinster.

Diese Gespräche führten in unserer Arbeitsgruppe zur Überzeugung, dass man ein konkretes Projekt im Bereich der Produktion erneuerbarer Energien entwickeln sollte, mit der Absicht viele Bürger einzubinden. Auch sollte als Erstes ein einfaches, schnell umsetzbares Projekt entstehen, um zu zeigen, dass „Energie in Bürgerhand“ möglich ist, aber auch um Erfahrungen in technischen und administrativen Bereichen zu sammeln.
Es wurde uns schnell klar, dass wir eine Kooperative gründen wollten, da dies die einzige kommerzielle Gesellschaftsform ist, die auf demokratischer Basis Entscheidungen trifft, wo der Anteilseigner als Mensch zählt und nicht nur das von ihm eingebrachte Kapital. In der Kooperative hat jeder Anteilseigner bei Entscheidungen in der Vollversammlung eine Stimme, egal ob er 1 Anteil oder mehrere besitzt.

Am 23. September 2013 unterzeichneten 11 Gründungsmitglieder die Statuten von TM EnerCoop SC und die Energiekooperative war gegründet. Nach mehreren Gesprächen stellt uns die Stadt Esch das Dach der Sporthalle in Lallange zur Verfügung. Nach der Überwindung aller administrativen und finanziellen Hürden, konnten wir am 14. Dezember 2014 unsere erste Photovoltaikanlage in Betrieb nehmen. Weitere Anlagen sind in Planung. Mitmachen ist für jeden möglich, ein Anteil an der Kooperative kostet 100€.

 

Folge 4 : Motivation zum Engagement

Es gibt Charaktere, bei denen Ereignisse so etwas wie einen Motivationsschub auslösen. Oft allerdings, nachdem sie sich kurzeitig damit intensiv beschäftigt haben, verlieren sie das Interesse an der Sache und nach einiger Zeit ist die Luft raus und das Engagement geht verloren. Bei Anderen sind es eher Erkenntnisse die eine schleichende Entwicklung auslösen. Vorerst interessieren sie sich eher zurückhaltend an einem Thema, probieren den eigenen Wissensstand auszuweiten, gewinnen dadurch an Interesse und sie engagieren sich Nachhaltig.

Mein Charakter entspricht eher Letzterem. Die Klimadiskussionen habe ich seit den Kyotoverhandlungen mehr oder weniger regelmäßig in der Presse verfolgt. Dort gab es die Klimaskeptiker (es gibt sie auch heute noch, es sind auch noch immer die gleichen Unbelehrbaren) und die, die vor dem Klimawandel warnten und Klimaschutz verlangten oder Lösungen vorschlugen.

Mein „zufälliges“ Engagement beim Bürgerpanel 180-grad (siehe Artikel 1 in Greenpeace Magazin 11) hat es mir erlaubt meinen Wissensstand zu erweitern und mir eine eigene gefestigte Meinung zum Thema Klimawandel zu machen. Zudem wurde mir schnell bewusst dass der Klimawandel einen extremen Druck auf alle Menschen respektive Gesellschaften, egal ob sie sich auf dem Planet Erde befinden, auslöst (Einen Vorgeschmack auf das was ansteht, bieten die aktuellen Flüchtlingsströme bereits heute, wenn auch die Gründe natürlich andere sind). Klar wurde mir auch ganz schnell, dass die industriellen Tätigkeiten der westlichen Länder der letzten 150 Jahre und unser damit verbundener Lebensstil, Hauptverursacher am Klimawandel sind.

Eine weitere Erkenntnis ist die Tatsache dass die Politik sich extrem schwer damit tut, die Ursachen des Klimawandels (vor allem CO2-Emissionen) einzuschränken und verbindliche Rahmenbedingungen zu schaffen damit auch die Länder der Dritten Welt sich unabhängig entwickeln können.

Aus dem Bewusstsein heraus, dass man nicht auf die Politik warten soll um lokal die nötigen Veränderungen anzuregen, vielleicht aber auch weil ich Vater von 2 Kindern bin, und dass mir daran gelegen ist, dass nach meiner Generation nicht die Sintflut kommt, habe ich mich immer mehr zum „Klima- = Umwelt- = Sozialaktivisten“ entwickelt. Außerdem macht es natürlich auch noch richtig Spaß mit Gleichgesinnten (und es werden täglich mehr) zusammen an einer zukunftsfähigen, ökologisch ausgewogenen und sozialgerechten Gesellschaft gestalterisch zu wirken. Transition-Minett und die Energiekooperative bieten ein wunderbares Umfeld um sich zu betätigen und die Motivationsfrage stellt sich eigentlich nur dann wenn es gilt einen Artikel darüber zu schreiben.