Wir befinden uns gerade in der Mitte der größten Wahlen, die es weltweit gibt. Indien wählt sein nationales Parlament. Diese Wahlen sind auf 5 Tage in 6 Wochen aufgeteilt, damit es sich logistisch und sicherheitstechnisch ausgeht. Kein Wunder, gibt es doch rund 800 Millionen Wahlberechtigte von abgelegenen Bergdörfern in Kashmir bis zu tropischen Atollen auf den Lakadiven. Logistisch sind die Wahlen faszinierend. Politisch sind sie eine große Enttäuschung.

Als ich hierher kam hab ich mich sehr auf indischen Wahlkampf gefreut. In der Praxis ist es eine matte Sache. Wahlkampf findet überwiegend am Land statt und besteht hauptsächlich in der Mobilisierung der jeweils eigenen Wählergruppen überwiegend entlang von Kasten und Religionszugehörigkeiten. Die Themen sind überwiegend regional. So ist etwa der Wahlkampf in Tamil Nadu (SO-Indien) vom Krieg in Sri Lanka beherrscht. Die dortigen regionalen Tamilenparteien überbieten sich mit Vorschlägen, was Indien nicht alles tun sollte um die wirklich schreckliche Situation der Tamilen in den letzten Bürgerkriegsgebieten zu verbessern. Im Rest des Landes spielt das überhaupt keine Rolle. Das einzig gemeinsame Thema ist wie überall sonst die Wirtschaftskrise. Die wird von der Politik und den Medien unisono kaum thematisiert. Indien ist nicht wirklich betroffen ist das unglaubwürdige Mantra.

Als Greenpeace haben wir natürlich auch in den Wahlkampf eingegriffen. Rahul Gandhi der aktuelle Erbe der dominanten Nehru-Gandhi Dynastie hat rund um den US-Indischen Atomdeal im letzten Herbst eine ältere Dalit (Unberührbare) Frau aus einer der ärmsten Gegenden Indiens als Argument für diesen Deal verwendet. Diese Frau namens Kalavati würde endlich Strom bekommen, wenn Indien weitere Atomkraftwerke baut. Kalavati wurde so zum Medienstar und ist hierzulande ein stehender Begriff. Wir haben Kalavati besucht und beide Schulen in ihren Dorf mit Solarenergie versorgt.

Unser Argument war: Kalavati muss nicht 15 Jahre auf schmutzige Energie warten sondern kann sofort saubere erhalten. Es ist uns auch gelungen ein einige Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und in den Wahlkampf einzugreifen. Der zuständige Minister wurde zumindest sehr nervös und wollte uns sofort treffen. Die ganz große Geschichte war's leider nicht. Da gab's wichtigeres: So hat ein anderer Gandhi die Seiten gewechselt und kandidiert für die Hindufaschisten. Dieser Familienzwist bei den Gandhis hatte natürlich alle Schlagzeilen. Aber so ist das nun mal in Wahlkämpfen: Schmutzkübel gewinnt immer über Themen. Egal ob in Indien oder in Österreich.