Die Brücke der Rainbow Warrior © Nick Cobbing / Greenpeace

Der Himmel über mir ist mit Sternen übersät. Die Nacht ist still. Nur das leise Summen des Generators ist zu hören und der Wind der in den Segeln weht. Es ist 4 Uhr Morgens. Meine Augen haben sich längst an die Dunkelheit gewöhnt und ich stehe am Rand der Reling und suche den Horizont nach Verdächtigem ab. Seit vier Tagen segelt die Rainbow Warrior nun durch das Hoch-Risiko-Gebiet für Überfälle durch Piraten. Und seit vier Tagen wechseln wir uns ab im Wache halten. Zwei Personen zusätzlich zur normalen Wache, zwei Stunden pro Nacht. Jede Nacht.

Auch wenn Piratenangriffe in diesem Teil des Gebietes, das die Rainbow Warrior auf ihrer Überfahrt von Mauritius zu den Malediven durchquert, extrem selten sind, bleibt ein Restrisiko bestehen, das ernst genommen werden muss. Eine Vielzahl an Sicherheitsvorkehrungen wurden deshalb getroffen, die strengstens einzuhalten sind. Neben den Wachposten ist das Schiff mit defensiven Abwehrmaßnahmen und Türblockaden geschützt. Regelmässig finden außerdem Übungen statt: Jeder an Bord muss aus dem FF wissen, wie er oder sie sich im Falle eines Angriffs zu verhalten hat. Das Gebiet, rund um das Horn von Afrika ist bekannt für seine Piratenangriffe. Egal ob Containerschiff, Yacht, Segelboot oder Fischerboot - alle können Opfer eines Angriffs werden.

Piratenangriffe setzen dem Weißen Tun zu

Gefrorener Weißer Tunfisch auf einem japanischen Fangschiff © Paul Hilton / Greenpeace

Erst seit dem ersten Halbjahr des Jahres 2012 gehen die Angriffe etwas zurück, nachdem sie seit den frühen 2000 Jahren kontinuierlich zugenommen hatten und zwischen 2008 und 2011 ihren Höhepunkt erreichten. Während dieser Hochphase wurden rund 859 Angriffe auf Schiffe jeglicher Nation und Art gemeldet. Ein Umstand, der den Fang von Tunfisch im Indischen Ozean verlagert hat.

Wurden vor der Zunahme der Piratenangriffe vermehrt im nördlichen Teil des Indischen Ozeans Großaugen- und Gelbflossen-Tunfische, in großen, nicht nachhaltigen Mengen gefischt, haben die Fischereiaktivitäten der Tunfischfänger in diesem Gebiet abgenommen und die verbleibenden Boote sind vermehrt in den südlichen Teil des Indischen Ozeans oder gar in den Atlantik oder Pazifik abgewandert. Dies bekommt nun der Weiße Tun, der sich hauptsächlich in den südlicheren Gewässern des Indischen Ozeans aufhält, deutlich zu spüren, der seither als überfischt gilt. Während ich über diese Ironie nachdenke, hoffe ich inständig, dass wir keinen unwillkommenen Besuchern begegnen.

Klimawandel und Überfischung an Armut Somalias mitverantwortlich 

Denn die Piraten nach denen wir Ausschau halten, haben rein gar nichts mit der romantischen Darstellung von Jack Sparrow aus dem Film ’Der Fluch der Karibik’ zu tun. Es sind arme, verzweifelte Seelen, die meist aus Somalia stammen. Einem Land, das seit Jahrzehnten vom Krieg gebeutelt wird und in dem Anarchie herrscht.

Die Ursachen der somalischen Piraterie sind extrem komplex und deren Ursprung ist in der Regel in der extremen Armut des Landes zu suchen, verursacht durch Bürgerkriege und Staatenlosigkeit. Aber auch das Fortschreiten des Klimawandels, die dadurch verursachten Dürreperioden sowie anhaltende bewaffnete Konflikte führen zu einer Perspektivenlosigkeit, aus der die meist jungen Männer Ausflucht in der Piraterie suchen. Berichten zufolge war auch die Überfischung der einheimischen Gewässer durch ausländische Fischereiflotten einer der Gründe für die ersten Piratenangriffe in der Region.

Lösungen für diese vielschichtigen Probleme zu finden ist keine leichte Aufgabe. Jedoch könnten Länder dieser Region maßgeblich von einer lokalen nachhaltigen Fischereiindustrie profitieren, wodurch die Wirtschaft angekurbelt und eine gesunde Lebensgrundlage für Küstenregionen und Dörfer geschaffen werden würde. Das unfaire Geschäftsmodell, bei dem hauptsächlich ausländische Fischereiflotten und deren Besitzer aus Asien und Europa von dem Multimillionen-Dollar Geschäft, das mit den Ressourcen des Landes zu verdienen ist, profitieren, müssen schrittweise von der Bildoberfläche verschwinden und faire Lösungen gefunden werden.

Doch noch ist es nicht soweit und meine Augen suchen weiter den Horizont ab. Eine Sternschnuppe erleuchtet den Himmel über mir und am Horizont ziehen Wolken auf. Es beginnt leicht zu nieseln und ich ziehe meine Regenjacke über. Noch eine Stunde dauert meine Wache, dann werde ich abgelöst. Und die Piraten? Ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird bis ihre Zeit abgelaufen ist.