Steffen Nichtenberger, Kommunikationschef von Greenpeace Österreich, reagiert auf den Kommentar von Chefredakteur Kurt Horwitz in der VN Ausgabe vom 18. März. (online hier nachzulesen).

Opportunismus? Ja, bitte!

Seitdem uns am 11.März die schrecklichen Nachrichten von Erdbeben, Tsunami und der drohenden Atomkatastrophe erreicht haben, gelten unsere Sorge und unser Mitgefühl den Menschen in Japan.

Die Katastrophe hat den Schrecken der Nuklearenergie wieder an die vorderste Front des Medieninteresses katapultiert. Das ist verständlich, so funktionieren Medien. Es ist ihre Kompetenz, über die weltweit bahnbrechendsten Ereignisse zu berichten. Für uns sieht die Realität anders aus  – wir beschäftigen uns mit den Strukturen, die hinter solchen Katastrophen stehen, Tag für Tag. Und über lange Zeitstrecken hinweg müssen wir das  tun, wenn die Medien nicht hinschauen. Das macht unsere Arbeit schwieriger, als sie sein müsste.

Zwei Beispiele: Als Greenpeace-Aktivisten einen Tag vor der Katastrophe in Japan  das österreichische Umweltministerium erklommen haben, um auf die von deutschen AKW ausgehenden Gefahren hinzuweisen, hat kaum ein Hahn danach gekräht. Kurz danach wirft man Greenpeace  vor – wie im gestrigen Leitartikel der Vorarlberger Nachrichten -  opportunistisch aus den Ereignissen in Japan Kapital schlagen zu wollen.

Ebenfalls mau gestaltet sich oft das mediale Interesse, wenn Greenpeace Lösungen für die zukünftige Energieversorgung des Planeten präsentiert. Gleichzeitig kommt fast gebetsmühlenartig der Vorwurf, wir würden nur um mediale Aufmerksamkeit und Spendengelder heischen, anstatt Konzepte und Lösungen anzubieten. Die Lösungen sind da, wir haben sie. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt um darüber zu berichten. Wenn das Opportunismus sein soll – bitte. Dann lasse ich mir diesen Vorwurf gerne gefallen.

Die Geburtsstunde von Greenpeace war der Protest gegen die Atomwaffentests im Pazifik. Seitdem – und das sind mittlerweile vier Jahrzehnte – ist der Kampf gegen die gefährliche und undemokratische Risikotechnologie Atomkraft ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Und ja, diese Arbeit wird nur durch Spendengelder ermöglicht – und zwar ausnahmslos durch Spenden von Privatpersonen. Von Institutionen jeder Art, Firmen, Unternehmen, Verbände, Vereine usw. nimmt Greenpeace kein Geld – und kann sich so die Unabhängigkeit sichern, ausschließlich der Umwelt und ihrem Schutz verpflichtet zu sein.

Chefredakteur Horwitz wirft uns vor, unsere Kampagnen nach Popularität der Themen zu planen und führt als Argument den Raucherschutz an, zu dem Greenpeace keinen Beitrag leistet. Dazu gibt es zwei Dinge zu sagen:  Umweltprobleme sind nicht sexy – wer schon jemals versucht hat, zukunftsweisende Energiekonzepte ohne einen drohenden Super-GAU im Nacken in den Medien unterzubringen, weiß wovon ich spreche. Und den Kampf für ein Rauchverbot überlassen wir guten Gewissens den engagierten Kollegen der Nichtraucherschutz-Initiativen. Nicht weil wir Rauchverbote als populär oder unpopulär klassifizieren, sondern weil wir vollauf damit beschäftigt sind, uns um unsere Kernkompetenz zu kümmern: Umweltschutz. Und dabei wird der Kampf gegen die Atomkraft bei uns noch sehr lange oberste Priorität haben – wenn die Medien schon längst wieder zur Post-Fukushima-Phase übergegangen sind.

Steffen Nichtenberger,
Kommunikationschef Greenpeace Österreich