„Wie die Welt von morgen aussehen könnte“

Interview mit dem Regisseur des französischen Dokumentarfilms „Tomorrow“ Cyril Dion

Newsartikel - 30 Mai, 2016
In einem Interview mit Greenpeace-Sprecher Adam Pawloff spricht der Regisseur und Aktivist Cyril Dion über den neuen Dokumentarfilm „Tomorrow“. Dieser gibt Hoffnung und zeigt Lösungen auf, die unsere Welt nachhaltig verbessern könnten. Ausgezeichnet wurde „Tomorrow“ bereits mit dem Filmpreis César in der Kategorie Bester Dokumentarfilm. Ab dem 3. Juni wird er auch in den österreichischen Kinos zu sehen sein.

Filmteam von "Tomorrow"

Mir hat der Film sehr gut gefallen, vor allem der positive Ansatz, der den Menschen Hoffnung gibt. Aber warum heißt der Film “Tomorrow” und nicht “Today”?

Cyril Dion: [Lacht] Weil “Today” keinen Traum auslöst. Die Welt sieht heute auch noch nicht so aus wie die Beispiele im Film. Wir wollten mit dem Film zeigen, wie die Welt von morgen aussehen könnte. “Tomorrow” ist nicht weit entfernt, nur noch einmal schlafen. Es ist ein bisschen Zukunft und ein bisschen Gegenwart. Aber die Welt ist heute noch nicht so, wie sie sein könnte.

Müssten wir aber nicht schon heute mit dem Handeln anfangen, um die Welt von morgen zu einem besseren Ort zu machen.

Dion: Das stimmt. Aber wenn wir morgen damit anfangen, ist das schon großartig. Nicht übermorgen, aber morgen.

Der Film wurde in die Kapitel Landwirtschaft, Energie, Wirtschaft, Demokratie und Bildung eingeteilt. Wie kam es dazu und warum gibt es beispielsweise kein Kapitel namens “Klimawandel”?

Dion: Weil wir zeigen wollten, wie alles miteinander verbunden ist. Und unser dramaturgischer Ansatz war der eines Road Movies, dafür braucht es Abenteuer durch die man immer weiter zieht.
Wir wollten mit der Landwirtschaft beginnen, da dies das wichtigste ist, das wir sicherstellen müssen. Wir müssen alle Menschen auf diesem Planeten ernähren können. Und als wir uns mit der Landwirtschaft und möglichen Lösungen beschäftigten, fanden wir heraus, wie sehr die heutige Landwirtschaft vom Erdöl abhängig ist. Das ist natürlich ein Problem, weil die Öl-Lobby so stark ist, dass sie die moderne Landwirtschaft daran hindert, sich stärker an Konzepten wie Permakultur und Agrarökologie zu orientieren. Das war das Problem, das uns zurück auf die Straße brachte, mit dem Fokus auf Energie und der Frage, wie wir uns vom Erdöl abwenden können. Während diesem Teil der Reise fanden wir heraus, das viele Städte und Länder die Energiewende nicht schaffen, weil es zu kostspielig ist und sie bereits verschuldet sind.
Wir wollten verstehen, warum. Warum sind wir so verschuldet und wie können wir ein Wirtschaftsmodell entwerfen, das stark genug ist, um die Energiewende zu finanzieren? Das brachte uns zum ökonomischen Teil und dabei erkannten wir, das Geld und die Finanzmärkte die Macht über die Demokratie haben. Daher wollten wir herausfinden, welches neue Demokratie-Modell wir erschaffen könnten und dabei erkannten wir auch, dass es für eine effiziente Demokratie vor allem engagierte Menschen braucht und das geht Hand in Hand mit Bildung. Wir müssen unsere Kinder zu verantwortungsvollen Bürgerinnen und Bürgern heranziehen, die an einem echten demokratischen Prozess teilnehmen.
Damit konnten wir alle verschiedenen Bereiche letztendlich mit unserem Ökosystem in Verbindung bringen. Und das ist die Botschaft des Films: Wir müssen uns mehr von der Natur inspirieren lassen und nicht von industriellen Parametern.

 Die Regisseure Cyril Dion und Mélanie Laurent

Es war also eine Art “learning by doing” und das eine führte zum anderen… Wie habt ihr die Projekte, die ihr besucht habt und die Personen, die ihr interviewt habt, ausgewählt?

