Ein Erfolg nach 10 langen Jahren

„Du bist viel zu optimistisch! Wir sind in Bulgarien“ Wie oft musste ich das von meinen bulgarischen Freunden in den letzten zehn Jahren hören! Aber 10 Jahre nach der Ankündigung des damals bulgarische König Simeon II, später Ministerpräsident Simeon Sakskoburggotski (Adelsgeschlecht Sachsen-Coburg und Gotha) das Projekt Belene wiederzubeleben, ist das Symbol des nuklearen Größenwahns endgültig vom Tisch. Seine Ankündigung hatte die junge bulgarische Umweltschutzbewegung hart getroffen.

Das Projekt Belene war Mitte der 1980iger Jahre ins Leben gerufen worden, aber nur wenige Jahre später wurden Stimmen von russischen Ingenieuren laut, die den Ort als zu erdbebengefährlich einstuften. Die Bedenken wurden von der kommunistischen bulgarischen Akademie der Wissenschaften ebenso abgewunken, wie das 412 Seiten schwere Weißbuch der postkommunistischen Akademie, die nochmals die Gefährdung des Gebietes rund um Belene hervorhub. Bereits 1977 waren 120 Menschen bei einem Erdbeben in Svishtov – 12 km von Belene entfernt – ums Leben gekommen.

Die Umweltschützer ließen nicht locker und warnten vor den zusätzlichen Gefahren für das empfindliche Ökosystem der Donau, im Falle eines Unglücks des vorgeschlagenen Reaktor VVER 1000/320. Diese Bedenken wurden gehört und 1992 wurde das Projekt offiziell beendet. Das staatliche Energieversorgungsunternehmen NEK jedoch träumte den Traum eines zweiten bulgarischen AKW und kümmerte sich weiterhin sorgfältig um das Gelände, die wenigen aufgestellten Betonmauern und den bereits importierten Druckbehälter.

Aufgrund der Beitrittsverhandlungen zur EU musste Bulgarien nun eine Umweltverträglichkeitsprüfungen für Belene abliefern. Die seismischen Risiken wurden dabei verschwiegen, Alternativen nicht überprüft, es gab keine ordentlichen Pläne für auslegungsüberschreitende Störfälle und viele formale Fehler – jahrelang war diese UVP vor Gericht. Es war an der Zeit, dass ich unseren Anwalt Alexander Kodjabashev kennenlernte, mit dem ich jeden unserer Schritte bis ins Detail plante. In den Prozessen sollten nicht nur die Befürworter der Nuklearenergie gehört werden, sondern auch die Stimmen der kritischen Experten und lokaler Bevölkerung.

Das war aber längst noch nicht alles. Die schmutzige Realität spielte sich hinter der Bühne ab. Nach unserer ersten Anhörung vor Gericht im Dezember 2004 bekam unsere langjährige Aktivistin, Biobäurin und Gewinnerin des Goldman Umweltpreises Albena Simeonova eine anonyme Nachricht, dass sie ihren Widerstand gegen aufgeben sollte und ihren seit Generationen vererbten Biobauernhof nahe des geplanten Kraftwerkes verlassen sollte. Die Drohungen eskalierten in den folgenden 9Monaten bis hin zu Todesdrohungen, Kreditauflösungen, ständigen Schikanen und einem zweimaligen Versuch die mutige Frau und ehemalige Miss Bulgaria zu töten. Hinter diesen Drohungen standen Leute der berüchtigten TIM Mafia-Gruppe, die die Beauftragung zur Sicherheit und Chemieverwaltung von Belene bekommen wollten. Sie trachteten den Widerstand gegen das AKW Belene mit allen Mitteln zu brechen. Greenpeace und die Goldman-Foundation organisierten einen 24/7 Sicherheitsdienst, in dessen Folge ich neben meiner Arbeit als Atom-Campaigner auch zum Bodyguard wurde.

