2018: Das Jahr, in dem wir die Antarktis schützen

Newsartikel - 13 Februar, 2018
Wer an buntes Leben in unglaublicher Dichte denkt, bringt es meist nicht mit den kalten Wassern der Antarktis in Verbindung. Aber genau dort, im Weddellmeer, pulsiert das Leben wie sonst nur in tropischen Riffen. Dieses Leben wird nun durch die Interessen der Krill-Industrie bedroht–doch mit einem Meeresschutzgebiet können wir diese Gefahr abwenden.

Im tiefen Blau der Strömung bewegen sich braune Algenwälder. Am Boden sind orangegelbe Sonnensterne zu sehen. Ein schwarzweißer Pinguin taucht durch das Wasser. In den Tiefen findet der rostrote Riesenkalmar mithilfe seiner basketballgroßen Augen Beute. Und das mächtigste Tier, das die Erde je gesehen hat, der ehrfurchtgebietende Blauwal, pflügt durch eine rosa Wolke aus Krill, um sich zu ernähren.

Das ist das Weddellmeer. Hier leben 14.000 Arten. Auf seinem Boden finden sich bis zu 150.000 Tiere pro Quadratmeter. An seinen Küsten sind Pinguinkolonien. Ein Drittel aller Kaiserpinguine wird auf dem Meereis im Weddellmeer geboren. Dies ist etwas anderes als die Eiswüste, die man sich vielleicht unter der Antarktis vorgestellt hat; dies ist ein reiches Ökosystem.

Das Fundament des antarktischen Lebens – der Krill

Grundlage für dieses Ökosystem ist ein winziges Krebstierchen: Höchstens so groß wie ein kleiner Finger, bildet der Krill die Grundlage der antarktischen Nahrungskette. Die meisten Tiere essen ihn entweder direkt oder ernähren sich von Tieren, die Krill verspeisen. Dazu gehören auch die allergrößten; Krill ist die Hauptnahrungsquelle der Wale. So braucht ein Buckelwal bis zu 4.000 Kilo Krill pro Tag, um zu überleben; ein Blauwal, das größte Tier, das die Erde je gesehen hat, kann gar 500 kg Krill mit einem Schluck aufnehmen.

Der Krill hat aber auch einen größeren Nutzen: Indem er kohlenstoffreiche Nahrung aus dem Wasser aufnimmt und sie in tieferen Lagen ausscheidet, ist er ganz wesentlich für die Bindung von CO2 im Wasser. Das unscheinbare Tierchen ist damit ein wichtiger Verbündeter des Menschen im Kampf gegen den Klimawandel.

Gentoo penguin with chick in Hope Bay on Trinity Peninsula, which is the northernmost part of the Antarctic Peninsula. Just outside Hope Bay, the Antarctic Sound connect the Bransfield Strait to the Weddell Sea. In this area, Greenpeace is about to conduct submarine-based scientific research to strengthen the proposal to create the largest protected area on the planet, an Antarctic Ocean Sanctuary.

Krill-Fischerei dringt direkt ins Herz der Antarktis vor

Doch Krill wurde in den letzten Jahren auch von einer wachsenden Industrie entdeckt. Er dient als Futter in den immer weiter wachsenden Fischfarmen. Zusätzlich enthält Krill Omega-3-Fettsäuren, denen gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben wird.  Daher landet Krill auch als Nahrungsergänzungsmittel in unseren Apotheken. Da das Geschäft mit dem Krill immer lukrativer wird, dringen nun Fischerei-Schiffe aus aller Welt tiefer in die antarktischen Meere ein, um den Krill mit industriellen Methoden abzufischen.

Damit bedrohen sie die Nahrungsgrundlage der Antarktisbewohner ganz direkt: Sie stehen in Konkurrenz zu Walen, deren Bestände sich seit dem Ende des kommerziellen Walfangs 1986 immer noch nicht erholt haben.  Sie setzen ein Ökosystem unter Druck, das bereits unter den Folgen des Klimawandels leidet. Und sie bedrohen damit die Gesundheit der Meere – und das geht uns alle an.

