Bisher ist es eine recht saubere Ölkatastrophe, die sich da im Golf von Mexiko abspielt, oder? Die Fernsehbilder von den tausenden ölverschmierten Vögeln, von hunderten Menschen, die verzweifelt am Strand das Öl in Tonnen schaufeln – es gibt sie nicht. Kein gigantischer, klebriger Ölteppich, der sich wie bei den Tankerhavarien von "Prestige" oder "Exxon Valdez" an die Strände wälzt. Ist vielleicht alles gar nicht so schlimm? Übertreiben Greenpeace und die ganzen Meeresbiologen mal wieder maßlos, wenn sie von einem "Super-Gau" fürs Meer sprechen?

Unvorstellbare 15 Millionen Liter Öl sind in den letzten 27 Tagen aus den Lecks am Meeresboden geströmt. In über 1.500 Metern Tiefe schießen täglich 800.000 Liter Öl heiß aus dem Meeresboden. Da in dieser Tiefe die Wassertemperatur nur bei 1 Grad Celsius liegt, vermischt sich das Öl sofort mit dem Wasser. Auch das vom Ölmulti BP in Massen verwendete chemische Dispergiermittel Corexit macht genau das: Das Öl wird zu kleinen Tröpfchen und mit Wasser gemischt – wie bei einer guten Salatsauce. Das Öl ist giftig, das Dispergiermittel ist giftig – die Kombination von beidem ist besonders giftig. Tödlich für jegliches Leben im Meer: Bodenlebewesen, Plankton, Algen, Krebse, Muscheln, Fische, Wale, Delfine, Schildkröten …

Das einzige, das bisher von diesem Drama sichtbar wurde, sind einige schlierige Ölfilme auf dem Meer, 35 tote Schildkröten und ein paar verölte Pelikane. Die wirklichen Schäden bleiben verborgen in der Tiefsee – und werden es wahrscheinlich größtenteils auch immer bleiben.

Doch ein echter Umwelt-Super-Gau also, dessen Ausmaß wir aber nur schwer erfassen können, weil er sich eben nicht vor unseren (Fernseh-)Augen abspielt. BP ist das sehr recht. Und der Ölmulti tut alles, damit es so bleibt. Journalisten haben Schwierigkeiten, Schiffseigner anzuheuern, die sie zu den Ölteppichen hinausfahren, weil BP alle Kapazitäten aufgekauft hat. Auch ein Überflugverbot unter 900 Metern macht es den Kamerateams unmöglich, Nahaufnahmen von den Aufräumarbeiten einzufangen. Wachleute begleiten Ölaufräumteams am Strand und verscheuchen neugierige Zuschauer und Journalisten.

Auch Greenpeace stand vor den gleichen Problemen, bis gestern: Eines unserer größten Schlauchboote - die "Billy Greene", die sich sonst in der Antarktis Walfängern in den Weg stellt - ist in Louisiana angekommen. Bei den ersten beiden Ausfahrten konnte das Greenpeace-Team prompt bei Port Eads, der südlichsten Spitze der Mississippi-Mündung, die ersten Spuren des Öls am Festland dokumentieren, sowohl in Klumpen am Strand als auch als Ölfilm auf der Wasseroberfläche im Sumpf- und Schilfgürtel. Der Meeresbiologe und Ölhavarie-Spezialist Rick Steiner nahm zusammen mit einem Team von Greenpeace-Aktivisten Öl- und Wasserproben. Rick Steiner ist Öl-Spezialist, der durch seine Arbeit während der Exxon Valdez-Ölpest internationale Bekanntheit erlangt hat. Rick Steiners Einschätzung ist pessimistisch: „Das Öl wird überall dort auftauchen, wohin es die Strömung treibt. Verhindern lässt sich das nicht wirklich.“

Auch wenn Präsident Obama wie wir bisher keine spektakulären Fernsehbilder von tausenden verölten Vögeln auf seiner Fernsehcouch im Weißen Haus zu sehen bekam: Die Warnungen der besten Öl- und Meeresexperten sollten ihm reichen, um sämtliche Pläne für Tiefseebohrungen sofort zu stoppen - ob im Golf von Mexiko oder in der Arktis. Was, Tiefseebohrungen in der empfindlichen Arktis? Ja genau: Shell hofft noch diesen Sommer vor der Küste von Alaska nach Öl bohren zu können. Die Genehmigung hat Shell dafür eigentlich schon in der Tasche: Es ist die gleiche, die auch BP im Januar für die ‚Deepwater Horizon’ ausgestellt bekam. Begründung der amerikanischen Regierung: „Eine große Ölkatastrophe durch ein ‚Blowout’ ist extrem selten und kann nicht als vernünftigerweise vorhersehbarer Unfall angesehen werden.“ Alles klar, Präsident Obama? Was dazugelernt? Genehmigungen lassen sich auch zurücknehmen.

Antje Helms, Greenpeace Meeresbiologin