2005 kam Greenpeace im Zuge der Energy [R]evolution Tour mit dem Greenpeace Schiff SV Anna über die Donau, und informierte die Bevölkerung in Bulgarien über die Gefahr von Atomkraft. Medien waren überall mit dabei, außer bei unserem Besuch in Kozloduy, wo sich Bulgariens erstes Atomkraftwerk befindet. Erst fünf Jahre später, bei einer Greenpeace-Aktion in Belene gingen Bilder zu diesem Projekt über den gesamten Globus.

Durch den EU Beitritt von Bulgarien musste das Projektvorhaben der Europäischen Kommission vorgelegt werden. Wir mussten jede Menge Informationsarbeit in Brüssel und Luxemburg leisten, um die Kommission von den mafiösen Machenschaften rund um das Reaktorprojekt zu überzeugen. Wir erhielten unerwartete Hilfe von Georghi Kashchiev, dem ehemligen Direktor der bulgarischen Nuklearsicherheitsbehörde, der die notwendigen und wissenschaftlichen Informationen besaß und ebenfalls der Kommission unterbreitete. Er wurde zu unserem engsten Verbündeten. Zur Zeit arbeitet er übrigens auf der BOKU Universität in Wien. „Ein Projekt, das so vielen Kurzzeit-Interessen dient und so viel Manipulation enthält, kann nicht als sicher eingestuft werden", konnte Kashchiev die Kommission überzeugen. Mit der Unterstützung von Menschen in 23 Ländern, konnten wir alle 13 Banken überzeugen, aus diesem Risikoprojekt auszusteigen.

In der Zwischenzeit wuchs der Widerstand der Bevölkerung gegen das Projekt. Albena Simeonova hatte in der Zeit bereits 13 Bürgermeister der 14 nördlichen Gemeinden auf ihre Seite gebracht – einzig der Bürgermeister von Belene unterstützte und glaubt vehement bis heute an das Projekt.

Der Wendepunkt kam nach den Wahlen 2009. Die neue Regierung hatte die pro-russische Haltung abgestreift und orderte eine Finanzanalyse für Belene ein. Der 3,2 Mrd. Euro Vertrag mit dem russischen Unternehmen Rosatom war nur die Spitze des Eisberges. Die Gesamtkosten des Wahnsinnsprojektes wurden auf 10 Mrd. Euro geschätzt. Die involvierten Banken waren alarmiert, des Projektes überdrüssig und stiegen aus.


Wir trauten unseren Augen nicht, als die britische Bank HSBC 2011 in das Projekt einsteigen wollte. Besorgt klärten wir sie über die mafiösen Machenschaften auf. Warum sollten sie ein Projekt aufgreifen, dass sogar vom „Großmeister der Nuklearbanken“ BNP Paribas abgelehnt wurde? Warum setzte sich Ministerpräsident Borissov vehement für das Projekt ein? Und warum bestritten die russischen Zeitungen kontinuierlich die Gefahr von Belene? Die Interessen Russlands, ein trojanisches Pferd in den europäischen Energiemarkt einschleusen zu können, waren einfach zu groß. Und das Bild wurde klarer und klarer. Belene folgte dem gleichen Muster wie Olkiluoto in Finnland und Flamanville in Frankreich: Atomenergie ist zu teuer, um nur irgendwie eine Alternative darzustellen.

Am 28.März 2012 schaffte Premierminister Borissov schlussendlich den Ausstieg aus. Er erklärte das Projekt Belene für beendet. Zehn Jahre Widerstand, hunderte Freiwillige, Bürger, ExpertInnen und Politiker konnten die mafiösen Intrigen, die das Projekt Belene aufrecht hielten, durchbrechen. Ich bin wirklich geschafft, aber dankbar für all die Unterstützung von Menschen, mit denen ich gemeinsam in diesen Jahren arbeiten durfte. Und zusammen können wir nun etwas viel Wichtigeres vorwärtstreiben: Bulgarien – den Balkan – die EU sauber und erneuerbar zu machen!

Die Energy [R]evolution hat jetzt so richtig begonnen.