© Pieter Boer/Greenpeace

Ich würde sagen, dieses alte Sprichwort trifft auf einige Situationen im Leben durchaus zu: auf ein gebrochenes Herz, eine Wirtschaftskrise oder einen Marathonlauf. Wenn du das überlebt hast und der Schmerz überwunden ist, wirst du dich besser und stärker fühlen. Doch es trifft nicht auf Bienen und Pestizide zu. Einige weltweit gebräuchliche Pestizide, die bei der Zulassung als sicher und wenig toxisch eingeschätzt wurden, richten tatsächlich Bienen- und Hummelkolonien zugrunde.

Diese Insekten - ganz gleich ob wir sie leiden können oder nicht- spielen eine entscheidende Rolle in der Reproduktion vieler essbarer Pflanzen. So würden zum Beispiel ohne die Hilfe der Bienen nicht gerade viele Äpfel reifen.

Diese Pestizide wurden auf Basis von Tests zugelassen, bei denen geringe Dosen kurzfristig keine tödliche Wirkung auf Bienen zeigten. Bei der Zulassung wurden jedoch keine Langzeiteffekte miteinbezogen. Wie aber zwei jüngst veröffentlichte Studien aus dem Science Magazin (04/12) zeigen konnten, haben geringe Mengen an Pestiziden langfristig jedoch komplexe Auswirkungen, bedeuten ein erhebliches Risiko für Hummeln und Honigbienen und sollten folglich mitberücksichtigt werden.

Funktionsweise. Neonicotinoide sind eine "neue" Art sehr gezielt wirkender Insektizide, die sich negativ auf das neurologische System der Insekten sowie deren Verhalten auswirken. Blattläuse und saugende Schädlinge werden damit effizient vernichtet. Neonicotinoide gehören zu den systemischen Insektiziden; dies bedeutet, sie durchdringen die gesamte Pflanze und ihre Organe von innen. So werden auch Pollen und Nektar kontaminiert.

Langsamer Killer: Thiamethoxam ist ein Pestizid, welches gewöhnlich bei Blüten tragenden Kulturen wie Raps, Mais oder Sonnenblumen eingesetzt wird. Eine aufwändige Studie mit Mikrochips bestückten Bienen aus Frankreich zeigte, dass Thiamethoxam nicht so harmlos ist wie gedacht. Das Ergebnis: Bienen, die kontaminierte Pollen und Nektar zu sich nehmen verirren sich auf ihrem Weg nach Hause, auch wenn die Dosis sehr gering ist. Als Folge davon verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Tages zu sterben, die Kolonie wird dadurch geschwächt und steht unter einem erhöhten Risiko zu kollabieren (1).

Königinnenkiller: Imidacloprid gehört zu der Gruppe der Neonicotinoide und wird für über 140 Kulturen in mehr als 120 Ländern eingesetzt. Die zweite Studie aus dem Science Magazin wurde von der Stirling Universität in Schottland durchgeführt und zeigte mithilfe eines Experiments mit Hummeln, dass dieses Insektizid bereits in sehr geringen Mengen die Entwicklung der Kolonie beeinträchtigen kann und sich besonders negativ auf Königinnen auswirkt (2). Hummeln, welche mit kleinsten Mengen Imidacloprid kontaminiertes Futter zu sich nehmen, sind weniger entwickelt, und die Tiere aus diesen Kolonien sind um 8-12% kleiner. Am kritischsten ist jedoch der unverhältnismäßig starke Rückgang an Königinnen: lediglich ein bis zwei Königinnen im Vergleich zu 14 Königinnen in pestizidfreien Kolonien. Königinnen sind jedoch unablässig für das Überleben der Kolonie, da sie als Einzige den Winter überleben und im darauffolgenden Frühling Kolonien bilden können.

Die Folgen von Pestizidanwendung mögen vielleicht subtil sein, sie sind aber dadurch nicht weniger gefährlich. Als ich die Studien las, musste ich daran denken, wie wenig wir über die Auswirkungen industrieller Landwirtschaft auf die Biodiversität wissen.

Nehmen wir zum Beispiel die genetisch veränderten, insektenresistenten Bt-Pflanzen. Greenpeace ist besorgt über die Auswirkung auf Nicht-Ziel-Insekten wie beispielsweise Schmetterlinge. Die Studien, die zur Risikoabschätzung von genmanipulierten Pflanzen durchgeführt wurden, konnten keine gefährliche Wirkung nachweisen. Sie untersuchen jedoch nur, wie viele dem Bt-Gift ausgesetzten Insekten überleben, und das meistens nur über eine sehr kurze Zeitspanne.

