Die Geschichte der Zelle und des Myzels



Katy Fox

 

Dr. Katy Fox träumt neue Räume für Mitstreiter für eine andere Wirtschaft, beobachtet soziale Strukturen und Prozesse, organisiert die ökologische und energetische Transition, arbeitet gerne mit Pflanzen und unterrichtet Jugendliche, weil man da viel lernt. 

                                                      

 

 

 

 

Was ist das Projekt der Zelle und des Myzels [1] ?

Als ich im Jahr 2010 CELL, das Centre for Ecological Learning Luxembourg, als Projekt entwickelte und es durch das Engagement der Gemeinde Beckerich im Westen Luxemburgs Anfang 2011 einen Launch mit über 100 Menschen erfuhr, geschah dies in einer Attitüde und Logik des sozialen Experiments. Was wachsen will, wird seinen Weg finden. Dennoch hatte ich als Entwickler des Projekts viele Ideen, was die Ziele und das Handlungsspektrum von CELL sein sollten. Ich betrachtete die Organisation als einen fruchtbaren Nährboden für verrückte und innovative, bürgergesteuerte Projekte, eine Plattform für echte Zusammenarbeit, ein Ort der Ruhe und der persönlichen Expansion. Konkret war CELL breit und holistisch angedacht, und die ersten Veranstaltungen reichten von  Energiesenkung über Peak-Oil-Aufklärung bis hin zu Radical Education Events und Rundtische über nachhaltige Landwirtschaft. Ich wollte meine Botschaft weitergeben, die ich vor 5 Jahren ungefähr so wahrnahm: Es ist unsere Verantwortung, unsere kohlenstoffreduzierte, fossilfreie Transition zur permanenten Kultur und zum menschlichen Wohlbefinden selbst in die Hand zu nehmen, um zukunftsfähig zu sein angesichts der Auswirkungen des Klimawandels, des polarisierenden Wirtschaftssystems, des Verlusts von Menschlichkeit, und der sich ausdehnenden Komplexität der mediatisierten Welt. Meine Wahrnehmung war eine, die ein unheimliches Potenzial für Kreativität und Freude sah und fest daran glaubte, dass CELL die Menschen anziehen würde, die für seine Entwicklung die besten wären. Ich wollte meine Kreativität leben. CELL war eine erste Zelle. CELL, das unterirdische Myzel wucherte und brachte, unter guten Bodenbedingungen, Fruchtkörper hervor: thematische und regionale Action Groups sowie Workshops und Seminare.

 

 

Wie kam ich denn auf so etwas?

Ich hatte durch meine Forschungsarbeit in der Anthropologie mit Schwerpunkt auf sozialem und wirtschaftlichem Wandel im ländlichen Raum in Rumänien (2006-2010) verstärkt das Bedürfnis verspürt, permanente Landwirtschaft zu recherchieren, und dabei etwa 2009 herausgefunden, dass es nur wenige Ansätze gab, welche die verschiedenen Aspekte unserer unnachhaltigen Kultur bis zu Ende dachten. Ich fand Agroökologie und Permakultur und beschloss, in Südengland eine erste Ausbildung zu machen. Durch diese Ausbildung lernte ich die Transition Town Bewegung kennen. Ich war verändert. Ich hatte begriffen, mit meinem Herz und meinem Verstand, dass die Themen unserer Ölabhängigkeit, unserer Zerstörungswut und der Ökonomisierung aller Teile unseres Lebens praktisch angegangen werden müssen. Mir war das Systemdenken schon lange ein natürlicher Wegbegleiter und ich merkte, dass ich in der Permakultur und Tiefenökologie ein Zuhause gefunden hatte. Meine Denkweise schien plötzlich deutlich weniger dissonant.

 

 

Ist das nicht etwas suspekt?

Wenn das etwas nach Vereinnahmung klingt, so denke ich, dass mich eher die Verbindung von Praxis und Theorie überzeugt hat, als jedwede Ideologie, die spürbar war, aber die mich persönlich nicht überzeugt hat. In meinen darauffolgenden Recherchen mit Permakultur-Praktikern fand ich heraus, dass der Fokus auf praktischen Lösungsansätzen und die Qualität der Gemeinschaft, die sich um diese Handlungsmöglichkeiten bildet, Menschen verwandelt, nicht die Informationen oder Analyse der bestehenden Herausforderungen.

