"Wer Visionen hat braucht einen Arzt."
Dieser legendäre Ausspruch von Franz Vranitzky gehört immer noch zu meinen Lieblingszitaten. Einen Arzt brauchte man die letzten beiden Tage zwar nicht direkt, aber viel hat auch nicht gefehlt. Grund waren die Visionen der einzelnen Länder und Ländergruppen zu Klima und Klimapolitik. Die beiden Tage standen nämlich im Zeichen der so genannten "shared vision". Es ging darum die Visionen der Länder auszutauschen und nach Übereinstimmungen abzuklopfen. In der Praxis ging es um die Frage, wer soll welche Treibhausgasemissionen bis wann und mit wessen Unterstützung machen. Also den Kernbereich der gegenwärtigen Verhandlungen. In einem der großen Plenarsäale übten sich die verschiedenen Delegationen in Power Point Presentationen und kurzen Frage - Antwort Spielen. Man fühlte sich zurückversetzt in die Zeit als Beamer gerade die Overheadprojektoren abgelöst haben. Aber ok, über die Präsentationsqualität der einzelnen Delegationen kann man von mir aus hinweg sehen – auch wenn es einen wundert, warum Regierungsdelegationen mit mehrmonatigen Vorbereitungszeiten, keine fescheren Präsentationen zusammenbringen als wenn unsereins in 10 Minuten schnell was zusammenbasteln muss.

Trauriger war überwiegend der Inhalt. Man muss sich vorstellen: Diese Klimaverhandlungen gibt es seit '92 und kaum ein Land kann mehr visionäres beitragen, als "mach ma Klimaschutz so, dass wir nix oder wenig machen müssen und die anderen dürfen gern mehr machen". Da will die EU von ihren recht unambitionierten Zielen von minus 20 oder 30 Prozent möglichst viel woanders machen, weil daheim müsste man sich ja ein wenig anstrengen. China will, dass die Berechnungsgrundlage auf akkumulativer Pro-Kopf-Basis stattfindet, d.h. man rechnet am Besten vom Beginn der Industrialisierung bis jetzt und dividiert es durch Einwohner. Das wäre nicht wirklich unfair, aber auch die einzige Berechnungsgrundlage wo China noch gut aussteigt. Die USA meint sowieso, dass Zahlen nix mit Visionen zu tun haben und man besser über Ziele nicht reden soll (hoffentlich ändert sich das mit Obama) usw. Einzig spannend waren wieder einmal die kleinen Inselstaaten, die sich strikt an die Wissenschaft halten und bereits von einem maximalen Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius reden. Die EU spricht noch von 2 Grad, meint aber mit ihrer Politik 4 Grad. Leider zeigen die neuesten Studien, dass 2 Grad Celsius Steigerung bereits zu viel sind. Zumindest zu viel für die kleinen Inselstaaten. Die Malediven haben etwa vor wenigen Wochen offiziell verlautbart, dass sie Land in Indien oder Sri Lanka kaufen wollen um ihre Bevölkerung umzusiedeln, da es mehr als unwahrscheinlich ist, dass die Malediven den Klimawandel überleben werden.

Den Vogel hat aber Japan abgeschossen. Es hat von Änderungen im Life Style gesprochen. China hat gefragt, was das heißt, ob sie zukünftig statt 30 Minuten nur 15 Minuten am Tag duschen. Der japanische Delegierte hat sich dann minutenlang über seine Vorliebe für Vollbäder und dass er nur mehr 3mal statt 7mal die Woche badet, und das sein Beitrag ist und das japanische Unternehmen ihren Beschäftigten im Sommer erlauben ohne Krawatte in die Arbeit zu kommen um die Klimaanlage etwas runter drehen zu können. Das Unglaubliche war, dass er das ernst gemeint hat. Nur wenn man sich die japanischen Vorschläge hier anschaut, dann muss er sich wenigstens keine Sorgen mehr um das tägliche Vollbad seiner Kinder machen - das werden sie permanent, nur etwas salzig, haben.

Zum Video: Aktivisten blockieren den Eingang zum Kohlekraftwerk in Konin, Polen. Sie fordern zum Beginn der Klimakonferenz den Ausstieg aus der Enrergiegewinnung mit Kohle.