Diesen Morgen kam der Schock nicht durch irgendeinen Wahnsinn, den irgendein Land wieder in der Konferenz angestellt hat - dazu später - sondern von meinem Computer. Die Dichte an E-mails hier ist gewaltig. Ich muss dauernd dran bleiben (zwischen jedem Meeting Mails runterladen) und dann funktionierten die Mails heute Morgen nicht und am Bildschirm gab es dauernd Aussetzer. Panik! Wenn jetzt der Laptop eingeht, dann wirds echt mühsam. Zum Glück war es nur der unerwartbare Zufall, dass gleichzeitig der Server in Wien down war und mein Ladegerät seinen Geist aufgab. Jedenfalls bin ich jetzt mit einem neuen Ladegerät ausgestattet und in Wien funktioniert auch wieder alles.

Es passiert hier gerade sehr viel parallel: wir sind jetzt in der Phase der Verhandlungen die in vielen Untergruppen auf sehr technischem Niveau ablaufen. Das ist grundsätzlich ok so, wenn man Dinge weiterbringt und dann in der zweiten Woche nur die strittigen Fragen auf politischer Ebene (Minister) klärt. Heuer ist es aber etwas anders. Die Verhandlungen sind stark durch Warten geprägt. Alles wartet sowieso auf Obama. Aber hier viel stärker zu spüren ist, dass alle auf das EU-Klimapaket warten. Das, was dieser Tage und nächste Woche in Brüssel beschlossen oder nicht beschlossen wird, hat enorme Auswirkungen auf die Verhandlungen. Und leider schaut das nicht besonders gut aus. Die EU ist drauf und dran sich den "schwarzen Peter" für ein schwaches Ergebnis hier in Poznan abzuholen.

In der Wartezeit amüsieren sich die meisten Delegierten mit den Kasperln der Konferenz. Das sind eindeutig die so genannte "Umbrella Group", einige Industrieländer außerhalb der EU (Kanada, USA, Australien, Neuseeland, Japan und Norwegen). Diese Länder machen nicht nur eine schlechte Figur im Bezug auf die Klimaverhandlungen, nein, sie machen sich auch regelmäßig lächerlich. Das "Duschgeständnis" der Japaner hab ich bereits gestern beschrieben. Heute waren dann die Kanadier dran. Sie erklärten der versammelten Weltgemeinschaft, dass sie leider nichts zum Klimaschutz beitragen können, weil sie a) so groß sind und daher große Distanzen zurücklegen müssen (Russland hat ähnlich argumentiert und Singapur kann nichts machen, weil sie so klein sind); b) es zu Wohlstandsverlusten führen würde, gemeint sind etwa kleinere Autos zu fahren oder die Bahn zu benützen und c) Kanada sehr viele Emissionen bei der Produktion von fossilen Brennstoffen für den Export haben. Gemeint ist etwa die Zerstörung ganzer Landstriche durch die Ölsandproduktion. Lerne: egal welches Land du bist, es ist nur ein Nachteil, jede Veränderung im Lebensstil ist unzumutbar und wenn beim Schweinigeln Dreck anfällt geht einen das nix an.

Am Abend kam dann der wirkliche Kanada-Schock. Seit Tagen ist klar, dass die gegenwärtige Regierung keine Mehrheit mehr hat und 3 Oppositionsparteien bereit sind einen Regierungswechsel herbei zu führen, der nicht nur für das Weltklima gut wäre. Meine kanadische Kollegin Claire kam völlig fertig zu unserem Abendmeeting und gab uns eine Einführung in das politische System Kanadas. Es gibt scheinbar einen Trick in deren Verfassung. Die Stellvertreterin der englischen Queen (die formell Staatsoberhaupt Kanadas ist), kann das Parlament für 6 Wochen außer Kraft setzen und die amtierende Regierung kann machen was sie will. Genau das hat die Stellvertreterin getan. Wir haben sehr auf einen Wechsel kommenden Montag gehofft um endlich wieder dieses Momentum des "Change" spüren zu können. Kanada liefert das leider nicht, vielleicht überrascht uns doch noch die EU.