Schön langsam geht hier der Wahlkampf los. Für einen Europäer völlig unverständlich: Die Wahlen beginnen am 16. April und dauern in 5 Durchgängen bis zum 13. Mai. Indien ist zu groß um logistisch und sicherheitstechnisch die Wahlen landesweit in einem Durchgang bewältigen zu können  und es gibt bislang keinen Wahlkampf. Wahlen in Indien funktionieren nach einer unterschiedlichen Logik (wobei nach letztem Sonntag in Österreich - Logik???) als wir sie kennen. Zuerst einmal gibt es Mehrheitswahlrecht in 543 Wahlkreisen. Dann hat sich das indische Parlament von einer Domäne der Kongresspartei zu einem Vielparteiensystem entwickelt, indem es zwei große landesweite Parteien (Kongress und BJP = Hindunationalisten) gibt und eine Fülle vor allem regionaler Kleinparteien. Die Wahlentscheidung insbesondere im ländlichen Raum wird immer noch sehr stark entlang von Kastenzugehörigkeit getroffen und um die zu mobilisieren braucht's keine Plakate, Inserate oder für uns übliche Wahlkampfutensilien.

Besonders spannend ist aber die Dominanz des ländlichen Raumes. Das hat einen Hauptgrund: Die Wahlbeteiligung ist am Land viel größer als in den Städten. Die urbanen Mittelklassen gehen kaum wählen - sie sind sowieso wirtschaftlich so einflussreich, dass sie es nicht nötig haben - während die armen Dorfbewohner am Wahltag Schlange stehen um ihre Stimme abzugeben. Der Effekt ist, dass sich der Wahlkampf sehr stark an die "rural poor" richtet. Vor den Wahlen sind die Entwicklungschancen am Land das große Thema. Nach den Wahlen ändert sich das rasch wieder (auch nichts Indien spezifisches).

Ein besonders nettes Beispiel hierfür konnte ich heute in der Times of India lesen. Der Chef einer Elektrizitätsbehörde hat offen gesagt, dass sie während der Wahlen den ländlichen Raum mehr Strom zuteilen. Normalerweise sind am Land die Stromabschaltungen häufiger und länger als in der Stadt. Und diese Stromabschaltungen sind ein echtes Ärgernis. Und ein paar Wochen lang verärgert man die wählenden Dorfbewohner nicht und die nichtwählenden Städter etwas mehr. Dunkle Aussichten für uns in der Stadt für April und Mai. Den Dorfbewohnern sei der kurzfristige Gewinn an Lebensqualität aber vergönnt.

Lieben Gruß, Bernhard