Das Reis-Fisch-System: Fisch im Wasser des Reisfeldes.

Letztens habe ich auf Arte eine für mich sehr bereichernde Dokumentation über die ökologische Landwirtschaft mit dem deutschen Titel Die Zukunft pflanzen gesehen. Besonders der Name Dennis Garrity ist mir dabei in Erinnerung geblieben. Der ehemalige Direktor des Weltforstwirtschaftszentrums betont, dass es bei der Landwirtschaft nicht nur schlicht um Lebensmittelproduktion geht. Auch andere Aspekte, wie z.B. die Ästhetik der Landschaft, hängen eng damit zusammen, wie unsere Landwirtschaft gestaltet wird. Dies wurde jedoch während der grünen Revolution, angeblich zugunsten des Ertrags, außer Acht gelassen.

Dieser Gedanke eröffnete für mich eine neue Perspektive. Ich begriff, dass sich die Landwirtschaft von unterschiedlichen Blickwinkeln aus betrachten lässt: von der rein funktionellen, von der visuellen wie auch  von der kulturellen Seite. Ein Beispiel für eine Form der nachhaltigen Landwirtschaft, welche gleichzeitig ein Kulturgut darstellt, wäre das sogenannte Reis-Fisch-System, eine in Teilen Chinas eingesetzte Form des simultanen Reisanbaus und der Fischzucht. Dieses System könnte eine der Lösungen darstellen, um den Pestizidgebrauch in China herabzusetzen.

Pestizide in China: Dringende Reduktion notwendig

Auch wenn ich bereits mit 7 Jahren nach Europa gekommen bin, lässt sich mein Interesse an Geschehnissen in China nicht leugnen. Womöglich ist das darauf zurückzuführen, dass dort noch meine gesamte Verwandtschaft  lebt. Sie bekommen die Auswirkungen des gravierenden Pestizidproblems im alltäglichen Leben zu spüren. So kaufen meine Tante und mein Onkel im Supermarkt möglichst nur importierte Produkte. Zudem pflanzen sie und finanziell ähnlich gut gestellte Freunde ihr eigenes Gemüse an. Dabei sind sie in der Familie nicht gerade als „paranoide Ökos“ bekannt. Tatsächlich tun es Bekannte und Kollegen ihnen gleich.

Die Angst der Verbraucher kann auch durch Laborwerte bestätigt werden. Greenpeace East Asia kauft in regelmäßigen Abständen Obst- und Gemüseproben in verschiedenen Städten und lässt diese von einem unabhängigen Labor untersuchen. Die Ergebnisse von Ende 2011 ergaben, dass 30 von 35 Proben Pestizidrückstände aufweisen. Dabei wurden auch Stoffe nachgewiesen, die von der Regierung verboten oder auf der WHO Liste der hochgefährlichen Chemikalien verzeichnet sind.

Reis-Fisch-System: Eine Alternative mit diversen Vorteilen

China hat seine eigenen, teils sehr eleganten Möglichkeiten der ökologischen Landwirtschaft: Pflanzt man Reis an und lässt auf demselben Feld Fische im Gewässer schwimmen, zeigen sich mehrere Vorteile:

  • Durch die Aktivitäten der Fische wird der Boden gepflügt
  • Fischkot dient als Dünger
  • Die Fische ernähren sich von Unkräutern und Schädlingen, fungieren daher als natürliche Schädlingsbekämpfer
  • Fläche wird eingespart

 

Das College of Life Science der renommierten Zhejiang Universität veröffentlichte 2011 einen Artikel zum Reis-Fisch System. Die Studie ergab, dass im Vergleich zum herkömmlichen Reisanbau, d.h. wenn nur Reis angebaut wird, der Pestizidverbrauch um 68% und der Düngemittelverbrauch um 24% reduziert werden können. Der Ertrag bleibt gleich. Ein netter Nebeneffekt des reduzierten Düngemittelverbrauchs wäre ein kleinerer CO2-Footprint, bedenkt man, dass zur Düngemittelproduktion eine große Mengen Energie aufgewendet werden muss. Dies kommt in China wiederum zum größten Teil aus Kohlekraftwerken.

Chinesische Regierung: 30x mehr Geld in Gentechnik gesteckt

Von der chinesischen Regierung fließt durchaus Geld in landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung, doch die ökologische Landwirtschaft wird kaum gefördert. Insgesamt wurden von 1986 bis 2005 700 Millionen in die ökologische Landwirtschaft, in die Gentechnik jedoch  21 Milliarde Yuan investiert - das 30fache. Genmanipulierte Lebensmittel werden von der Mehrheit der chinesischen Konsumentinnen und Konsumenten abgelehnt. Eine Kommerzialisierung von Genreis wurde nach 10 Jahren dank der Bemühungen von Greenpeace East Asia eingestellt. Allein aufgrund der Tatsache, dass genmanipulierte Lebensmittel einfach keine Abnehmer finden würden, wäre die Regierung gut beraten, die Förderung durch öffentliche Gelder zu unterlassen. Ganz abgesehen von den zahlreichen anderen Gründen, die gegen den Anbau genmanipulierter Organismen sprechen.

Förderung von ökologischer Landwirtschaft = Stärkung der Kultur

Ich erinnere mich noch daran, dass wir früher immer ein tolles Fest während des chinesischen Neujahrs gefeiert haben. Die Böller waren mir zu laut, doch die Lichter und Laternen mochte ich gern. Einige Laternen waren auch in Fischform gestaltet. Am chinesischen Silvester aß man auch immer Fisch, nach dem Motto „Nian Nian You Yu“. Nur dem Laut zufolge konnte der Satz sowohl „Jedes Jahr bleibt etwas übrig“, im Sinne von einem materiellen Überschuss, als auch „Jedes Jahr gibt es Fisch“ bedeuten. Das chinesische Wort für übrig (Yu) ist dasselbe wie Fisch (Yu). Sowohl der Fisch als auch der Reis sind prägnante Symbole der chinesischen Kultur. Die Idee, beides in einer landwirtschaftlichen Gestalt zu einigen, gefällt.

Das Reis-Fisch System zeigt, dass ertragreiche Landwirtschaft nicht notwendigerweise mit einer Höchstanwendung von chemisch-synthetischen Hilfsmitteln einhergehen muss. Ganz im Gegenteil, über den Globus zerstreut existieren bereits vielfältige Formen der ökologischen Landwirtschaft, die sich bereits lange bewährt haben und der konventionellen hinsichtlich des Ertrags in nichts nachstehen. Wie das Reis-Fisch-System sind sie somit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch und ästhetisch sinnvoll und stellen darüber hinaus ein Kulturgut des Landes dar. Vier Fliegen mit einer Klappe.

Vielfältige Formen der Landwirtschaft zu fördern bedeutet daher auch, vielfältige Formen des kulturellen Lebens zu fördern.