Kumi Naidoo spricht auf der 10. Internationalen Friedenskonferenz

Der Autor Kumi Naidoo ist Geschäftsführer von Greenpeace International. Die Rede zu dem nachfolgenden Manuskript hat Kumi am Freitag auf der Sicherheitskonferenz in München gehalten. Das Foto zeigt ihn auf der parallel stattfindenden Friedenskonferenz, auf der Kumi am Abend ein Grußwort sprechen durfte.

Guten Abend, meine Damen und Herren, ich muss zugeben: trotz all meiner öffentlichen Redetermine ist es merkwürdig für mich, hier zu sein – noch merkwürdiger als in Davos, von woher ich gerade komme. Ich weiß, dass das, was ich zu sagen habe, hier nicht so gut ankommen wird. Aber meine Mutter, möge sie in Frieden ruhen, sagte mir, als ich fünfzehn Jahre alt war, dass “es besser ist, ehrlich und unbeliebt zu sein als unehrlich und beliebt”. (…)

Was kann ich ihnen über Sicherheit erzählen, das sie nicht schon wüssten? Was kann ich Ihnen sagen, dass nicht schon dafür benutzt worden wäre, die weltweit 1,6 Billionen Rüstungsausgaben jährlich zu rechtfertigen. Was kann ich ihnen über die Ursache von Konflikten erzählen, die Kämpfe um natürlich Resourcen wie Wasser, Öl und Nahrung. (…) Diese Konflikte könnten teilweise dadurch vermieden werden, indem wir die Definition von Sicherheit überdenken. (…)

Was heute in der Welt passiert, all die Kriege und Konflikte, resultiert aus einer starken Fokussierung auf nationale Sicherheit und einer Vernachlässigung humanitärer Sicherheit (“Human Security”). Selbst die CIA hat in einem Report für Präsident George Bush im Jahre 2003 festgestellt, dass der Klimawandel die Welt mehr bedroht als Terrorismus und sie an den Rand der Anarchie bringen könnte, weil Länder dazu bereit sind, ihre schwindenden Nahrungs-, Wasser- und Energievorräte mit atomaren Drohgebärden verteidigen.

Meinen Freunde aus den USA möchte ich daher einen einfachen Vorschlag machen, den ich auch neulich bei der Klimakonferenz in meiner Heimatstadt Durban unterbreitet habe: Wie wäre es die Differenz zwischen dem us-amerikanischen und dem chinesischen Militärbudget um 100 Milliarden Dollar jährlich zu verringern? Es bliebe immer noch ein Unterschied von einer halben Billion Dollar. Mit diesen 100 Milliarden könnten wir das Versprechen der Weltgemeinschaft einlösen, eine solche Summe in Entwicklungsländer zu stecken, um damit Maßnahmen gegen den Klimawandel und seine Folgen zu ergreifen. Dadurch würde die Sicherheit für Länder erhöht werden, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen, aber am stärksten von ihm betroffen sind. Sie alle wissen, dass sich Klima-Konflikte in Afrika allmählich ausbreiten, sie kennen auch den Hintergrund zur Gewalt in Darfur. (…)

Seit langem hängen Kriege eng mit natürlichen Ressourcen zusammen. Historisch betrachtet hat die Nachfrage aus Europa vorgegeben, welche Güter produziert und welche natürlichen Ressourcen der Erde entrissen werden. Heute hat der Konsum der Menschen – der direkte Auswirkungen auf die Fähigkeit unseres Planeten hat, sich selbst instandzuhalten und zu regenerieren – einen beispiellosen Höhepunkt erreicht – ohne jedes Anzeichen von Abschwächung. Die weltweite Nachfrage nach Energie, Wasser, Nahrung und Wohnraum übersteigt die Fähigkeiten des Planeten, sie zu befriedigen. Beinahe 1,3 Milliarden Menschen bekommen die Folgen von landwirtschaftlichem Raubbau, Abholzung und Überfischung direkt zu spüren. Noch viele Millionen Menschen mehr werden betroffen sein, wenn der Meereswasserspiegel aufgrund der globalen Erwärmung ansteigt, für weitere Millionen wird Wasser wertvoller als Gold, weil ihre Flüsse und Seen vertrocken – und damit ihre Lebensgrundlagen verschwinden. (…)

Den Repräsentanten des Militärs auf dieser Konferenz möchte ich mit auf den Weg geben, dass der Militärsektor vielleicht einer der größten Mitverursacher des Klimawandels ist. Es handelt sich um eine riesige Industrie, die sich vor allen anderen Erwägungen ganz der sogenannten “Sicherheit” verschrieben hat. Diese Industrie ist demokratischer und öffentlicher Einflussnahme weit weniger stark ausgesetzt als beispielsweise die Wirtschaft. Sie bleibt oft sowohl von umweltpolitischen als auch menschenrechtlichen Standards verschont. Sofern der Militärsektor bei nationalen, transnationalen und internationalen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels nicht berücksichtigt wird, könnten all diese Maßnahmen auf einer globalen Ebene nur marginale Effekte zeitigen. (…)

Um meine Rede mit einer positiven Botschaft zu beenden: Wir können die Krise des Klimawandels in eine Chance umwandeln. Der Klimawandel sollte die Menschheit zur Vernunft bringen. (…) Am wichtigsten ist es, dass wir in Zukunft auf eine Energieversorgung durch erneuerbare Energiequellen setzen: Auf diese Weise gewährleisten wir eine Unabhängigkeit in der Energieversorgung (“energy independence”), schaffen Millionen neuer Jobs, verringern Armut und verhindern letztendlich Katastrophen durch den Klimawandel. Nichts weniger ist es, was unsere Kinder von uns erwarten. Sie haben eine Anrecht auf eine friedlich und nachhaltige Zukunft. Die Zeit, diese legitimen Ansprüche zu erfüllen, läuft uns davon.