Wir fahren durch schneebedeckte Berge, Wiesen und Reisfelder an der Stadt Tamura vorbei in Richtung Osten. Wir wollen sehen, wie die radioaktiv belasteten Gebiete rund um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi dekontaminiert werden.

In der 20-Kilometer-Zone: Ein Bagger schaufelt Säcke mit Atommüll zusammen und stapelt sie auf einem offenen Feld.

Plötzlich tauchen sie auf. Bergeweise große schwarze Plastiksäcke: Abgepackter Atommüll. Auf den Säcken stehen Zahlen: 3,57µSv/h, 3,78 µSv/h und so weiter. Sie stehen für die Strahlung (Mikrosievert pro Stunde) des radioaktiven Inhalts. Japaner in Straßenarbeiterkluft tragen weiße Atemschutzmasken. Sie laden Säcke auf einen Lkw. Ein Bagger schaufelt weitere Säcke zusammen und stapelt sie auf einem offenen Feld. Wir sind in der 20-Kilometer-Zone rund um die Atomruine.

Bergeweise große schwarze Plastiksäcke: Abgepackter Atommüll

Die Menschen in diesem Teil der Evakuierungszone dürfen wieder in ihre Häuser zurückkehren. Haus und Garten allerdings müssen sie eigenhändig dekontaminieren. Die japanische Regierung hat dazu einen Leitfaden ins Internet gestellt. Rund 100 Seiten, aufgeteilt in drei Kapitel: die Dekontamination von Haus und Garten, landwirtschaftlichen Betrieben sowie Wäldern und Wiesen. Es wird empfohlen, die Dächer der Häuser mit Papiertüchern abzuwischen und den Gartenboden fünf Zentimeter tief umzugraben.

In Fukushima City leben 284.000 Menschen

In Wäldern und auf Wiesen schreibt die staatliche Dekontamination das Aufsammeln von Unterholz und Gräsern sowie das Abschneiden kleiner Bäume und Büsche vor. Auch Reispflanzen sollen eingesammelt werden. Große Bäume bleiben stehen. Blätter, Äste und Stamm werden nicht behandelt.

Mit einer ordentlichen Dekontaminierung hat das nichts zu tun. Mein Kollege Heinz Smital bezweifelt die Möglichkeit, ganze Landstriche von Milliarden und Millionen radioaktiver Partikel zu befreien. „Japan betritt Neuland“, sagt Heinz. „Niemand musste eine solch gewaltige Aufgabe bisher bewältigen.“ In Tschernobyl blieben die am meisten verstrahlten Gebiete einfach abgeriegelt. „Es wird zuviel Geld, Arbeitskraft und Zeit investiert, um diesen aussichtslosen Kampf in den hochkontaminierten Gebieten zu führen“, kritisiert Heinz. „Die Regierung sollte sich lieber auf Fukushima City konzentrieren, wo viele Menschen leben und wo es zwei Jahre nach dem mehrfachen Super-GAU noch massive Hotspots gibt.“

Einen solchen Hotspot – ein Punkt mit starker radioaktiver Strahlung – messen meine Kollegen auf einem Parkplatz an einer belebten Straße in Fukushima City. 40 Mikrosievert pro Stunde zeigt das Messgerät an. Um die in Deutschland maximal erlaubte Jahresdosis von einem Millisievert Radioaktivität zu erreichen, müsste sich ein Mensch 25 Stunden lang hier aufhalten.

Wir entdecken einen radioaktiven Hotspot in Fukushima City: Nach 25 Stunden erreicht ein Mensch hier die in Deutschland maximal erlaubte Jahresdosis.