Dion: Ich habe vor zehn Jahren in Frankreich eine NGO namens “Humming Bird” gegründet sowie ein Magazin und eine Bücher-Serie zu den Themen des Films herausgebracht. Daher kannte ich schon sehr viele Initiativen auf der ganzen Welt. Für den Film haben wir sie anhand der folgenden Kriterien ausgewählt: Sie sollten erfolgreich genug sein, um auch skeptische Personen zu überzeugen. Wir wollten, dass sich die Menschen mit den Orten und den involvierten Personen identifizieren können. Wir wollten interessante, charismatische Persönlichkeiten zeigen und wir wollten zwischen all den Orten und Protagonisten eine Verbindung herstellen. Diese Kriterien haben letztendlich die Projekte bestimmt, die wir im Film vorstellen.

Welches der Projekte hat dich am meisten inspiriert?

Dion: Mir wurde diese Frage schon so oft gestellt und ich weiß noch immer nicht, wie ich darauf antworten soll, weil mich alle Projekte sehr inspiriert haben. Manche haben mich mehr beeindruckt – zum Beispiel die Projekte im Zusammenhang mit dem Finanzsystem – als ich verstand, dass die Art und Weise, wie wir Geld machen eine Art Architektur ist, die die Welt und unsere Gesellschaft zu dem macht, was sie ist.
Besonders beeindruckt hat mich zudem auf einer persönlicheren Ebene die Schule in Finnland, wo …. Ich hätte sehr gerne so eine Schule besucht!

Was war das größte Highlight eurer Reise?

Dion: Ich denke die beeindruckendste Initiative, die letztendlich Mélanie davon überzeugt hat, den Film mit mir zu machen, war die Permakultur-Farm in der Normandie. Hier wird die Idee, dass wir zehnmal so viel Obst und Gemüse produzieren können wie in der industriellen Landwirtschaft, ohne Chemikalien, Erdöl und Maschinen zu benutzen und dabei einen wunderschönen Ort voller Vielfalt schaffen können, tatsächlich gelebt. Das ist etwas, das wir überall auf der Welt umsetzen können und es würde so viele Probleme lösen.

Und was war die größte Herausforderung?

Dion: Die Geschichte unterhaltsam zu machen. Wir wollten einen Film machen, den sich Aktivisten anschauen ohne zu denken “Das habe ich alles schon gesehen, das interessiert mich nicht”, der aber genauso die breite Masse anspricht und ihnen etwas beibringt. Das heißt, das war die größte Herausforderung, all diese Menschen zusammenzubringen und den Film für eine breite Zielgruppe attraktiv zu machen. In Frankreich hat es gut funktioniert, wir hatten eine Million Kinobesucherinnen- und besucher, was wirklich viel ist für einen Dokumentarfilm. Auch in Belgien und in der Schweiz hat es gut funktioniert, daher hoffe ich, dass es in Österreich ebenso sein wird.    

Ich hoffe, wir können durch die Unterstützung von Greenpeace zum Erfolg des Films beitragen! Wie lange hast du an dem Film gearbeitet?

DionVon dem Zeitpunkt, als ich begonnen habe, das Konzept für den Film zu schreiben bis zur Veröffentlichung in Frankreich hat es fünf Jahre gedauert.
Am längsten hat es gedauert, das Geld für den Film zusammenzubekommen. Bei den Institutionen, die normalerweise solche Filme finanzieren, hatten wir leider kein Glück. Daher haben wir beschlossen, wir fragen die Menschen da draußen, die Leute, die den Film gerne sehen möchten. Wir wollten 200.000 Euro in zwei Monaten sammeln – aber nach nur drei Tagen hatten wir das ganze Geld beisammen! Am Ende der zwei Monate hatten wir 450.000 Euro, eine Art Weltrekord für das Crowdfunding eines Dokumentarfilms. Als die Fernsehsender und Filmverleiher das mitbekamen, dachten sie sich: “Das scheint wohl doch ein interessantes Projekt zu sein. Vielleicht sollten wir auf den Zug aufspringen.”

Agrarenergie: auf La Réunion werden die Dächer von Gewächshäusern mit Solarzellen ausgestattet.

