Liebe Freunde, ich befinde mich zur Zeit auf dem Greenpeace Schiff Arctic Sunrise in der Barentssee, im westlichsten Teil der russischen Arktis. Im Rahmen der Greenpeace „Save the Arctic“ Tour ist die“ Arctic Sunrise“ diesen Sommer auf einer Expedition zum Schutz der bedrohten Arktisregion. Unsere gegenwärtige  Etappe startete in der russischen Hafenstadt Murmansk. Murmansk liegt nördlich des Polarkreises und ist Stützpunkt der russischen Nordmeerflotte sowie der Eisbrecherflotte, die auch nuklear betriebene Schiffe hat.

Ankunft der Arctic Sunrise im Hafen von Murmansk.

Murmansk ist alles andere als ein einfaches Pflaster, um Unterschriften für unsere „Save the Arctic" Petiton zu gewinnen, da viele Bewohner der Stadt von der Öl- und Gasindustrie im Norden Russlands leben. Trotzdem gelang es den unermüdlichen russischen Greenpeace Aktivisten, zusammen mit einem heimatlosen Eisbären hunderte von Unterschriften zu sammeln. 
Auch für unseren Kapitän auf der Arctic Sunrise war Murmansk das bisher mühsamste Hafenerlebnis seiner Karriere. Die Hafenbehörde unternahm alles möglich, um uns Steine in den Weg zu werfen. Zuerst versuchte man, dem Schiff die Landung zu verwehren.

Eisbär in Murmansk.

Danach verhinderte man durch den abgelegenen Ankerplatz im äußersten Bereich der Hafenzone, nur erreichbar per halbstündigem Bootstransfer, die Einladung der lokalen Bevölkerung aufs Schiffs. Das Passagierhafenportal war plötzlich wegen Umbauarbeiten geschlossen und unsere Besucher wurden durch das dreckige Kohlenhafenportal gelotst. Ihr könnt euch unsere Erleichterung vorstellen, als wir den Murmansker Hafen endlich verlassen und in die Barentssee stechen konnten.

Die Arctic Sunrise ist ein kompaktes Schiff  mit ganz besonderem Charme.  Als Eisbrecher hat es schon alle Weltmeere durchpflügt und Stürme durchlebt.  Es ist berüchtigt für Seekrankheit, die einen Neuankömmling heimsucht, da es über keinen stabilisierenden Kiel verfügt. Ich machte mich auf einiges gefasst – und tatsächlich - meine ersten zwei Tage waren geprägt davon, den Magen einigermaßen unter Kontrolle zu halten. 

Die Ölplattform Prirazlomnaya von Gazprom.

Nach diesen ersten Erfahrungen aber zog mich die Arktis-Kampagne im Russischen Gebiet völlig in ihren Bann. Unser Ziel in der Barentssee war die erste Offshore Ölbohrplattform Prirazlomnaya des russischen Energiegianten Gazprom in der Arktis. Sie hätte laut Plan eigentlich diesen Frühling den Betrieb aufnehmen sollen. Der Start wurde jedoch wegen zu vielen gravierenden Mängeln auf Anfang nächsten Jahres verschoben.

Die Plattform ist ein eindrückliches Beispiel dafür, warum Offshore Öl- und Gasbohrungen in der Arktis dringend verboten werden müssen. Vieles deutet darauf hin, dass diese Plattform den extremen Bedingungen  in der Arktis nicht standhalten kann. Das Gebiet ist nur 110 Tage im Jahr eisfrei und die Temperaturen gehen bis über minus 50 Grad. Der Druck der gewaltigen, sich bewegenden Eismassen hat die Plattform scheinbar schon im ersten Winter leicht verschoben und Schäden verursacht. Falls die Rohre schon installiert gewesen wäre, hätte das erste Rohrbrüche zur Folge haben können.

Walrösser sind neben Eisbären von der Ölindustrie gefährdet.

Das Risikomanagement von Gazprom scheint von einer haarsträubenden Fahrlässigkeit und Kostenreduktionsdruck geprägt zu sein.Die Plattform befindet sich 60 km vor der Küste und ist umgeben von mehreren Naturschutzzonen, welche Tierarten wie Eisbären und Walrösser beheimaten. Ein Unfall hätte katastrophale Folgen für dieses sensible Ökosystem.
Mehr Infos zur skandalösen Plattform finden Sie hier zu lesen.
Wir näherten uns der Plattform bis auf drei Seemeilen, nahmen Funkkontakt mit der Plattform auf und baten um Erlaubnis, die Plattform mit russischen Journalisten an Bord zu besuchen. Wie vorauszusehen war, verwehrte der Kapitän uns diese Anfrage – wie auch schon unsere Anfrage ans Gazprom Management in Moskau  abgelehnt worden war.

Auch seismische Messungen zur Lokalisierung von weiteren Öl- und Gasreserven für den staatlichen russischen Konzern Rosneft und den italienischen Konzern Eni wurden in diesem Gebiet durchgeführt. Die Geräusche dieser Tests schädigen die Meeresfauna, stören das sensible Gehör der Wale und vertreiben sie. Per Funk wurden wir aufgefordert, uns gefälligst aus dem Messgebiet zu entfernen.

Es ist noch viel geplant während unserer Arktis-Tour – also behaltet diese Seite im Auge, um zu erfahren wie’s weiter geht und wie wir auf die Gefährdung der Arktis aufmerksam machen.

Asti Rösle ist Kampaignerin bei Greenpeace Schweiz und zur Zeit als Crewmitglied auf der Arctic Sunrise unterwegs.