Vorgestern Abend hab ich mir Slumdog Millionaire - den Britisch-Indischen Film von Trainspotting Regisseur Danny Boyle - angeschaut und gestern wurde dieser Film für 10 Oscars nominiert. Daher aus aktuellem Anlass einmal eine Filmempfehlung in meinem Indien Blog. Über den Film selber brauch ich hier nicht viel zu schreiben, da sein Handlungskonzept (ausgezeichnete Idee) und seine gelungene Erzählweise sowieso medial breit getreten werden. Spannend find ich vor allem, wie der Film in Indien rezipiert wird. Da ist die Aufregung heute groß. Alle Titelseiten sind voll mit den Oscar Nominierungen, wie sie vor kurzem voll mit den Erfolgen des Films bei den Golden Globe Verleihungen waren.

Überwiegend wird der Film positiv aufgenommen. Vor allem spielt hier natürlich der Stolz mit, dass ein indischer Film (als solcher wird er hier, trotz entscheidender britischer Beteiligung empfunden) so durchschlägt. Kino ist in Indien sowieso das wichtigste Medium, wobei international anerkannte Filme sehr rar sind. Slumdog Millionaire basiert auf einem indischen Roman (Q and A von Vikas Swarup), spielt in Bombay mit ausschließlich indischen SchauspielerInnen und wird hier überwiegend als indischer Film wahrgenommen.

Spannend ist, dass Slumdog Millionaire von der ganzen Machart her kein Bollywood Film ist, obwohl er starke Bollywood-Elemente besitzt (Bruderkonflikt, verkitschter Kampf um die Liebe des Lebens, das Ganze Auf und Ab…). Es gibt nur eine Tanzszene und die im Abspann. Soziale Probleme werden angesprochen und relativ realistisch dargestellt. Die Handlung ist klar (sozial und geografisch) verortet. Religiöse Konflikte sind genauso Thema wie Verbrechen, Prostitution und Gewalt. Einzig der im Bollywood Kino verpönte Kuss wird auch hier nur in der Schlussszene angedeutet.

Vor allem die teilweise drastische Darstellung des gewalttätigen Slumlebens führte in Indien aber auch zu starker Kritik. Haupttenor ist dabei, dass hier ein Indienbild für die Ansprüche westlicher Zuseher geschaffen wird. Und auch das übliche Herumgejammere, dass Indien im Ausland als dreckiges Drittweltland dargestellt wird etc. Aber das ist nichts spezifisch Indisches, sonder spielt sich in jedem Land ab, wenn es kritisch betrachtet wird. Kennen wir ja aus Österreich zur Genüge. Hauptkritik ist aber, dass es eine starke "Verwestlichung" Indiens/Bombays… braucht, damit der Film im Westen so erfolgreich sein kann.

Besonders interessant ist meiner Ansicht nach die Darstellung religiöser Gewalt. Die Hauptfigur Jaimal ist Muslim und seine Mutter wird bei einem Angriff von Hindufaschisten auf den Slum, wo Jaimal geboren wurde, umgebracht. Im Roman ist die religiöse Identität der Hauptfigur übrigens nicht eindeutig. Er heißt dort auch Ram Mohammad Thomas, was eine unmögliche Kombination aus Hindu-Muslim-Christlichen Namen darstellt. Der Film nimmt hier expliziter Stellung, ohne die Religionsfrage ins Zentrum der Handlung zu stellen. Für indische Verhältnisse ist dies aber trotzdem stark. Umso mehr überrascht mich, dass dieser - sicherlich politischste Teil der Handlung - wenig diskutiert wird. Genauso wenig wird auf die Darstellung von (Kinder)Prostitution eingegangen. Auch das ist in Indien ein Tabu und im öffentlichen Leben wird Prostitution gut versteckt. Auch hier bezieht der Film klar und unmissverständlich Stellung.

Alles in allem jedenfalls ein gelungener Film, der eine sicherlich streckenweise unplausible Handlung hat, der spannend und gut gemacht ist und trotzdem einen vergnüglichen Kinobesuch garantiert (in Österreich aber angeblich erst ab 20. März).

Lieben Gruß, Bernhard