Das Greenpeace Magazin / März 2012

Die gefährliche Suche nach Schiefergas

In den USA hat Fracking bereits zu schweren Umweltschäden geführt

In den USA hat Fracking bereits zu schweren Umweltschäden geführt

OMV plant, im Weinviertel nach Schiefergas zu bohren. In den USA wird es seit Jahren gefördert, mit verheerenden Folgen für die Umwelt. Zudem beweist Greenpeace in einer Studie: Eine vernünftige Energiepolitik kommt ohne Schiefergas aus.
Von Jasmin Karer

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Der Mann hält ein Feuerzeug an den rinnenden Wasserhahn. Plötzlich entzündet sich die Luft im Wasserbecken. Eine Stichflamme aus dem Nichts. Was wie ein launiges chemisch-physikalisches Experiment aussieht, ist eine Folge der Schiefergasförderung in den USA – und für die betroffene Bevölkerung alles andere als unterhaltsam. Josh Fox’ preisgekrönter Dokumentarfilm „Gasland“ hat das Bild vom Methan in der Wasserleitung um die Welt gehen lassen. Das ist aber nur eine negative Auswirkung der risikoreichen Förderung von Schiefergas, dem neuen Hoffnungsträger der Gaswirtschaft.

Die Schiefergasförderung boomt in den USA. In einigen europäischen Ländern, allen voran Polen, laufen unzählige Probebohrungen. Doch Schiefergas ist, genauso wie Erdöl oder Erdgas, ein fossiler Energieträger,der mit viel Aufwand an die Oberfläche gefördert werden muss. Die CO2- und Methanemissionen, die während der Schiefergasbohrung und bei Verwendung des Schiefergases entstehen, haben große Auswirkungen auf die Treibhausgasbilanz.

Die Schiefergasförderung wird häufig als Fracking, eigentlich Hydraulic Fracturing, bezeichnet. Konkret beschreibt Fracking die Erzeugung von Rissen, sogenannten Fracs, im Gestein. Der Unterschied zu konventionellem Gas liegt darin, dass das Schiefergas unzugänglich im Gestein in Mikroporen eingeschlossen ist. Daher kann es nicht auf herkömmliche Art gewonnen werden. Will man dieses eingeschlossene Gas dennoch an die Oberfläche befördern, muss es aus dem Gestein gepresst werden.

Dazu werden in bis zu acht Kilometer Tiefe hunderte Meter lange Horizontalbohrungen durchgeführt. Durch einen Bohrschacht pumpt man ein Wasser-Chemikalien-Gemisch mit Hochdruck ins Gestein, um Risse zu erzeugen. Es braucht Millionen Liter Wasser und tausende Liter Chemikalien pro Bohrung, um das Schiefergas an die Oberfläche zu pressen. Damit sich die erzeugten Risse nicht gleich wieder verschließen, pumpt man zusätzlich Millionen Liter Sand in das Bohrloch. Die eingesetzten Chemikalien werden teilweise als gesundheitsschädlich, krebserregend und erbgutschädigend eingestuft.

Enormer Aufwand

Durch Fracking verschmutztes WasserDoch damit ist der Bohrvorgang noch nicht abgeschlossen. Ein Teil des Wasser-Chemikalien-Gemisches, das in das Gestein gepresst wird, kommt mit dem Gas zurück an die Oberfläche und muss entsorgt werden. Da das Schiefergas in großen Tiefen liegt, verläuft die Bohrung durch wasserführende Gesteinsschichten. Entsteht während der Bohrung ein Leck, kommt es zur Grundwasserverschmutzung. Neben dieser Gefahr und dem Risiko der eingesetzten Chemikalien wurden in manchen Fracking-Gebieten in den USA und Großbritannien häufiger Erdbeben gemessen. Und das ist noch nicht alles: Nach derzeitigen Erfahrungen braucht es bis zu 1.500 Lkw-Fahrten pro Bohrung, um Wasser, Sand und Chemikalien an- und wieder abzutransportieren. Ein Meer aus Containern und Schwertransportern sammelt sich um den Bohrturm an – versehen mit Gefahrenzeichen. Zufahrtsstraßen oder Pipelines für den Wassertransport oder Abwasserbecken für die Lagerung müssen ebenfalls gebaut werden.

Kein Wunder, dass sich in der betroffenen Bevölkerung Widerstand regt, nicht nur in den USA. „Non au gaz de schiste“, forderte die französische Bevölkerung mit Erfolg: Im Juni 2011 verbietet Frankreich das Fracking – als erstes Land weltweit. Vier Monate später ruft die niederländische Regierung ein Moratorium für die Schiefergasförderung aus. Im Jänner 2012 folgt Bulgarien mit einem landesweiten Verbot, und auch im deutschen Nordrhein-Westfalen sowie im schweizerischen Kanton Freiburg hat die Bevölkerung protestiert und ein Moratorium durchgesetzt.

Und in Österreich?

Widerstand in ÖsterreichAuch im Weinviertel formiert sich der Widerstand, seit die OMV dort letzten Herbst zwei Schiefergas-Probebohrungen angekündigt hat. Zwei Bürgerinitiativen sind bereits entstanden, die gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung die Schiefergasbohrungen erhindern wollen. „Wir sind nicht bereit, für die Schiefergasförderung unseren Lebensraum zu opfern und zu gefährden“, bringt die Sprecherin einer Bürgerinitiative ihre Sorgen auf den Punkt. Greenpeace unterstützt den Protest von Beginn an und fordert ein österreichweites Verbot für die Schiefergasförderung.

Der österreichische Energiekonzern hat angekündigt, bei den heimischen Schiefergasbohrungen auf Chemikalien verzichten zu wollen. Wasser, Sand und Stärke sollen ausreichen, um das Gas an die Oberfläche zu befördern – das wäre allerdings eine Weltneuheit. Zahlreiche andere Unternehmen, die schon seit Jahren nach Schiefergas bohren, haben es mit dieser Methode noch nicht geschafft. Deshalb ist es mehr als fraglich, ob die OMV dort Erfolg haben wird, wo andere seit Jahren scheitern.

Doch selbst im sehr, sehr unwahrscheinlichen Fall, dass es gelingt, gilt es noch eine andere Dimension zu beachten: Die Probebohrungen der OMV kosten 130 Millionen Euro. Mit diesem Geld könnte man alle Häuser in den betroffenen Weinviertler Gemeinden Poysdorf und Herrnbaumgarten thermisch sanieren und mit Photovoltaikanlagen ausstatten! Damit wäre ein wirklich wichtiger Schritt für den Ausbau der erneuerbaren Energien getan. Greenpeace hat erst letztes Jahr ein Energieszenario für Österreich vorgestellt, das ganz klar zu dem Ergebnis kommt, dass wir Schiefergas nicht brauchen. Bei einem konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien, gekoppelt mit Effizienzsteigerung, geht der Bedarf an Erdgas in den nächsten Jahrzehnten stark zurück. Die bestehenden Vorräte reichen also völlig aus.

Greenpeace fordert daher eine vernünftige Energiepolitik, die auf erneuerbare Energien setzt und Schiefergas außen vor lässt. Denn die wichtigste Frage lautet: Wie können wir unsere Treibhausgasemissionen verringern? Sicher nicht, indem wir neue Vorräte fossiler Energien anzapfen. Unser Klima verträgt keine zusätzlichen CO2-Emissionen mehr!