Neu in einer Stadt sein ist immer fordernd, sowohl über als auch heraus. Neu in einer chaotischen und völlig anders funktionierenden Stadt wie Bangalore sein ist ganz besonders. Eine Woche Praxis im Verhandeln mit Ottofahrern (das sind die kleinen Taxis, die man in Ermangelung von funktionierenden öffentlichen Verkehr regelmäßig nehmen muss), eine Woche neu gehen lernen - Löcher im Gehsteig, permanentes Gedränge, wildest fahrende Mopeds etc. und eine Woche jede Menge neue Leute kennen lernen. Während vor allem alles, was mit dem Verkehr zusammenhängt hier ein Wahnsinn ist und echt schwierig, sind die meisten Leute extrem nett und hilfsbereit. Insbesondere im Greenpeace Büro kann man jederzeit jede Person um Hilfe bitten und das klappt super und prompt. Insbesondere Shashi, der für alles Praktische und Administrative zuständig ist, ist ein Wunder an Hilfsbereitschaft und Effizienz. Und so kommts, dass entgegen ersten Befürchtungen, sich auch so wichtige Dinge wie Wohnungssuche als relativ harmloses und einfaches Unterfangen herausstellen.

Also Samstag Abend die Wohnung fixiert und Sonntag früh geht´s erstmals raus aus Bangalore. Seit Montag treffen sich nämlich in Chennai (besser bekannt als Madras) NGO-VertreterInnen aus aller Welt um ihre Position zu Klima und Gerechtigkeit zu klären. Das klingt recht akademisch, ist aber von allergrößter praktischer Bedeutung. Die globalen Klimaverhandlungen, die in wenigen Wochen im polnischen Posnan einen nächsten Höhepunkt haben, sind ganz stark von Fragen des Nord-Süd Verhältnisses und von einer "gerechten" Verteilung der Treibhausgasemissionen geprägt. Wie kann so was aber grundsätzlich ausschauen und wie können wir das in den Verhandlungen strategisch so positionieren, dass wir am Ende der Verhandlungen ein möglichst gutes Abkommen bekommen. Grundsätzlich sind alle für nachhaltige Entwicklung und globale Gerechtigkeit, aber was heißt das in der Praxis dann wirklich. Aber v.a. ist es wichtig, dass wir uns in den Grundzügen einigen. Würden die NGOs bei diesen wichtigen Verhandlungen getrennt agieren, würden wir den Einfluss, den wir haben, sehr rasch verlieren.

Jedenfalls ist das ganze indische Klimateam von Greenpeace hergekommen und diskutiert diese Fragen mit rund 150 Leuten aus aller Welt. Wobei alle Welt in diesem Fall überwiegend AsiatInnen sind. Während Leute aus den Industrieländern noch einigermaßen häufig anzutreffen sind fallen AfrikanerInnen und VertreterInnen aus Lateinamerika schon stark auf. Aber es ist sicher die regional ausgeglichendste Besetzung einer NGO-Runde die ich je gesehen habe und entspricht der sehr viel stärker werdenden Bedeutung der Asiatischen Organisationen im globalen Kontext.

Nach zwei Tagen Diskussion kristallisieren sich jedenfalls die schwierigen Knackpunkte heraus. Es ist klar, dass die Industrieländer sehr viel mehr machen müssen, sowohl selber als auch in der Finanzierung von Klimamaßnahmen in Entwicklungsländern. Aber wie gehen wir mit den Entwicklungsländern um? Wie sehr können wir ein Land wie Indien noch als Entwicklungsland betrachten, nur weil es ein Entwicklungsland inkludiert hat. Welche Verpflichtungen können wir von Entwicklungsländern - gerade auch unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten - verlangen, solange die Industrieländer derartig säumig sind. Mehr dazu im nächsten Blog. Der Blickwechsel ist jedenfalls sehr spannend. Ich übe mich grad darin die Fragen mit einer Indischen Brille zu betrachten, was ebenfalls heraus- und überfordernd ist. Aber auch das ist eine Form von Ankommen.