Das Greenpeace Magazin / März 2012

Dunkle Datenwolke

Die IT-Branche verfügt über ein enormes Potenzial zur Reduktion des weltweiten Treibhausgasausstoßes.

Die IT-Branche verfügt über ein enormes Potenzial zur Reduktion des weltweiten Treibhausgasausstoßes.

Computer- und onlinebasierte Dienste gehören für immer mehr Menschen immer selbstverständlicher zum Alltag. Bilder, Videos und Musik werden dort verwaltet, der Kontakt zu Freunden aus nah und fern aufrechterhalten oder das WWW schnell nach Informationen aller Art befragt. Früher wurde die Mehrheit der bei diesen Prozessen anfallenden Daten auf der lokalen Festplatte des jeweiligen Gerätes gespeichert. Mit der Entwicklung mobiler Endgeräte wie Smartphones, Tablet-Computer oder Laptops entstand das Bedürfnis, auf mehreren Geräten alles gleichzeitig verfügbar zu haben. Um das zu ermöglichen, wurden Anwendungen und Daten in eine virtuelle „Wolke“ (englisch: „cloud“) ausgelagert. Das Abrufen dieser Daten über das Internet wird demnach „Cloud Computing“ genannt. Von Claudia Sprinz

Damit Sie nichts Wichtiges verpassen, was sich gerade in der Cloud tut, oder Sie nicht warten müssen, bis eine bestimmte Anwendung hochgefahren ist, sind diese Geräte standardmäßig immer online. Der Abruf von Daten aus der Cloud hat eine Reaktion auf Servern verschiedener Rechenzentren zur Folge, die sich ganz in der Nähe oder auch am anderen Ende der Welt befinden können. Je mehr Menschen solche Geräte verwenden und die Onlinedienste in Anspruch nehmen, desto größer sind die Datenströme. Das erfordert leistungsfähigere Telekommunikationsnetze und Rechenzentren – und damit steigen Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen.

Großer Verbrauch

Bereits jetzt benötigen Rechenzentren rund zwei Prozent des weltweiten Stromverbrauchs – Tendenz stark steigend, denn Cloud Computing weist eine Wachstumsrate von zwölf Prozent pro Jahr auf. Hält dieser Trend an, werden Datenzentren und Telekommunikationsnetze 2020 fast 2.000 Terawattstunden Strom verbrauchen. Das entspricht mehr als dem Dreißigfachen des derzeitigen österreichischen Stromverbrauchs pro Jahr.

Aktivisten der Unfriend Coal Facebook Kampagne

Nicht nur der  steigende Verbrauch, sondern auch die Frage, mit welchen Energieträgern dieser abgedeckt wird, ist aus der ökologischen Perspektive entscheidend. Aus diesem Grund hat Greenpeace 2010 seine Facebook-Kampagne „Unfriend Coal“ gestartet und vor kurzem einen Erfolg erzielt: Der Internet-Gigant hat sich zur sauberen Energiezukunft bekannt und will seine Rechenzentren künftig ohne Kohlekraft betreiben. Das ist ein wichtiges Signal für die gesamte Branche: Beim Bedarf von riesigen Energiemengen muss auch die Verantwortung für deren Herkunft übernommen werden!

Doch die Möglichkeiten der IT-Industrie gehen noch viel weiter. Die Branche verfügt über ein enormes Potenzial zur Reduktion des weltweiten Treibhausgasausstoßes, indem sie das tut, was sie am besten kann: innovative und intelligente IT-Lösungen zu entwickeln, die Energieeffizienz ermöglichen und CO2- Emissionen senken. Ob emissionsfreie Gebäude, intelligente Stromnetze, effiziente Transportsysteme oder IT-Anwendungen für private Endnutzer – die Anwendungsmöglichkeiten sind groß und die damit verbundenen Potenziale zur Reduktion von Treibhausgasemissionen relevant. Die IT-Industrie selber rechnet mit Einsparungsmöglichkeiten bis 2020 von beachtlichen fünfzehn Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen – indem sie uns ermöglicht, mit ihren Produkten und Dienstleistungen Energie zu sparen.

Da die Elektronik- und IT-Branche ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den Klimawandel sein kann, nimmt Greenpeace deren Aktivitäten seit einiger Zeit mit mehreren Reports und Rankings genau unter die Lupe. Der  Ratgeber „Grüne Elektronik“ reiht seit 2006 weltweit führende TV-, Handy- und Computerhersteller nach ökologischen Kriterien. Bewertet werden dabei die Verwendung schädlicher Chemikalien, RecyclingKreisläufe, Energieeffizienz und seit letztem Jahr auch die Herkunft des Verpackungsmaterials und der verarbeiteten Rohstoffe sowie die Langlebigkeit der Produkte. Das Ergebnis lässt sich sehen, eine Veränderung ist spürbar. Hewlett-Packard unternimmt derzeit gegenüber den Konkurrenten die größten Anstrengungen zur Reduktion von CO2-Emissionen und hat sich verpflichtet, auf Papier aus Urwaldabholzung und Mineralien aus Konfliktregionen zu verzichten. Hersteller wie Nokia und Apple haben die Verwendung mehrerer gefährlicher Chemikalien aus ihrer Produktion verbannt, und Dell ist mittlerweile Vorreiter beim Recycling seiner Geräte.

Kriterium Klimaschutz

Welche dieser Firmen ganz konkret beim Klimaschutz vorne liegen, verrät das „Cool IT“-Ranking  von Greenpeace seit 2009. Hier wird nicht nur bewertet, welche Lösungen das jeweilige IT-Unternehmen für andere Wirtschaftszweige entwickelt, welche Energieträger es nutzt und ob es seine eigenen Emissionen reduziert, sondern auch, in welcher Form es sich für Klimaschutz engagiert. In der im Februar erschienenen Version hat das japanische Telekommunikationsunternehmen Softbank hier die höchsten Punkte erzielt weil es sich für einen Wechsel von Atomkraft zu erneuerbarer Energie ausgesprochen hat.

Kurz vor der Markteinführung des AppleiPad hat Greenpeace den ersten „Cloud Computing Report“ veröffentlicht. Der Energiebedarf der Rechenzentren, die Standortentscheidungen für Infrastruktur und die Strategien zur Verringerung von Strom aus fossilen oder nuklearen Energieträgern sind die Kriterien dieses Berichts.

Clean your Cloud SchemaGreenpeace fordert aber nicht nur von den IT-Unternehmen, ihren EnergieFußabdruck zu reduzieren, Lösungen zur Energieeinsparung zu entwickeln und ihren Einfluss in der Öffentlichkeit zu nützen, sondern auch von der Politik, ein entsprechendes Umfeld zu schaffen. Anders als die österreichische Regierung, wo v. a. Umweltminister Berlakovich immer neue Ausreden erfindet, um Österreichs fehlende Klimaschutzmaßnahmen schönzureden, zeigt Deutschland vor, wie es geht. Schon 2008 hat die dortige Regierung Green IT zur Chefsache erklärt. Beispiele für klimaschonende Zukunftslösungen sind bereits in der Praxis umgesetzt und werden mit Auszeichnungen bedacht – etwa automatische Steuerungen für Selbstbedienungsgeräte in Banken, mit denen bis zu 80 Prozent Energie gespart werden kann. Oder Unternehmen, in denen die Abwärme des Rechenzentrums zur Heizung der Büros der Mitarbeiter genützt wird. Um den dringend erforderlichen Wechsel von umweltschädigender zu effizienter und sauberer Energieerzeugung zu schaffen, werden intelligente und klimafreundliche IT-Lösungen in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen.