© Tim Lambon / GreenpeaceIm November jährte sich zum 18. Mal der tragische Mord an dem außergewöhnlichen Autor und Umweltaktivisten Ken Saro-Wiwa und acht seiner Kollegen durch die nigerianische Regierung. Saro-Wiwa und seine Kollegen hatten eine lange Kampagne gegen den multinationalen Ölkonzern Royal Dutch Shell geführt, um Ölbohrungen im Land der Ogoni, im Nigerdelta, zu verhindern.

Das nigerianische Militär schikanierte über Jahre hinweg die Gemeinschaft der Ogoni, weil sie sich gegen Shells Bohrpläne gestellt hatten. Saro-Wiwa und seine Kollegen verteidigten ihre Gemeinschaften und lokale Umwelt vor einer eindeutig giftigen Industrie. Im November 1995 errichtete das Militärregime ein spezielles Gericht, welches Saro-Wiwa und seine Kollegen illegal inhaftieren und mit falschen Anklagen belangen ließ. 10 Tage später wurden sie - ohne offiziellen Prozess -hingerichtet. Trotz dem lautstarken internationalen Aufschrei.

Leider ist dies kein Einzelfall. Ein aktueller Report der Menschenrechtsorganisation Global Witness dokumentiert die Morde innerhalb des letzten Jahrzehnts an über 700 Umweltschützern und Aktivisten, die sich für indigene Rechte einsetzten. Im Durchschnitt betrachtet erfolgte 1 Mord pro Woche. Für diesen Bericht wurden sämtliche Archive, akademische Studien und Zeitungsberichte durchforstet, sowie die Vereinten Nationen und andere internationale Agenturen konsultiert. Sie fanden heraus, dass die Bevölkerung häufig mit Einschüchterungsversuchen, Schikanen, sexuellen Übergriffen und teilweise auch mit Morden konfrontiert ist, wenn sie sich gegen Wilderei, illegale Abholzung, den Bau von Staudämmen oder gegen Aktivitäten ausländischer Bergbaugesellschaften – inklusive mancher kanadischer Firmen – einsetzt.

Ich musste dies am eigenen Leibe erfahren, als ich 1988 den Kautschuk Sammler, Chico Mendes, über seinen Kampf zum Schutze des brasilianischen Amazonas-Gebiets interviewen wollte. Er wurde zwei Wochen später ermordet. Ein Jahr später bat mich das Oberhaupt der Kaiapo, Paiakan, ihm bei den Protesten gegen einen in Planung befindlichen Damm in Altmira (Brasilien) behilflich zu sein. Meine Frau Tara und ich konnten 70.000,- USD für eine Demonstration sammeln und die Weltbank ließ sich dazu bewegen ihr Darlehen aus dem Projekt zurück zu ziehen. Paiakan erreichten sogleich Todesdrohungen. Wir brachten ihn und seine Familie nach Vancouver bis die Gefahr vorüber war.

In Ländern mit einer schlechten Menschenrechtsbilanz wie Sri Lanka, Guatemala oder der Demokratischen Republik Kongo gibt es viele Beispiele für Verfolgung oder Mord an Aktivisten. Überraschenderweise fanden die meisten Attacken auf Umweltschützer in Ländern wie Brasilien, Mexiko oder den Philippinen statt: in Ländern mit demokratisch gewählten Regierungen, unabhängigen Gerichtswesen und anderen Institutionen, die ihre Bevölkerung vor Verfolgung und Schikanen schützen sollten, wenn diese ihre Stimme im Sinne des Umweltschutzes erheben. Diese Länder haben außerdem internationale Abkommen zum Schutz der Menschenrechte unterzeichnet, wie der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker.

Die aktuelle Inhaftierung der 28 Greenpeace-Aktivisten und der beiden Journalisten durch die russischen Behörden macht deutlich, wie verletzlich Menschenrechte sind, wenn Regierungen das Interesse von Konzernen über das Interesse an einer gesunden und intakten Umwelt stellen. Es zeigt wie hart sie bereit sind durchzugreifen, um sicherzustellen, dass sich ihnen niemand in den Weg stellt.

In diesem akuten Fall hat die russische Küstenwache 30 Menschen verhaftet, weil 2 von ihnen in der Arktis an der Seite einer Ölplattform ein Banner befestigen wollten. Sie haben friedlich gegen Gazproms Ölbohrpläne in einem der sensibelsten Ökosysteme der Welt protestiert, um auf die Konsequenzen des Klimawandels aufmerksam zu machen.

Dafür, dass sie ihre Stimme zum Schutze der Arktis erhoben haben, wurden sie für 2 Monate inhaftiert, um vorläufig auf Kaution frei zukommen. Aber wenn Sie der absurden Hooliganismus-Anklagen schuldig gesprochen werden, warten sehr lange, harte Jahre in Haft auf sie.

Zu oft reagieren Regierungen mit übertriebener Gewalt oder pervertieren das Rechtssystem, um den Fluss an Öl und Gas nicht abreißen zu lassen, um Wälder abzuholzen, um Dämme zu errichten und um Mineralstoffe abzubauen. Und wie der Bericht von Global Witness zeugt, werden Menschen dafür auch ermordet, besonders wenn sie arm und indigener Herkunft sind.

Wir müssen das Opfer von Ken Saro-Wiwa, Chico Mendes und Hunderten anderen Umweltaktivisten in Erinnerung behalten und das Recht der Menschen friedlich für den Schutz der Umwelt einzutreten, ohne Angst vor Verfolgung, Inhaftierung oder Gewalt haben zu müssen, verteidigen.


Dr. David Suzuki ist Wissenschaftler, Wissenschaftsmoderator, Autor und Mitbegründer der Suzuki Foundation. www.davidsuzuki.org

 

(Deutsche Übersetzung: Eva Pell)