Ich kann die schlaflosen Nächte, die für mich mit dem 11. März 2011 begannen, nicht mehr vergessen. Lange Nächte, in denen ich die Antworten von Greenpeace zu der Reaktorkatastrophe in Fukushima zusammenstellte. Ich suchte nach detaillierteren Informationen, die es nicht gab, über das was tatsächlich im Reaktor passiert war. Zeitgleich waren meine Gedanken bei den Menschen in Japan, mit der Naturkatastrophe, die zuerst mit dem Tsunami über sie hereingebrochen war und dann, mit einer sich ausweitenden Nuklearkatastrophe. Ich musste immer und immer wieder an die selbstlosen, heroischen Einsätze der Reaktorarbeiter denken, die ihr Leben aufs Spiel setzten und Minute für Minute gegen das schlimmste Szenario – der Evakuierung Tokios ankämpften.

Nach dem tragischen Reaktorunfall in  Tschernobyl 1986, hatte ich mir geschworen, dass so ein Disaster nie wieder vorkommen dürfe. Um aus der Katstrophe von Fukushima zu lernen, wurde der Report „Lehren aus Fukus-hima“ in Auftrag gegeben. Der Bericht, der drei unabhängigen Experten (ein Kernphysiker, ein Beauftragter der Gesundheitsbehörde, sowie ein Kernenergietechniker) zeigt auf, wie die japanische Regierung, die Behörden und die Atomindustrie zur Reaktorkatastrophe in Fukushima Daiichi beitrugen und dann daran scheiterten die Menschen vor den Auswirkungen der Katastrophe zu schützen.

Die Geschichte zeigt deutlich, dass sich Fehler und Ausfälle in Atomkraftwerken wiederholen. Millionen Menschen, die in der Nähe von Atomreaktoren wohnen, müssen mit der großen Gefahr einer möglichen Nuklearkatastrophe leben. Statt in alternative Wege der Stromgewinnung zu investieren, suchen Behörden und Entscheidungsträger jetzt nach Wegen, wie sie das Vertrauen der Menschen in die Atomenergie wieder herstellen können.Da läuft etwas ganz falsch: Ein Jahr nach der Katastrophe schützt die Regierung nach wie vor die Atomindustrie, anstatt ihre Bürger.

Die “Stresstests”, die nach der Reaktorkatastrophe für Atomkraftwerke weltweiten verpflichtend eingeführt wurden, zeigen einmal mehr, dass aus der Katastrophe nichts gelernt wurde. Damit werden bloß existierende Reaktoren und laufende Arbeiten abgesegnet. Deutschland war das einzige Land, das nach der Katastrophe acht seiner 17 Reaktoren abdrehte. Kein einziger Reaktor auf der ganzen Welt wurde von den Stresstests als unsicher eingestuft und deshalb abgedreht. Ich wette, dass selbst Fukushima Daiichi den Stresstest bestanden hätte.

Die erste Lehre, die wir aus Fukushima ziehen müssen, ist, dass “Nukleare Sicherheit” einfach nicht existiert. Die Atomlobby will uns weismachen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Reaktorkatastrophe eins zu einer Million ist, tatsächlich gab es durchschnittlich alle zehn Jahre eine Kernschmelze. Die verschiedensten Vorkehrungen gegen einen radioaktiven Austritt funktionierten nicht. In Japan fielen alle Vorkehrungen bereits am ersten Tag aus.

Die zweite Lehre ist, dass die Institutionen, die Leute schützen sollten, komplett versagten.
Die Notfallspläne für eine Reaktorkatastrophe stellten sich als völlig unpassend und unbrauchbar heraus. Menschen wurden in Spitäler ohne medizinische Hilfe zum Sterben gebracht, wurden in Gegenden mit erhöhter radioaktiver Strahlung gebracht oder ihnen geraten in ihren Häusern zu bleiben, ohne Wasser oder Nahrungsmittel. Manchen wurde versichert, dass sie sicher wären, nur um Wochen später evakuiert zu werden, weil es doch zu gefährlich war. Und dennoch gilt Japan als eines der höchst entwickeltsten Länder weltweit. Sollten wir wirklich glauben, dass Notfallspläne in anderen Ländern besser funktionieren würden?

Ein System, dass einer Atomindustrie das Ansammeln von größten Gewinnen erlaubt, im Falle einer Katastrophe, die Verantwortung aber an die betroffenen Bürger abgibt, ist erschütternd.

Ich hoffe Sie lesen die Zusammenfassung von unseren „Lehren aus Fukushima“. Es muss uns klar werden, wie falsch das ganze System läuft, solange nicht NEIN zu Atomkraft und den damit verbundenen Gefahren gesagt wird. Es ist mehr als an der Zeit moderne Energiesysteme mit Erneuerbaren Energien, sicheren Jobs und einer unabhängigen Energieversorgung zu verlangen.