Manuel Marinelli, österreichischer Aktivist und Taucher an Bord der Rainbow Warrior.

Wir segeln gerade an Diego Garcia vorbei, der größten Insel im Chagos-Archipel. Trotz der Abgelegenheit inmitten des Indischen Ozeans hat das Mini-Atoll eine lange und bewegte politische Geschichte hinter sich. So mussten die Einwohner des Atolls die Insel verlassen mussten, derzeit befindet sich darauf eine Militärbasis der USA. Auf der Plusseite steht allerdings: Rund um Diego Garcia ist – auf 554.000 km² Fläche - das größte Meeresschutzgebiet der Welt entstanden.

Die Dringlichkeit solcher Gebiete wird immer klarer, je weiter die Überfischung fortschreitet: Als Tabu-Zonen für die industrielle Fischerei können sich  in Schutzgebieten die Bestände der verschiedensten Fischarten wieder auf ein gesundes Niveau erholen. Doch gibt es Unterwasser natürlich keinen Zaun: Ist ein gewisses Maß an Biomasse erreicht, wandern die Fische unweigerlich in die umliegenden Gebiete ab – die Fischerei profitiert. So kann nachhaltig produktiver Fischfang betrieben werden, ohne das eigentliche Schutzgebiet zu gefährden.

So weit zumindest die Theorie. In der Praxis sieht die Geschichte leider etwas anders aus: So sind wir bereits am ersten Tag unserer Fahrt durch das Chagos-Schutzgebiet zwei Piratenschiffen begegnet: Kleine Fischerboote aus Sri Lanka, die genau dort, wo niemand fischen darf, auf den großen Fang hoffen. Ohne Lizenz aber mit dem nötigen Equipment. Sowohl Kiemennetze als auch Langleinen haben wir an Bord entdeckt - beides Fangmethoden,  die im höchsten Maße umweltschädlich sein können: Sowohl im Netz als auch an der Langleine werden immense Mengen an Meerestiere mitgefangen, auf die es die Fischer gar nicht abgesehen haben und die als ungewollter Beifang wieder über Bord gehen. Und in diesem Fall waren die Fischer ganz klar auf Haie aus – ich befürchte noch viel schlimmer:  nur auf ihre Flossen. An Bord haben wir auch einige Drescherhaie gefunden, eine Art, die im gesamten Indischen Ozean streng geschützt und deren Fang verboten ist.

Am Abend diskutierten wir an Bord der Rainbow Warrior noch lange über die Piratenfischer: Keines der Boote hatte Kühlaggregate an Bord, der Fang wurde lediglich mit Eis gekühlt. Das aber bedeutet, dass diese verhältnismäßig kleinen Boote nicht alleine agieren: Irgendwo muss es noch ein „Mutterschiff“ geben, das die kleineren mit Eis und Nahrungsmitteln versorgt und den Fang einsammelt. Und das wiederum bedeutet, dass es sicherlich viel noch mehr Piratenfischer in diesem Schutzgebiet gibt als wir finden konnten …

Eines hat der heutige Tag gezeigt: Meeresschutzgebiete sind ein wichtiges Werkzeug zum Schutz der Meere, in der Praxis müssen sie allerdings überwacht und kontrolliert werden, damit sie nicht nur auf dem Papier existieren. Auch im Sinne der Fischer selbst, denn wenn wir unsere Meere heute nicht schützen, kann morgen schon der Fang ganz ausbleiben.