Jahrhundertelang war Sibirien ein Land übersäht mit Urwäldern, gesäumt mit Flüssen mit unermesslichem Fischreichtum, ein Heimatgebiet von zahlreichen Tierarten und indigenen Kulturen. Aber einige Unternehmen in Russland sind bereit diese unbezahlbaren natürlichen Ressourcen für einen einzigen Rohstoff aufs Spiel zu setzen: Öl.

 

Das Chanten-Volk, ein finno-ugrisches Volk in Sibirien, lebt noch immer traditionell und hütet Rentiere. Eine Familie des Chanten-Volks hat eine Gruppe von Greenpeace Russland-Personen und einige Journalisten zu sich eingeladen, um zu erzählen wie sie sich, gegen Angriffe der Ölindustrie auf die letzten Flecken intakter Natur, wehren.

Sibirien Rentiere Hirten

Um diese Geschichte zu hören und den traditionellen Lebensstil zu erleben, müssen wir über 500 Kilometer Sumpfgebiet im autonomen Kreis der Chanten und der Mansen Region überqueren. Heute ist dieses Gebiet mit Ölpumpen und Gasfackeln übersät. Die Ölindustrie hat hier Jahr für Jahr weiter expandiert und dadurch die lokale Bevölkerung weiter in den Norden vertrieben.

 

Die einzige Straßenverbindung zur Familie der Aypins führt durch einen Kontrollpunkt der russischen Ölfirma Lukoil. Lukoil stellt dabei den führenden Kopf der Ölindustrie in der ganzen Region dar. Seit sie von unserem Besuch hier wissen, versuchen sie jeden unserer Schritte zu kontrollieren. Mehrere Hundert Kilometer werden wir von vier Autos mit „Spionen“ des Unternehmens und lokalen Regierungspolitikern ‚begleitet‘.

Ein Manager von Lukoil kommt schließlich auf uns zu, um uns zu erklären wie sehr sich das Unternehmen um die lokale Natur und die ansässige Bevölkerung sorgt. „Das Unternehmen verhandelt alle neuen Projekte öffentlich mit der lokalen Bevölkerung und zahlt gute Kompensationen an sie. Nach den Bohrungen sanieren wir eventuell kontaminiertes Land so gut wie möglich. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Rentierherden sogar gesteigert! Unsere Region [Chanten-Mansen Region, Anm.] ist betreffend der Zusammenarbeit mit indigenen Völkern ein Vorzeigegebiet Russlands“ beteuert Konstantin Belyaev, ein Lukoil Manager. Mit seinem schwarzen Anzug sieht er dabei aus wie ein Außerirdischer inmitten des nun flächenmäßig dezimierten Naturgebiets.    

Trotz seiner Versicherung, keine ökologischen Probleme zu verursachen, sieht man der lokalen Natur die rund 30-jährige Verschmutzung durch Ölbohrungen deutlich an. Tausende Hektar Wald gingen durch Brand oder Kontaminierung in den naheliegenden Gebieten zugrunde. Fische sind aus den verunreinigten Flüssen und Bächen so gut wie ganz verschwunden. Weder der Staat noch das Unternehmen kümmern sich um die übrig gebliebenen Naturressourcen nachdem das Öl ausgepumpt wurde. Die Unternehmen wenden sich einfach neuen Quellen in anderen Gebieten zu. Zum Beispiel der Arktis.

"Wenn die Ölkonzerne uns in Frieden lassen würden, könnten wir uns ohne Probleme selbst versorgen!"

 

Die endlosen sibirischen Urwälder, die die Chanten-Völker mit allem was sie einst brauchten versorgt hatten, sind in kleine Reservate geschrumpft, die nun offiziell als „Gebiete für traditionellen Naturgebrauch“ bezeichnet werden. Der Wald der Aypin Familie sieht zwar gewaltig aus, aber als wir näherkommen, können wir den Schaden, den das Feuer angerichtet hat, deutlich erkennen. Feuer, das von achtlosen, meist mit der Ölindustrie in Verbindung stehenden Besuchern, verursacht wird. Wir können die „Ölfußabdrücke“ überall sehen: Müll, rostiger Metallschrott, tiefe Wagenspuren am Boden.

Aypins Nachbar, Ivan Kazamkin, zeigt uns den Ort an dem sich noch vor zwei Jahren ein kleiner Fluss mit vielen Fischen befand. Das Unternehmen Rosneft konstruierte hier eine Ölpipeline und blockierte den Fluss mit Sand und Schotter. „Wir haben uns oft bei den Behörden und bei den Konzernen beschwert, haben sie gebeten doch zumindest eine kleine Passage für die Fische übrig zu lassen. Wir haben aber keine Antwort erhalten und jetzt ist der Fluss tot.“ so Ivan.

Das Land hier gehört jetzt nicht mehr den indigenen Völkern. Der Staat besitzt nun Land, Wald und  mineralische Ressourcen und vergibt diese an Unternehmen und deren wirtschaftlichen Interessen. Kürzlich hat Lukoil Ölreserven in der Mitte des Landes von Aypins Familie gefunden und plant nun auch dort Ölbohrungen. Im besten Fall bekommt die Familie eine kleine finanzielle Kompensation. Aber die Menschen verlieren mehr als ein Stück Wald oder Land, sie verlieren die Möglichkeit ihr Leben zu unterhalten, ihre Traditionen und Kulturen fortzuführen Deshalb ist es nur schwer vorstellbar, dass irgendeinen Geldbetrag dies ersetzen kann.

Eine Siedlung von Rentierhirten, Enel Uri, sieht fast noch so aus wie vor Hunderten von Jahren. Die Menschen leben in kleinen Holzhäusern und Rohhautzelten. Gastgeber Lubov bereitet auf einer offenen Feuerstellen Fischbrühe zu. Die Menschen widmen sich ihrem Leben und wollen das Land nicht verlassen. „Ich habe in einer Stadt gelebt und studiert, aber ich fühlte immer, dass meine wahre Heimat hier liegt“ sagt Lubov Aypina. „Es wird für uns jedes Jahr schwieriger Rentiere zu halten, aber ich hoffe tortzdem, dass wir hier einen Ökotourismus etablieren können. Wenn die Ölkonzerne uns in Frieden lassen würden, könnten wir uns ohne Probleme selbst versorgen!“

Als unsere Gruppe das Land verlässt, beginnt die Aypin Familie für den Schutz ihres Landes vor Zerstörung zu beten. Die Aypins können sich dabei nur auf die Hilfe ihrer Götter verlassen, denn der russische Staat interessiert sich nur für die Ölindustrie.

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