Heute vor zwei Jahren, am 11. März 2011, legte das schreckliche Tohoku-Erdbeben japanische Ortschaften in Schutt und Asche, ein gewaltiger Tsunami überschwemmte einen ganzen Landstrich. Inzwischen hat überall der Wiederaufbau begonnen. Die Menschen kehrten zurück und nahmen die Fäden ihres Lebens neu auf. Unmöglich ist dies jedoch in den Gegenden, die durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima radioaktiv verseucht wurden. Obwohl Japans Regierung alles tut, um den Menschen Normalität vorzugaukeln.

Der Besuch in Japan hat mich erschüttert. Mit dem nuklearen Fallout nach dem dreifachen GAU im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi legte sich ein radioaktiver Cäsium-Teppich auf hunderte Quadratkilometer Land. "Radioaktivität ist unsichtbar. Man vergisst die Gefahr", sagte uns der Dekontaminationsarbeiter Ono.

 

Dieses trifft in Fukushima sogar im doppelten Sinn zu, denn auch Warnhinweise vor der radioaktiven Strahlung sucht man vergeblich. Die Japaner sind dafür sogar dankbar. Sie wollen vergessen.

Die Menschen aus der hochkontaminierten Zone haben viel, wenn nicht gar alles verloren. Verlangen sie dafür jedoch Entschädigung vom AKW-Betreiber Tepco – und damit von der japanischen Regierung, denn Tepco wurde inzwischen verstaatlicht -, tragen die nötigen Formalitäten kafkaeske Züge. Für jede Forderung existiert ein eigenes mehrseitiges Antragsheft, Quittungen werden verlangt, unterschiedliche Kompensationssummen werden für identische Posten ausgezahlt. Das System ist für einen einfachen Kleinbauern aus der ländlichen Region praktisch nicht zu bewältigen. Doch Tepco bietet noch einen anderen Weg: Nur ein Formular unterzeichnen und es wird eine Pauschalsumme für drei Monate ausgezahlt. Dass diese deutlich geringer ausfällt als eigentlich angemessen wäre, wissen die Einwohner. Für viele ist es aber die einzige Möglichkeit, überhaupt an etwas Geld zu kommen.

15.000 Briefe hat Nobuyoshi Itou nach eigenen Angaben seit der Reaktorkatastrophe an AKW-Betreiber Tepco geschickt, um sein Recht zu bekommen. Um die Flut aller Schadenersatzanträge zu bearbeiten, stellte Tepco extra 12.000 neue Mitarbeiter ein. Das Verfahren ist zäh und dauert lange. Den Einwohnern Iitates zum Beispiel soll die Entschädigung für ihre Häuser nach der Grundsteuer berechnet werden. Diese ist jedoch sehr niedrig und entspricht nicht dem wahren Wert, so meinen viele Menschen. Sie klagen: "Das Geld reicht nicht aus, um sich irgendwo anders ein neues Haus zu bauen. Wir wollen entscheiden können, ob wir hier bleiben oder woanders neu anfangen wollen." "Lebendig begraben", seien sie. "Viele Menschen sind schon alt. Sie haben nicht mehr soviel Zeit zu warten." Gehört das mit zur Strategie von Tepco?

Und dann gibt es diejenigen, die den Mut haben, gegen Tepco und die Regierung aufzustehen. Yasushi Okamoto hat eine Klage gegen Tepco angestrengt und kämpft gemeinsam mit seiner Frau und 28 weiteren MitstreiterInnen für angemessene Kompensation. Sie fordern jeder 26 Millionen Yen, rund 217.000 Euro, für einen verlorenen Lebenstraum, Unterhalt und Ausgleich für Sachgüter. Yasushi Okamoto sagt: "Ich möchte eine Entschuldigung von Tepco und Entschädigung für alles, was wir bei der Atomkatastrophe verloren haben." Nach Iitate kam nur der Vizechef von Tepco, um die Einwohner um Verzeihung zu bitten. Nach japanischen Ansprüchen ist das zu wenig.

Petition gegen das Vergessen: Lassen wir General Electric, Hitachi und Toshiba (planten, bauten und warteten die Reaktoren) nicht aus der Verantwortung!