Ankommen in Indien ist ein Kulturschock, selbst wenn man es in der angeblich westlichsten aller indischen Städte, nämlich in Bangalore, tut. Bangalore ist die Hauptstadt der indischen (und eine der wichtigsten der globalen) IT und Telekommunikationsindustrie. Das Bildungsniveau ist hier höher als sonst wo in Indien und die (sichtbare) Armut deutlich geringer. Als Westler fällt man auch nicht besonders auf. Trotzdem eine Ankunft mit Hindernissen. Das Gepäck hat sich für einen längeren Aufenthalt in Bahrain entschieden und selbst am 3. Tag hab ich es immer noch nicht, obwohl es bereits am Flughafen ist. Irgendwas klappt mit der Kommunikation zwischen Fluglinie und dem Guest House, wo ich vorerst untergebracht bin, nicht. Den Taxifahrer, der mich am Flughafen abholen sollte, konnte ich nicht finden. Er stand da mit einem Schild mit "Teenteece - Mr. Burnud". Das war lautmalerisch für "Greenpeace - Mr. Bernhard". Aber das Schöne an Indien ist, alles löst sich irgendwie, die Frage ist nur das wann. Und man lernt sich in Geduld zu üben. Irgendwann bin ich ins Guest House gekommen und das Gepäck werd ich auch noch bekommen.

Indien ist aber auch für die Greenpeace Arbeit eine Herausforderung. Nur so zur Vorstellung: Indien hat mehr als 1,1 Milliarden Einwohner. Das ist rund 140mal soviel wie Österreich oder das doppelte von Europa (ohne Russland). Indien hat 23 offiziell anerkannte Sprachen, mit Hindi und Englisch als den überregionalen Verkehrssprachen und 100ten lokalen Sprachen und Dialekten. Die indische Gesellschaft ist nach unzähligen Kriterien geteilt. Es gibt eine Vielzahl an ethnischen Gruppierungen, enorme soziale Unterschiede, verschiedene Religionen mit immer wieder aufflammenden Konflikten und im Hinduismus immer noch das wichtige Kastenwesen. Gleichzeitig ist Indien, trotz aller Schwierigkeiten, ein funktionierender Nationalstaat, dessen Integrität kaum in Frage gestellt wird. Indien ist, ebenfalls trotz aller Schwierigkeiten, eine funktionierende Demokratie und im Großen und Ganzen ein funktionierender Rechtsstaat. Und Indien ist eines der dynamischsten Länder der Erde. Rund 10% Wirtschaftswachstum, boomende Industrien, ein hohes Bildungsniveau für die Mittel- und Oberschichten, führende Dienstleistungs-, High-Tech und Unterhaltungsindustrien, etc. Und Indien ist eine stolze Führungsnation für die Entwicklungs- und Schwellenländer. Ohne der Zustimmung Indiens geht in internationalen Foren nicht mehr viel, wie zuletzt bei den WTO-Verhandlungen gezeigt.

Umweltfragen und Klimaschutz sind in diesem Setting nicht hoch auf der Agenda. Wie auch, wo sie es in deutlich reicheren Ländern mit deutlich besseren Rahmenbedingungen auch nicht sind. Indien ist sehr stolz darauf, den Sprung aus der allgemeinen Armut geschafft zu haben und aufzuholen. Auch wenn immer noch rund die Hälfte der Bevölkerung als arm gilt, ist das eine ziemliche Leistung. Die ökologischen Kosten sind aber dementsprechend. Es steht nur uns EuropäerInnen nicht zu, darüber zu urteilen - das ist zumindest die nicht unberechtigte Sicht der InderInnen. Indien macht nicht viel anderes als das westliche Modell von Entwicklung zu kopieren. Und was für den einen Recht, ist für den anderen billig. Und trotzdem…. Und genau um dieses "trotzdem" geht es bei Greenpeace Indien und auch bei meinen zukünftigen Einträgen.