Humpback whale in Paradise Bay, Palmer Archipelago on the Antarctic Peninsula. Greenpeace is conducting submarine-based research of the seafloor to identify Vulnerable Marine Ecosystems, which will strengthen the case for the largest protected area on the planet, an Antarctic Ocean Sanctuary.

Gesundheit der Meere

Denn die Meere schenken uns Leben – im wahrsten Sinne des Wortes: Jeden zweiten Atemzug verdanken wir den Ozeanen, die 70 Prozent des Planeten bedecken. Und die Meere schützen uns vor den schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels. Sie nahmen in den letzten 60 Jahren einen Großteil der durch Treibhausgase verursachten Wärme auf; gäbe es keine Meere, hätte sich die Erde bereits um 36° erwärmt. Sie binden auch große Mengen an CO2. Und ihre Strömungen wirken wie Wärmetauscher, indem sie warmes Wasser aus den Tropen in die Polargebiete tragen und dort kühlen.

Doch diese Mechanismen funktionieren nur, wenn die Meere gesund sind. Bereits kleine Einflüsse können das komplexe Gleichgewicht stören – so haben ForscherInnen erst vor wenigen Jahren herausgefunden, dass Wale den Meeresboden düngen und somit seine Fähigkeit, andere Lebewesen zu ernähren, steigern. Negative Umwelteinflüsse wie die Versauerung der Meere durch den Klimawandel haben noch gravierendere Auswirkungen. Es ist daher dringend notwendig, so viele Meeresgebiete wie möglich unter Schutz zu stellen; das aber ist schwerer als man denken mag.

Icebergs in Charlotte Bay, Antarctic Peninsula. Greenpeace is on a three-month expedition to the Antarctic to carry out scientific research, including seafloor submarine dives and sampling for plastic pollution, to highlight the urgent need for the creation of a 1.8 million square kilometre Antarctic Ocean Sanctuary to safeguard species like whales and penguins.

Meeresschutz mit Herausforderungen

Der größte Teil der Meere befindet sich außerhalb von Staatsgebieten. Damit befindet er sich auch außerhalb der Möglichkeiten, Regeln für die nachhaltige Nutzung durchzusetzen. Rücksichtslose Industrien haben so freies Spiel, um die Meere brutal auszubeuten – es sei denn, die internationale Staatengemeinschaft schließt sich zusammen, um Meeresschutzgebiete einzurichten.

Solche Meeresschutzgebiete sind die Hoffnung für die Erholung der Ozeane. In ihnen sind menschliche Aktivitäten eingeschränkt und industrielle Fischerei verboten. Und sie wirken: Studien haben gezeigt, dass sich die Biomasse in Gebieten, die für die Fischerei tabu sind, innerhalb kurzer Zeit vervierfacht.

Bis jetzt konnten schon einige große Meeresschutzgebiete erwirkt werden: Die größten sind 1,5 Millionen Quadratkilometer vor Hawaii und 1,55 Millionen Quadratkilometer des im antarktischen Ross-Meeres. Nun haben wir die einzigartige Chance, ein noch größeres Meeresschutzgebiet zu errichten. Im Oktober 2018 tagt die Antarktis-Kommission. Sie wird darüber entscheiden, ob 1,8 Millionen Quadratkilometer des Weddellmeeres zum Schutzgebiet gemacht werden.

Die Antarktis braucht uns wieder

Schon einmal hat Greenpeace mit der Unterstützung von Millionen Menschen weltweit die Antarktis geschützt: Als in den 1980ern die Bergbauindustrie ihre Augen auf die Bodenschätze unter dem antarktischen Eis richtete, mobilisierte Greenpeace Menschen weltweit für den Weltpark Antarktis. Mit Erfolg: Seit 1991 ist die gesamte Landmasse unter Schutz gestellt.

Doch heute gilt es wieder, die Antarktis zu schützen, wenn ihre Meere bedroht sind. Gemeinsam können wir Geschichte schreiben – mit dem größten Meeresschutzgebiet der Welt!

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