Das ist beeindruckend! Wie habt ihr das in nur drei Tagen geschafft?

Dion: Wir haben zwei Monate daran gearbeitet, die Crowdfunding-Kampagne vorzubereiten. Wir haben ein tolles Video produziert, indem Mélanie und ich den Film vorstellen. Wir sind nach La Réunion gereist, eine Insel in der Nähe von Madagaskar, und haben drei Tage lang die ersten Aufnahmen für den Film gemacht. Aus diesen drei Tagen wurde dann ein zweiminütiges Teaser-Video, mit dem wir zeigten, wie der Film aussehen könnte.
Dann versuchten wir unser gesamtes Netzwerk zu mobilisieren, Greenpeace und andere NGOs die Interesse an dem Film haben könnten. Und die Leute liebten unser Projekt! Das war der Moment, als wir begriffen, dass es eine große Nachfrage nach einem Film gibt, der Hoffnung gibt, Lösungen vorstellt und eine Vision für die Zukunft zeigt. Etwas, das die Politikerinnen und Politiker in Frankreich nicht schaffen. Damals waren gerade Regionalwahlen in Frankreich und - ähnlich wie in Österreich - waren die Rechtspopulisten die stimmenstärkste Partei und viele Menschen fühlten sich dadurch motiviert. Also kam unser Film gerade zur richtigen Zeit.

Der Film zeigt, dass jede/r einzelne dazu beitragen kann, die Welt zu retten. Welchen Tipp hast du für die Kinobesucherinnen und- besucher, die nach dem Film motiviert sind, selbst etwas zu tun?

Dion: Hört auf, Fleisch zu essen oder reduziert zumindest euren Fleischkonsum. Das ist tatsächlich eines der wirkungsvollsten Dinge, die man tun kann. Die industrielle Fleischproduktion ist mitverantwortlich für den Klimawandel und für Abholzungen auf der ganzen Welt. Sie verbraucht viel Wasser und Erdöl und die Tiere werden zumeist unter schlechten Bedingungen gehalten. Nur Bio-Fleisch zu essen und das nur wenige Male pro Woche ist eine gute und gleichzeitig sehr einfache Maßnahme, die man setzen kann.
Mein anderer Vorschlag ist dagegen schwieriger umzusetzen: Finde einen Job, den du liebst, etwas worin du Talent hast und versuche dich damit für den Planeten und die Menschen einzusetzen. Wir werden im nächsten Jahrzehnt sehr viel Energie brauchen um die Welt zu verändern und wir können das nicht zwischen 18 und 20 Uhr am Abend nach der Arbeit machen. Wir müssen es den ganzen Tag und das ganze Jahr über machen. Das heißt, wir müssen es durch unsere Hauptbeschäftigung machen und wir müssen das, was wir tun, lieben, um viel Kreativität und Enthusiasmus einfließen zu lassen. Und wir müssen ein Talent dafür haben, weil uns das viel effizienter macht in dem, was wir tun.

Großartig, ich mag diese Antwort! Das führt uns schon zur letzten Frage: Was sind deine nächsten Projekte? Was wirst du als nächstes machen?

Dion: Ich beende gerade einen Roman. Und ich bereite etwas für das französische Fernsehen vor: Wir machen eine Serie aus fünf Folgen, eine zu jedem Kapitel des Films. So können wir uns noch tiefer mit jedem Thema beschäftigen und unveröffentlichtes Material zeigen.
Zudem schreibe ich an einem neuen Film. Das wird eine Art Fortsetzung von “Tomorrow”, wenn man so will, aber diesmal Fiktion. Eine fiktive Geschichte über die Zukunft, in der ich erzählen will, wie sich die Welt in den nächsten 20 Jahren verändern kann. Und wie die Menschen eine moderne Revolution machen können, nicht wie die Französische Revolution oder jede andere Revolution, die wir kennen, etwas komplett Neues. Viele der Personen, die wir im Film sehen, sagen: Wenn wir schnell etwas bewirken wollen, wenn wir die Welt in den nächsten 20 Jahren verändern wollen, dann müssen wir Millionen von Menschen mobilisieren. Und wir haben noch keine Vision dafür. Ich möchte dabei helfen, zumindest eine Vision zu erschaffen, die die Menschen inspirieren kann, etwas zu verändern.

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