Hurricane Sandy © NASA

"Trick or Treat?" Ein Horde 3-6 - jähriger Kids stürmt ein französisches Cafe in Williamsburg/Brooklyn auf ihrem Beutezug nach Süßigkeiten. Der Kellner verteilt diese willfährig, die Kunden lächeln - die meisten von ihnen zum ersten Mal an diesem Tag - wie es scheint erleichtert darüber, dass etwas heute seinen normalen Gang geht. Es ist Halloween, das Fest des Gruselspaß‘ findet wie jedes Jahr in seiner Metropole statt.

Ein Blick in die müden und gezeichneten Gesichter der Kaffehausgäste jedoch macht schnell klar, dass der Schrecken dieses Jahr echt ist. Trotz aller New Yorker Coolness, der Hurricane Sandy hat tiefe Spuren bei den Menschen hinterlassen.

Viele der Gäste haben sich mehr als eine Stunde zu Fuß über die Williamsburgbridge geschleppt, auf der Suche nach Internet und Strom für ihre Laptops, Tablets und Smartphones. Auf der Suche nach Handyempfang, Informationen, Kontakt zu Freunden und Verwandten, einem neuen Quartier, einer heißen Dusche. Oder einfach nur auf der Suche nach einem warmen Platz zum Verschnaufen bei einem heißen Kaffee.

Steffen Nichtenberger, Greenpeace-Mitarbeiter in Bildungskarenz

So auch wir. Und ich komm mir wie ein Idiot vor, dass ich mich über diese schon zur Gewohnheit gewordenen Annehmlichkeiten sorge, wenn im Sturm Menschen verunglückt sind, andere vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Jeder hier hat seine eigene Geschichte mit Sandy, und doch scheint uns alle die Frage zu vereinen, wie’s jetzt weitergehen soll in den nächsten Stunden, oder auch Tagen, oder überhaupt.

So wie die asiatische Greißlerin am Dienstag in Stuywesant-Town/Manhattan, deren halbes Geschäft durch eintretendes Salzwasser zerstört wurde. Die Verzweiflung ist ihr ins Gesicht geschrieben, auf die Frage, ob sie weiß, wann es wieder Strom gibt, wendet sie sich nur ab. Aber sie macht weiter, verkauft Batterien und Taschenlampen in ihrem selbst kaum beleuchteten Geschäft.

Am Gehsteig, ein paar Häuser weiter, reinigen Anwohner ihre Habseligkeiten aus den überfluteten Kellerabteilen von den Spuren des Unglücks. Direkt neben jenem Kraftwerk, dessen sturmbedingte Explosion am Montagabend den Stromausfall in Lower Manhattan eingeleitet hat. 
Und zwischendurch immer wieder dasselbe Bild von anwachsenden mittelgroßen Menschentrauben, die eben eine funktionierende Internetquelle entdeckt haben. Oder auch nur ein dunkles Cafe, das heiße Getränke und Sandwiches verkauft. Ein anderer Wirt bietet Candlelight-Dinner an, was mir ein leichtes Schmunzeln entlockt.

Ein Anwohner merkt an, dass er sich nicht vorstellen kann, wie die Stadt ohne U-Bahn überhaupt funktionieren kann. Wie Recht er hat, spüren wir am Mittwochabend bei der Taxifahrt von der Williamsburgbridge in die 103. Straße/ Uptown. Für eine Strecke von ca. 12 Kilometer brauchen wir wegen der massiven Verkehrsüberlastung über eine Stunde. Am Weg nehmen wir vier verschiedene zusätzliche Fahrgäste auf, einige davon setzen wir unterwegs wieder ab. Erleichtert erfahren wir später, dass ab Donnerstag die U-Bahn - wenn auch nur eingeschränkt - wieder ihren Betrieb aufnimmt.

Endlich angekommen in einer sicheren Herberge erfahren wir nach und nach mehr über das Ausmaß der Katastrophe. Darunter viel Neues, aber auch die Bestätigung vieler Gerüchte der letzten beiden Tage. Zum Beispiel, dass mehrere Atomkraftwerke wegen Sandy runtergefahren worden sind. Oder, dass Klimawandel plötzlich doch noch irgendwie zum Thema im US-Wahlkampf geworden ist. Ironisch mutet es an, dass weder Barack Obama noch Mitt Romney die globale Erwärmung und ihre katastrophalen Folgen im Zuge ihrer Wahlkampfkampagnen innerhalb der letzten beide Jahre nennenswerte Bedeutung beigemessen haben.

Den Halloween-Kids in Williamsburg war das an diesem Mittwoch definitiv egal. Und das war auch gut so, denn ihre Unbeschwertheit hat vielen hier Hoffnung gegeben.