Es geht in unserem aktuellen Kontext viel darum, vom Wissen ins Handeln und Verwandeln zu kommen. Deswegen ist es wesentlich, Handlungsmöglichkeiten anzubieten, da die aktuellen multiplen Krisen unserer Erde (stets wachsende Ungleichheit, Verhärtung ideologischer Fronten, Klimawandel, Ressourcenschwund, Sinnverlust, Artenverlust, Finanzkrise, Bildungskrise, Vertrauenskrisen vielerlei Art...) uns so überfordern, dass die vorwiegende und bestimmende Reaktion auf persönlicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene immer noch Ableugnen ist. Die Krise der Gegenwart hat ihren Ursprung darin, dass eine veraltete soziale und gesellschaftliche Struktur stirbt. Das hat die Konsequenz, dass wir in allen Systemen kollektiv Ergebnisse produzieren, die niemand eigentlich will. Egal wie viel Macht sie haben, alle Entscheidungsträger fühlen sich genau so gefangen in den Strukturen wie du und ich. Wie bringen wir diese alten Muster so in Bewegung, dass wir darüber hinaus denken und handeln können? Das war und ist mein Anliegen mit CELL.

 

Wie schaffe ich etwas wirklich Neues?

Ich wollte und will mein Ändern leben, und versuche bis heute, immer kohärenter in meinen Handlungen zu werden: mein Gemüse und Obst selbst anzubauen und zu bewahren; DIY- und Permakultur-Design Workshops zu organisieren, den kulturellen Wandel durch Enskilment[2] möglich zu machen, die Zusammenarbeit von Menschen mit sehr unterschiedlichen Perspektiven zu ermöglichen. Es hat sich vieles getan. Es kamen Menschen, die ihre Zeit und Talente in CELL investierten. Es taten sich interessante Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft, der Privatwirtschaft und ansatzweise auch mit öffentlichen Akteuren auf, die gestaltet werden wollten. Wir gewannen viele Mitglieder und einige Innovationspreise, lernten alle Aspekte des Core Teams kennen, erlebten Konflikt und Niederlagen, vertieften unsere Permakultur-Kenntnisse, bauten eine fahrradgetriebene Waschmaschine, tankten Sonne auf Festivals, suchten manchmal verzweifelt eine gemeinsame Sprache für ein Treffen im Kontext des luxemburgischen Babylons, organisierten Treffen um home made, lokale, ökologische Potluck[3]-Mahlzeiten, gärtnerten, bastelten und tanzten, designten Kurse sowie unsere eigenen Strukturen, und bekamen Unterstützung aus Gemeinden und Ministerien.

Es gibt im Moment folgende thematische Aktionsgruppen: Permakultur, Aquaponie, SEED, Art for Change, TERRA, und Resilience Research. Wir haben außerdem einige regionale „Transition“ Aktionsgruppen, die sich wiederum teilweise ihre eigenen Strukturen gegeben haben und bsp. eine Bürgerenergie-Kooperative gegründet haben sowie ein Büro erschlossen haben („Chantier de la Transition“). Heute sind wir auf dem Punkt in unserem entstehenden nationalen Netzwerk, 2-3 Arbeitsstellen finanzieren zu können, um tief involvierte ehrenamtliche Menschen zu entlasten und Raum zu schaffen für mehr Impakt.

 

CELL - Centre for Ecological Learning Luxembourg ist ein Verein und Impulsgeber des luxemburgischen Transition Netzwerks zur Stärkung der Resilienz (Widerstandskraft). Wir begleiten und unterstützen Graswurzelprojekte lokal und agieren auch regional/international vernetzt in den sozialen Bewegungen der Permakultur und der Transition Towns. 

Unsere Vision: CELL raises awareness, practises resilience and designs appropriate systems for changemakers and grassroots groups interested in bioregional resilience, in order to empower, nurture and catalyse connections between living beings and the places they inhabit.

http://www.cell.lu/



[1] Mit diesem Begriff bezeichne ich alle Arten des Wissens- und Kapazitätenerwerbs, die auf vielen verschiedenen Ebenen (sozial, persönlich, spirituell,…) transformativ und immer handlungsorientiert sind. Menschen, die diese Praxis geprägt haben, sind Paulo Freire,  A.S. Neill, John Holt, Robin Richardson, und viele andere. Ich sehe auch die Permakulturbewegung sowie andere emanzipatorische Bewegungen als Teil von Radical Education.

[2] praktischer, handlungsorientierter Erwerb von alltagstauglichem Wissen, Kompetenzen und Kapazitäten

[3] Ein Potluck ist, wenn jedeR TeilnehmerIn Essen zum Teilen mitbringt.