Gastautor Kumi Naidoo, der Geschäftsführer von Greenpeace International, gehörte zu den Aktivisten, die in der russischen Petschorasee beginnend am Freitag, den 26.08. etwa fünf Tage lang gegen Gazprom-Ölförderungen in der Arktis protestierten. Kumi und die anderen Aktivisten auf der Arctic Sunrise befinden sich nun auf dem Rückweg nach Spitzbergen. Der Beitrag ist im englischen Original hier zu finden.

Freitag, 31. August 2012

Aktivisten fahren mit Schlauchboot auf Gazprom-Plattform Prirazlomnaya in der russischen Petschorasee zu - (c) Denis Sinyakov - Greenpeace

Als ich am Wochenende mit Freunden und meiner Familie telefoniert habe, wurde ich erstmal ausgeschimpft. Nach der 15-stündigen Protestaktion auf der Gazprom-Ölplattform Prirazlomnaya am Freitag ließen sie mich einstimmig wissen: “Du bist zu alt für sowas!”. Während unser Schiffsarzt Dr. Marcelo die Folgen einer Unterkühlung behandelte, dachte ich mit blauen Händen und Füßen einen Moment lang, dass da was dran sein könnte.

Aber bald darauf atmete ich wieder den Geist auf unserem Schiff, der Arctic Sunrise: ich sah die erwartungsvollen Gesichter meiner Aktivisten-Freunde Sini, Lars, Jens, Basil und Terry und die Entschlossenheit unseres Kapitäns Vlad und der übrigen Crew-Mitglieder, die hier alle für ihre Überzeugungen eintraten. Ich wusste wieder, dass die Risiken die Sache wert waren.

Für mich zeigt sich Greenpeace bei einer Aktion wie der, die wir gerade in der Arktis durchgeführt haben, von seiner besten Seite: Teams, die – vereint durch ein gemeinsames Ziel – Risiken auf sich nehmen, um eine gefährliche Industrie da zu konfrontieren, wo die Zerstörungen passieren, und Aufmerksamkeit für ein Umwelt-Verbrechen zu erzeugen, das sich außerhalb des Blicks und des Bewusstseins der meisten Menschen ereignet.

Freitag, 31. August 2012

Kumi Naidoo, Geschäftsführer von Greenpeace International, mit eionem Gruß von der Öl-Plattform Prirazlomnaya in der Petschorasee, die er zuvor gemeinsam mit fünf Greenpeace-Aktivisten erklettert hatte! - (c) Denis Sinyakov - Greenpeace

Ich bin Aktivist seit meinem 15. Lebensjahr. Ich habe Gefängniszellen von innen gesehen, aber man kann noch soviel Erfahrung mitbringen: Niemand kann ehrlich behaupten, keine Angst vor der Teilnahme an einer Aktion zu haben, die ein Risiko für die persönliche Unversehrtheit oder einer Inhaftierung bedeutet. Wir haben diese Angst in den Tagen vor der Aktion deutlich gespürt, als wir verschiedene Szenarien und Pläne durchgespielt haben. Aber ich fühlte mich ermutigt; wir gaben uns gegenseitig Selbstvertrauen.

Und dann passierte es: Früh morgens segelten wir auf Gazproms Ölplattform zu und schon bald wurden meine schlimmsten Befürchtungen Realität. Bei meinem ersten Versuch die Plattform hoch zu klettern, erwischte mich eine große Welle. Ich schaffte es nicht nach oben. Minutenlang kämpfte ich im eisigen Wasser mit dem Seil. Erledigt und von der Kälte mitgenommen, musste ich zurück aufs Boot.

Die anderen Aktivisten befanden sich nun 15 Meter über mir; ich saß da mit erschüttertem Selbstvertrauen. Jono, ein erfahrener Kletterer und Crewmitglied der Sunrise, kam aufs Boot, um alles nochmal mit mir durchzugehen. Er überprüfte meine Ausrüstung und stellte sicher, dass alles in Ordnung war. “Mach nicht zu schnell,” riet er mir. “Lass dir Zeit, dir wird nichts passieren!”

Freitag, 31. August 2012

Beim Aufstieg an der Öl-Plattform - (c) Denis Sinyakov - Greenpeace

Während wir sprachen und ich an unsere Aufgabe dachte, stand ich wieder auf. Die Besatzung auf der Plattform hatte bereits damit angefangen, an den Seilen zu rütteln und uns mit eisigen Wasserattacken zu bespritzen, aber ich musste da jetzt hoch!

Während ich kletterte, sah ich starr hoch zu Basil und Terry. Sie feuerten mich an: “Du hast es fast geschafft! Ein Schritt nach dem anderen – weiter so!” Dann war ich endlich oben. Ich sah raus zur Arctic Sunrise, etwa drei Meilen entfernt, und über mir zur Spitze dieser monströsen Plattform. In diesem Hochgefühl fiel mir unsere Aufgabe wieder ein – und der Grund, warum wir hier sind.

Die Zukunft unserer Kinder steht auf dem Spiel. Wir haben eine Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen. Wir müssen die Menschen aufwecken, damit sie Verantwortung für unseren Planeten übernehmen. Ich dachte an die indigenen Völker in Nordrussland, mit denen ich eine Woche zuvor gesprochen hatte. Ich dachte daran, wie ihr Land und ihre Kultur und ihr “way of life” bereits negativ von der Ölindustrie beeinflusst worden sind. Ich war sehr bewegt von den Gesprächen mit diesen Menschen und konnte ihre Hilflosigkeit nachempfinden.

In vieler Hinsicht ist es schon zu spät – besonders in Anbetracht der jüngsten Meldungen über die Geschwindigkeit, mit der das arktische Meereis abschmilzt. Die Zeit läuft uns davon.

Wer sich einer solchen Plattform gegenüber sieht, dem wird auch bewusst, wie mächtig der Mensch ist. Diese Konstruktionen sind unglaubliche Monumente menschlicher Ingenieurskunst. Wenn man sich über die finanziellen und geistigen Ressourcen Gedanken macht, die in den Bau einer Ölplattform fließen, stößt man unweigerlich auf die Frage, was man mit demselben Kapital im Bereich sauberer, erneuerbarer Energien bewerkstelligen könnte.

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Freitag, 31. August 2012

An der Außenwand der Ölplattform - (c) Denis Sinyakov

Unsere Kampage ist längst nicht zuende und unsere Entschlossenheit geht gestärkt aus dieser Erfahrung hervor. Mich hat die Standhaftigkeit inspiriert, die ich in dieser Woche um mich herum erlebt habe, das Durchhaltevermögen im Angesicht der Widrigkeiten und der Wille aufrichtiger Menschen ihre Körper der Zerstörung in den Weg zu stellen – in einem Akt des Widerstands.

Der nächste Halt wir die Arctic Sunrise an den Rand der Arktis führen, wo sie das Verschwinden des Meereises dokumentieren wird. Von dort werden wir das Unrecht an der Umwelt weiterhin festhalten und die Menschen mobilisieren, uns zu unterstützen.

Bis zum heutigen Tage haben fast 2.000.000 Menschen zugesagt, mit uns den Kampf um die Arktis zu kämpfen und wir ermutigen dazu noch Millionen mehr. Ich danke euch für eure Unterstützung. Ohne euch könnten wir unsere Arbeit nicht machen und ich freue mich darauf, in der Zukunft wieder an eurer Seite zu arbeiten.