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beunruhigt aber die Tatsache, dass genmanipulierte Bt-Pflanzen subtilere Wirkungen mit sich bringen und sogar die Lernfähigkeit von Bienen beeinflussen könnten (3). Noch besorgniserregender ist der Umstand , dass diese Folgen solange unbemerkt bleiben könnten, bis ganz wesentliche Auswirkungen auf die Biodiversität entstehen.

Bienen sind unablässig für die Lebensmittelproduktion. Das sollten wir nicht vergessen.

Oft hören wir, Pestizide wären notwendig um hohe Erträge zu erzielen. Doch sind sie es tatsächlich? Sicher nicht! Millionen von Bäuerinnen und Bauern auf der ganzen Welt rücken vom Einsatz chemischer Pestiziden ab und erzielen dennoch hohe Erträge. Ökologische Landwirtschaft ist der wahre Weg aus der Armut.

So zum Beispiel fördert die indische Regierung im Staat Andhra Pradesh (4) das sogenannte NPM (Non Pesticide Management) auf beinahe 1.4 Millionen Hektar - eine Maßnahme, welche die Verwendung von chemischen Pestiziden in großem Umfang reduziert. Dieser nicht-chemische Ansatz erhöht die Nettoeinnahmen der Bauern, da sie nichts für teure Pestizide ausgeben müssen. Eine kürzlich durchgeführte Evaluation einer lokalen Landwirtschaftsuniversität zeigte, dass der Ertrag ebenfalls gestiegen ist. Durch den Erfolg des Projektes wurde der indische Premierminister darauf aufmerksam und es wurde beschlossen das Programm auszuweiten, mit dem Ziel in den nächsten Jahren 5000 Dörfer und 10 Millionen Hektar Land mit dem Non Pesticide Management Programm abzudecken.

Auch in reichen Ländern ist es möglich, Lebensmittel ohne Chemikalien zu produzieren. Französische Wissenschaftler konnten jüngst durch Modelle zeigen, dass eine drastische Reduktion der Pestizidanwendung von 30-50% ohne jegliche Auswirkungen auf die Erträge möglich sind, und bei sehr intensiv landwirtschaftlich bewirtschafteten Gebieten nur mit sehr kleinen Einbußen hinsichtlich des Ertrags zu rechnen ist.

Ökologische Landwirtschaft ohne den Einsatz von Chemikalien ist die vielversprechendste, realistischste und ökonomisch machbarste Alternative zur vorherrschenden, zerstörerischen konventionellen Landwirtschaft.

Wir können uns einfach nicht auf chemische Pestizide verlassen. Auch wenn deren Einsatz von Chemiefirmen als "kaum schädlich" bezeichnet wird, haben sie dennoch latente Langzeiteffekte und können dramatische Folgen haben. Sie machen Bienen sicher nicht stärker!

Diese wissenschaftlich soliden Studien zeigen, dass es Zeit wird, nicht mehr blind in Pestizide zu vertrauen und unser Essen, unsere Bäuerinnen und Bauern (und unseren Honig) zu schützen.

Reyes Tirado, Greenpeace International Science Unit

Anmerkungen:

(1)Henry, M. l., Beguin, M., Requier, F., Rollin, O., Odoux, J.-F., Aupinel, P., Aptel, J., Tchamitchian, S. & Decourtye, A. 2012. A Common Pesticide Decreases Foraging Success and Survival in Honey Bees. Science 1215039 Published online 29 March 2012 [DOI:10.1126/science.1215039].
(2)Whitehorn, P. R., O'Connor, S., Wackers, F. L. & Goulson, D. 2012. Neonicotinoid Pesticide Reduces Bumble Bee Colony Growth and Queen Production. Science 1215025 Published online 29 March 2012 [DOI:10.1126/science.1215025].
(3) Ramirez-Romero, R., Desneux, N., Decourtye, A., Chaffiol, A. & Pham-Delègue, M. H. 2008. Does Cry1Ab protein affect learning performances of the honey bee Apis mellifera L. (Hymenoptera, Apidae)? Ecotoxicology and Environmental Safety, 70: 327-333.
(4)Vijay Kumar, T., Raidu, D. V., Killi, J., Pillai, M., Shah, P., Kalavakonda, V. & Lakhey, S. 2009. Ecologically sound, economically viable: community managed sustainable agriculture in Andhra Pradesh, India. The Word Bank and Society of Elimination of Rural Poverty (SERP).