Anja Freudenberg berichtet von den Klimaverhandlungen in Bonn, Vorverhandlung für die Weltklimakonferenz (COP 17) im südafrikanische Durban im Herbst 2011.

Der Donnerstag begann recht konstruktiv mit einem Workshop zum Thema Reduktionsziele und deren Umsetzung von den Industriestaaten. Der Bedarf an einer eindeutigen Klärung der Intentionen, Konditionalitäten, Kompromissvorstellungen und Prioritätssetzung der Reduktionsziele aller beteiligten Parteien ist unbestritten hoch und absolut notwendig für einen effizienten Verhandlungsprozess. Überraschend kam die einstimmig positive Bewertung am Ende der Veranstaltung daher nicht. Ein Schritt nach vorn im Klimakampf!

Zudem möchte ich heute ein Thema ansprechen, dass mir am Herzen liegt. Es geht um die unendlich komplizierte Geschichte der Emissionsanrechnung für - macht euch bereit - Landbenutzung, Landbenutzungsänderung und Forstwirtschaft (LULUCF) in den Industriestaaten im Zusammenhang mit Bioenergie. Bioenergie finden jetzt erst einmal die meisten gut, schon allein weil Bio davor steht, aber tatsächlich könnte Bioenergie mehr Schaden anrichten als verhindern. Das ganze funktioniert folgendermaßen: Bioenergie kreiert Kohlenstoffdioxid-Emissionen durch die Vernichtung von Biomasse (Holz, Raps, Zuckerrohr etc.), die zur Herstellung von Bioenergie benötigt wird.

Die United Nations Convention on Climate Change (UNFCCC) hat auf Vorschlag des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) beschlossen, Bioenergieemissionen aber nicht über den Energiesektor anzurechnen, sondern über den LULUCF-Sektor. Das hinterhältige dabei ist, dass die Industriestaaten während der ersten Abkommensphase des Kyoto-Protokolls nicht verpflichtet sind, Aktivitäten aus dem LULUCF-Sektor anzurechen, sondern das auf freiwilliger Basis machen können. Mit anderen Worten: Industriestaaten steigen durch diese Politik vermehrt auf Bioenergie um, verringern ihre Emissionen für fossile Energien und lassen gleichzeitig Emissionen für die “Ersatz”-Energie unter den Tisch fallen.

Das bedeutet, dass die Reduktionsziele der Länder weniger wert sind, als sie vorgeben, weil sie einen beachtlichen Teil der Emissionen einfach nicht anrechnen. Die momentanen Aussichten deuten auch mit nicht darauf hin, dass sich diese LULUCF-Anrechnungsregeln strengeren Auflagen beugen werden. Im Gegenteil, Industriestaaten fordern zur Zeit sogar, sich die Regeln in der zweiten Abkommensphase des Kyoto- Protokolls selbst aussuchen zu können.

Auf diese Weise entstehen riesige Lücken zwischen den notwendigen Reduktionszielen zur Eindämmung der Erderwärmung unter 2°C, und den tatsächlich eintretenden Reduktionen. Ein Grund mehr, umso beherzter an die Verhandlungen heranzugehen, und Erwartungen nicht herunter, sondern hinauf zu schrauben!

Liebe Grüße, Anja