Ich kauf nix – ein Jahr ohne Kleiderkauf

Newsartikel - 1 Februar, 2016
Ich bin Nunu. Vor einiger Zeit stellte ich fest: Moment mal, ich hab eine Schraube locker. Und zwar eine Mode-Schraube. Obwohl ich Nachhaltigkeit in meinem Alltag bereits auf vielen Ebenen lebte, hatte ich beim Shopping von neuen „Fetzen“ einen blinden Fleck. Bis zu den Tagen vor ein paar Jahren, als das Shoppen selbst bereits gar keinen Spaß mehr machte. Ich hatte bereits ein schlechtes Gewissen, dass ich schon wieder unnötig Geld ausgegeben hatte, wenn ich mit den neuen Sachen im Plastiksackerl vor meiner Wohnungstür stand.

Greenpeace-Konsumentensprecherin Nunu Kaller

© Elisabeth Mondl

Der „Kick“, den man beim Ergattern eines besonders schönen oder günstigen Kleidungsstücks hat, ließ bereits bei Verlassen des jeweiligen Geschäfts nach. Ich war also wie ein Junkie auf Droge, und brauchte den Kick immer häufiger. Bis zu dem Tag, an dem ich beschloss, für ein Jahr komplett aufs Shoppen zu verzichten. In meinem Kleiderschrank gab es genug Kleidung für die nächsten fünf Jahre mindestens, und ich hatte gemerkt, dass Shoppen für mich zur Ersatzbefriedigung geworden war – war es stressig im Büro, hatte ich private Probleme, alles wurde mit neuen Röcken oder Schuhen „behandelt“.

 

Unmittelbar nach dem Beschluss dämmerte es mir: Moment mal, wenn ich das schon mache, dann nehme ich mir auch vor, mich in diesem Jahr intensiv damit auseinanderzusetzen, wo die Sachen in meinem Kleiderschrank eigentlich her kommen. Was ich in den ersten Wochen meiner „Informationsoffensive“ herausfand, reichte, mich ein für alle Mal von dem bisher gewohnten Modekonsum zu heilen.

Die Modeproduktion fasst eigentlich alles zusammen, was in meinen Augen in der Welt falsch rennt: Menschen werden in der Produktion massiv schlecht behandelt, viel zu schlecht bezahlt, sind giftigen Chemikalien und Pestiziden ausgesetzt, werden krank und sterben. Die Natur leidet bei fast jedem Produktionsschritt, vom Anbau von konventioneller GMO-Baumwolle, der Unmengen an Wasser und Insektiziden benötigt, über die Freisetzung gefährlicher Chemikalien bei den Färbeprozessen (und zwar häufig ungeklärt in Flüsse bei den Fabriken – und die gleichen Flüsse dient der Bevölkerung in diesen Gegenden jedoch als Trinkwasserquelle) bis hin zum Problem von Kunststoffen wie etwa Polyester, die man zwar recyclen kann, am Ende ist aber doch nur Plastik, egal, wie man es dreht.

Mädchen sortieren Stoffrest in der Familienwerkstatt in Gurao in Shantou.

Rund um die Betriebe der Textilwirtschaft in Gurao haben wir einen hohen Grad an Umweltverschmutzung festgestellt.

 

Doch die Probleme hören nicht bei den KonsumentInnen auf: Wir kaufen immer mehr, häufiger, schneller neue Kleidung – kaum etwas hat in den vergangenen 30 Jahren so viel an Wertigkeit verloren. Kleidung ist zum Wegwerfprodukt geworden, und die textilen Müllberge weltweit wachsen in den Himmel: Alles Ressourcen, die nicht optimal genutzt wurden, und die wir aber unserer Umwelt abgerungen haben, sei es Baumwolle oder Erdöl.

2012 veröffentlichte Greenpeace einen ihrer Testreports zu Chemikalien in unserer Kleidung. Das Produkt aus Österreich war ein Shirt von Tommy Hilfiger, das zu einem Drittel (!) seines Gesamtgewichts aus gefährlichen Chemikalien bestand (). Ich konnte es kaum glauben. Bisher dachte ich immer: Die EU, die richtet das schon, bei uns kommen diese ganzen bösen Chemikalien ja nicht an. Greenpeace öffnete mir damals die Augen, dass ich da sehr weit daneben lag.

All diese Informationen lösten zwei Dinge in mir aus: Erstens wusste ich, nach Ende meiner Shoppingdiät würde es nur noch ökologisch und fair produzierte Kleidung für mich geben (und zwar viel weniger als zuvor!), und zweitens: Ich hatte „mein“ Thema gefunden. Seit Anfang 2012 blogge ich sehr regelmäßig auf www.ichkaufnix.com dazu, Ende 2013 erschien bei Kiepenheuer & Witsch das Buch zu meiner einjährigen Shoppingdiät: „Ich kauf nix!“.

Seit mittlerweile über vier Jahren ist die Beschäftigung mit der konventionellen, aber auch der alternativen Modeindustrie meine Leidenschaft – und bei Greenpeace vor zwei Jahren auch zu meinem Beruf geworden. Hier bin ich nun als Konsumentensprecherin unter anderem selbst für die Umsetzung der Detox-Kampagne in Österreich verantwortlich. Bevor ich hier zu arbeiten begann, war ich überzeugt, dass die Detox-Kampagne eine der weltweit erfolgreichsten im Textilbereich ist, dass eine Organisation wie Greenpeace wirklich etwas bewegen kann.

Nach zwei Jahren in diesem unglaublichen internationalen Team kann ich das nur bestätigen: Inzwischen haben wir nach Schätzungen mehr als 15 Prozent der globalen Textilindustrie dazu gebracht, ihre Lieferkette zu entgiften. Ich bin überzeugt, dass die restlichen 85 Prozent irgendwann folgen werden – für eine saubere Umwelt und eine ebenso saubere Modewelt. 

 

Petition: Für giftreie Kleidung

Eine giftfreie Produktion unserer Kleidung ist möglich: Daher fordern wir alle Modemarken und -Hersteller auf, alle giftige Chemikalien aus dem gesamten Produktkreislauf und den Lieferketten zu verbannen!

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