Endlich, rund ein Monat vor Beginn der indischen Parlamentswahlen, produziert der Wahlkampf die ersten Schlagzeilen. Anfang der Woche stürzten sich alle Medien auf die Aufkündigung eines Seat-Sharing Abkommens zwischen der BJP (Hindunationalistische Partei) und der BJD (Lokalpartei in Orissa) im ostindischen Küstenstaat Orissa. Seat-Sharing bedeutet, dass zwei oder mehr Parteien per Absprache in einzelnen Wahlkreisen nicht gegeneinander kandidieren, sondern ihre jeweiligen Wähler aufrufen für den Kandidaten der anderen Partei zu stimmen. Wahlen in Indien werden entscheidend durch solche Allianzen entschieden. Und die BJP und die BJD haben seit 11 Jahren ein solches Abkommen und regieren gemeinsam Orissa (was sich jetzt ändert).

Interessant ist die Geschichte in zweierlei Hinsicht. Zum einen zeigt sie was in einem indischen Wahlkampf vordergründig von Bedeutung ist. Durch das Mehrheitswahlrecht bei gleichzeitiger Zersplitterung der Parteienlandschaft bekommen strategische Allianzen oft einen größeren Stellenwert als politische Programme. Sofort nach Bekanntwerden des Beziehungsende machten sich hochrangige Vertreter der Linken, die gerade an einer Allianz aller nicht-BJP und nicht-Kongress Kräfte schmieden, auf den Weg nach Orissa. Von einem fliegenden Wechsel der BJD ist aus heutiger Sicht auszugehen und das, obwohl diese Partei alles andere als eine linke Politik verfolgt.

Zum anderen wird das strategische Problem der hindunationalistischen BJP deutlich. Einer der Hintergründe des Splits dürften die Pogrome gegen Christen in Orissa im letzten Jahr gewesen sein. Hindufaschisten machten regelrecht Jagd auf Christen (oft konvertierte Unberührbare, die den höherkastigen Hindumob ein doppelter Dorn im Auge sind), die mit mehreren Toten endeten. Die Lage ist noch immer sehr gespannt. Die BJP ist bezüglich der Übergriffe von Hindufaschisten immer sehr zurückhaltend. Natürlich werden diese Übergriffe nicht offen unterstützt, aber die Nähe der Partei zu diesen Gruppen ist evident. Erinnert wirklich frappant an das Doppelspiel rechtspopulistischer Parteien in Europas Parlamenten mit rechtsradikalen Gruppen auf der Straße. Jedenfalls dürfte die Nähe in Orissa zu groß gewesen sein und die BJD hat die Reißleine gezogen. Wie sehr Überzeugung und wie sehr strategisches Kalkül hinter der Entscheidung stand mag ich nicht beurteilen. Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass solche Verluste für die BJP die Distanz der Partei zu ihrem faschistischem Umfeld vergrößert.

Übrigens ist Orissa der Bundesstaat, in dem Greenpeace gegenwärtig sehr intensiv um die Rettung der bedrohten Olive Ridley Schildkröten kämpft. Dazu ein andermal mehr. In der Zwischenzeit sei aber mal auf unsere Cyberaktion zur Rettung der Turtels verwiesen: http://greenpeace.in/turtle/ Bitte mitmachen!

Lieben Gruß, Bernhard