© Paul Hilton / Greenpeace

Ein "Guten Morgen" wie ein Echo. Orientierungslos und doch schon irgendwie vorbereitet, zögert man noch kurz bevor man beschließt wach zu werden und schließlich auch den Rest vernimmt. "Mach dich bereit, in einer halben Stunde lassen wir die Boote zu Wasser". Der indische Akzent sagt mir, dass es Amrit - die Nachtwache - ist. Das und das fehlende Tageslicht sind Orientierung genug: es ist noch vor 5:30 Uhr. Das späte zu Bett gehen rächt sich - die eintretende Routine gleicht dies aus. Jeder Handgriff sitzt. Keine blauen Flecken mehr, beim Springen aus der oberen Bank. Keine brennenden Augen beim Kontaktlinsen einsetzen und alles liegt am richtigen Platz. Eine Tasse Tee, einer kurzen Teambesprechung, zwei E-Mails und Funkkontakt später, finde ich mich im Beiboot wieder. Völlig munter nun. Wind und Salzwasser im Gesicht und ein spanisches Fischerboot vor Augen. Der grüne Schiffsrumpf der Rainbow Warrior verschwindet im dunklen blau des Ozeans, die über 50 Meter hohen Maste ragen aus den Wellen, die Morgensonne lässt die Segel erstrahlen. Ein letzter Blick zurück und dann das Kontrastprogramm.

Der Geruch von totem Fisch liegt in der Luft, der Ursprung des Geruchs in Sichtweite - die Überreste des gestrigen Fangs. Dahinter die musternden Blicke der Crew. 14 Mann aus Senegal und Indonesien. Noch weiß man nicht recht, wie man reagieren soll. Nach vier Monaten auf See sind wir die ersten fremden Gesichter, die sie zu sehen bekommen. Und wir unterbrechen ihre Arbeit. Der spanische Kapitän hingegen empfängt uns mit übertriebener Lässigkeit. Schon beim ersten Funkkontakt, war er bemüht keine Zweifel aufkommen zu lassen: Selbstverständlich ist Greenpeace willkommen an Bord, er habe nichts zu verbergen.

Zumindest die Papiere sprechen für ihn. Er hat die Lizenz Tunfisch und verwandte Arten zu fangen. So wie viele andere ausländische Fischerboote auch. Sogenannte Langleinen Schiffe vorwiegend aus Japan, China, Taiwan und Spanien. Mit bis zu 120 Kilometer langen, mit fast 3000 Haken bestückten Leinen kreuzen sie monatelang im Indischen Ozean. Wir werden Zeugen, dieser verheerenden Fangmethode. Ein Fisch nach dem anderen wird wie am Fließband aus dem Wasser gezogen. Tunfisch, Schwertfisch, Hai, Rochen, Dorade … Faszinierende Farben und Formen, die den Tiefen des Ozeans entspringen. Was nicht auf der Fangliste steht, wird wieder zurück ins Meer geworfen, verendend oder bereits tot. An Bord hat inzwischen das "Schlachten" begonnen. Die Fische werden zerhackt und in den Tiefkühlraum gepackt. Ein Schauer durchfährt mich und doch kann ich nicht wegsehen. Wir dokumentieren, lassen uns das Schiff zeigen, zwei Stunden lang hin und hergerissen zwischen arbeiten und dem Versuch zu verarbeiten.

Zurück im Boot – betroffenes Schweigen, wissende Blicke. Unsere Gedanken kreisen um dasselbe Thema. Erschöpft und durchgefroren vom minus 60 Grad kalten Tiefkühlraum kämpfen wir gegen den bitteren Nachgeschmack, der diese Inspektion hinterlässt. Das Wissen, dass vieles falsch läuft, das Wissen, dass es weitere dieser Momente geben wird, das Wissen, dass wir noch am Anfang stehen, mit unserer Arbeit hier im Indischen Ozean erst begonnen haben. Wir werden weiter dokumentieren, kontrollieren, Gespräche führen, Bilder in die Welt schicken und uns selbst ein klares Bild von der Situation hier machen.

Ein Tunfisch hängt am Haken eines spanischen Langleiners

© Paul Hilton / Greenpeace

Noch ein letztes Unterwasserfoto von einem prächtigen Tunfisch, der einem der unzähligen Haken zum Opfer gefallen ist, bevor wir zur Rainbow Warrior zurückkehren. Unser Schweigen wird unterbrochen von den aufgeregten Stimmen, die der Wind zu uns trägt. Ein Blick zurück, der Kopf von etwas, was einmal ein Tunfisch war, baumelt an einer der Leinen. Darunter eine Flosse, die elegant durchs Wasser gleitet. Ein Blauhai. Mein Blick trifft jenen unserer Kampaignerin. Wir nicken uns zu, lächeln. Zumindest in diesem Fall hat der Ozean sich wieder geholt was einst ihm gehörte.