Montag, 08. Oktober 2012

Taiwanesische Fischer im Pazifik. Dieses Bild zeigt ähnliche Lebensbedingungen wie die der Besatzung im Indischen Ozean. Die Besatzungsmitglieder schlafen im Wohnbereich des Taiwanesischen Langleinenfischers Ming Jyh Fwu

© Greenpeace / Paul Hilton

Auf jedem Tunfisch-Langleinenfischer sehen wir die selben Gesichter. Junge Indonesier, Vietnamesische Augen unter Schlapphüten, Philippinos, die über einen Korb mit Fischerleinen gebeugt sind. Sie halten uns ihre Hände entgegen um uns aufs Boot zu helfen. Sie sind neugierig, aber vorsichtig: sicherlich kriegen sie auf hoher See nicht allzu oft Besucher, ganz zu schweigen von Besuchern in Greenpeace-Ausrüstung.Während sich ein Kampaigner mit dem Kapitän über Fang und Arbeitsweise des Bootes unterhält, schaue ich mich etwas um.

Das Boot von gestern Nacht hatte eine Besatzungskabine: 18 Mann in einem Raum, der etwa drei Meter breit und acht Meter lang war, zweistöckig, keine Matratzen – mittendrin eine Person, die sich ausruhte. Die Küche ist eng, mit heller Neonbeleuchtung. Ein Suppentopf ist an den Herd gebunden, damit er nicht hinunterfällt. Etwas Salziges köchelt vor sich hin. Mahlzeiten werden im Heck des Bootes eingenommen, am selben Ort wo die Köder an die Haken befestigt werden.

Wenn man die Maßlosigkeit industrieller Fischerei aus erster Hand erfährt, ist es einfach den Fischern die Schuld dafür zu geben. Schlussendlich sind sie es, die die Langleinen legen, die Fische einholen und Haiflossen abschneiden. Aber man merkt schnell, dass das zu einfach ist: sie machen nur ihren Job, haben Familien zu Hause, und wenn sie es nicht tun, dann gibt es bestimmt eine Langleine von jemandem, der es tun würde.

Sie arbeiten 14 Stunden am Tag, legen meilenweise Leinen, die sie mit Ködern versetzt haben. Dann ziehen sie die Beute an Bord, manchmal bis tief in die Nacht. Sie verarbeiten die Fische und füllen die Gefriertruhen. Sie werden durchnässt vom Salzwasser des Ozeans und dem Blut der Fische.

Auf den Booten, die wir bis jetzt inspiziert haben, glichen sich die Arbeitsverträge der Besatzung durchgehend in den meisten Punkten: 6 Monate auf hoher See, ein paar Tage im Hafen, dann zurück aufs Boot, und das für bis zu zwei Jahre.

Der normale Lohn eines Fischers beträgt etwa $ 250 im Monat, kann aber auch niedriger, bei ca. $ 200, liegen. Manchmal kriegt die Besatzung Bargeld auf die Hand, manchmal wird das Geld direkt nach Hause geschickt. Ein durchschnittlich großer Tunfisch, den diese Fischer an Land ziehen, verkauft sich für etwa $ 75 pro Stück. Nach Angaben der Kapitäne, mit denen wir sprachen, fängt man zwischen 20 und 80 Tunfische am Tag, zuzüglich anderer Fische und Haie. Mir wird plötzlich bewusst, dass irgendwo irgendjemand eine Menge Geld an diesem Geschäft verdient - aber bestimmt nicht die Menschen, die die Fische aus dem Wasser ziehen.

Fischfang auf einem Langleiner

© Paul Hilton / Greenpeace

Es überrascht nicht, dass in den Achtzigern Taiwanesische Sträflinge ihre Strafe auf Fischerbooten absitzen mussten. Wenn ich an die Taiwanesischen Boote denke, die wir inspiziert haben, fällt es mir nicht schwer zu glauben, dass das funktionierte. Noch heute hört man, dass es Besatzungsmitglieder geben soll, die während der Hafenaufenthalte fliehen oder gar über Bord springen.

Als wir gestern Nacht das Boot verließen, sahen wir einen jungen Mann, der gerade seine Gummistiefel auszog. Er war mir schon vorher aufgefallen, als ich ihm zusah, wie er Tunfische wog und sein T-Shirt bemerkte, das fast gleich war, wie eines, das ich zu Hause habe. Er schaute auf und winkte."Man sieht sich", sagte er.