Das war eine ziemlich komische Situation in eine bereits laufende Verhandlungsrunde zu platzen. Seit einer Woche wird in Bonn verhandelt und ich bin seit gestern wieder mitten im Geschehen. Im Vergleich zu dem hektischen und emotional aufgeladenen Meetings im letzten Jahr – wo alles auf Kopenhagen geschaut hat – ist es diesmal recht beschaulich. Trotzdem sprechen viele hier von den besten Verhandlungen der letzten Jahre. Ganz offensichtlich tut der geringere Druck und die kaum vorhandenen Erwartungen den Gesprächen gut. Schaut so aus als ob man sich hier auf einige relevante technische Punkte einigen wird können, die dann beim großen Ministertreffen in Cancun im Dezember politisch abgesegnet werden. Mal schauen – noch ist nichts fix, aber die Richtung stimmt diesbezüglich.

Lücke zwischen Versprechungen und notwendigen Handlungen

Das ist aber schon das einzig Positive. Von der enormen Dringlichkeit eine politische Antwort auf die Herausforderung Klimawandel zu finden ist nichts zu spüren. Und überall dort, wo es ans Eingemachte geht wird weiter blockiert. So ist es längst kein Geheimnis, dass alle bestehenden Verpflichtungen und Versprechungen nicht ausreichen werden um die Temperatursteigung auf unter 2 Grad – darüber ist der Klimawandel sicher nicht mehr kontrollierbar – zu begrenzen. Das ist schizophren. (Fast) Alle reden von den 2 Grad, aber niemand ist bereit die Konsequenzen zu ziehen und entsprechend die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Die Lücke zwischen den Versprechungen und den notwendigen Handlungen nennt man Gigaton-Gap - und diese Lücke ist ein Riesenabgrund. Zwischen 8 und 14 Gigatonnen CO2 müssen wir zusätzlich bis 2020 reduzieren um mit einer 50%igen Wahrscheinlichkeit unter 2 Grad Temperaturanstieg zu bleiben. Jeder weiß das hier, aber offiziell kennt sich niemand aus.

Der Versuch einiger Staaten eine ganz offizielle Schätzung dieser Lücke zu treffen wurde zwar von niemanden direkt abgelehnt – interessantes Proposal – aber die großen Verschmutzer haben dann doch befunden, dass sie mit den Begriffen nichts anfangen können, dass es zu kompliziert sei, man keine Ressourcen für eine solche Abschätzung hätte usw. Hinter vorgehaltener Hand hört man dann, dass man dieses Ziel sowieso nicht erreichen kann und daher keine falschen Hoffnungen mit solch einer Abschätzung wecken möchte. So wird das Gigaton-Gap für die Verhandlungen, trotz einzelner Fortschritte, zum Abgrund.

Bernhard Obermayr