Das Greenpeace Magazin / März 2012

Keine Fische - Keine Zukunft

Greenpeace-Aktivisten retten einen Marlin aus Fischernetz

Greenpeace-Aktivisten retten einen Marlin aus Fischernetz

Die Neuordnung der europäischen Fischereipolitik steht an. Eine große Chance, endlich die überdimensionierten Fangflotten zu reduzieren und den Raubbau an den Meeren zu stoppen.Von Antje Helms und Sabine Molcik

Wenn wir unsere Art zu fischen nicht grundsätzlich ändern, verlieren wir einen Fischbestand nach dem anderen. Wir müssen alles tun, um wieder zu reichen Fischbeständen zu gelangen, damit unsere Kinder uns nicht eines Tages unsere heutigen Fehler vorwerfen.“ Diese Sätze stammen nicht etwa aus einer Greenpeace-Broschüre. Sie stammen von Maria Damanaki, amtierende EU-Kommissarin für Fischerei. Seit sie Anfang 2010 nach Brüssel berufen wurde, hat sie sich zum Ziel gesetzt, den Kollaps der europäischen Meere abzuwenden. Für ihr ambitioniertes Vorhaben ist Damanaki im richtigen Moment angetreten: Alle zehn Jahre ist eine Überarbeitung der europäischen Fischereigesetzgebung vorgesehen – Ende 2012 ist es wieder so weit.

Fisch          FischfangFische im Netz

Fischerei ist in der Europäischen Union seit 40 Jahren Gemeinschaftssache. Jeder EU-Fischer, der im Meer seine Netze auslegen will, kommt um die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) nicht herum: Sie regelt für alle Mitgliedsstaaten, wer wann wo und wie viel fischen darf. Doch vieles läuft schief in Europas Fischerei, das ist kein Geheimnis: Drei von vier Fischbeständen sind überfischt. Der Fang macht nur noch einen Bruchteil von dem der 1990er-Jahre aus, und 84.000 Schiffe teilen sich die endliche Ressource Fisch. Die EU-Flotte ist zwei- bis dreimal zu groß, um noch nachhaltig fischen zu können. Mithilfe von „Fischereipartnerschaftsabkommen“ wird längst nicht mehr nur in den eigenen leeren Meeren gefischt: Ob vor Neufundland oder Spitzbergen, in den Gewässern der Südseeinsel Kiribati oder vor Mauretanien in Westafrika – auf der Jagd nach profitablen Fängen schwärmt die EU-Flotte immer weiter aus. Die größte Baustelle der Reform wird daher die dringend notwendige Halbierungder EU-Flotte sein.

Farce um Fangquoten

Damanaki rührt mit dramatischen Appellen im großen Stil die Werbetrommel für eine grundlegende Reform, bereits 2011 hat sie einen brauchbaren Neuentwurf auf den Tisch gelegt. Doch die EUKommission hat keinen Einfluss mehr auf das Ergebnis. Es liegt jetzt an den EU-Mitgliedsstaaten und dem EU-Parlament, eine Gesetzgebung daraus zu gießen, die das ursprüngliche Ziel nicht verwässert. Und da haben in Wirklichkeit die nationalen EU-Fischereiminister das Sagen.Wie sehr sie Europas Fischerei in die Krise getrieben haben, zeigte sich zum wiederholten Mal letzte Weihnachten bei der Festlegung der Fischfangquoten für 2012. Das jährliche Ritual folgt eingespielten Regeln: Jedes Jahr befragen die Politiker eine dafür eingesetzte Gruppe unabhängiger Experten nach dem „höchstmöglichen Dauerertrag“ für Europas Fischbestände. Jenes absolute Höchstlimit, das von einem Fischbestand maximal „entnommen“ werden darf, ohne seine Zukunft zu gefährden, präsentiert die EU-Kommission als Vorschlag. Grafik zur EU-FischereiDoch regelmäßig werden die Quotenempfehlungen von den Fischereiministern ignoriert – im Fall des Seehechtes in der Bucht von Biskaya beispielsweise um rekordverdächtige 1.100 Prozent. Die Konsequenz: Die meisten Fischbestände liegen außerhalb ihrer „sicheren biologischen Grenzen“. 2012 gaben die Minister bei ihrem „politischen Kuhhandel“ für 79 Prozent der Fischbestände in EU-Gewässern höhere Fangmengen frei.

John Gummer, früherer britischer Fischereiminister, bringt das Grundproblem auf den Punkt: „Als Fischereiminister sitzt du am Verhandlungstisch und diskutierst über Fischer – nicht über Fisch. Du repräsentierst die Fischer deines Landes, und damit argumentierst du nicht im Sinne des Meeresschutzes.“

In der Tat macht es das jetzige System der Fischereiindustrie besonders leicht. Die meisten Beamten der nationalen Fischereiministerien sehen ihren Job als verlängerte Interessenvertreter der Fischer. Sie (ver-)handeln nach dem Motto „So viel rausholen wie möglich“ – an Fang und Subventionen für den nationalen Fischereisektor. Erschreckend ist dabei die gerne verheimlichte Tatsache, dass die europäische Fischerei ohne die massiven Subventionen aus dem EU-Steuergeldtopf längst bankrott wäre: Die Kosten, den wenigen verbliebenen Fisch zu fangen, übersteigen den Gewinn bei weitem. Nur drei bis sechs Prozent Gewinn machen Europas Fischer, während ihre Kollegen in Neuseeland das Vielfache an Gewinnen „einfischen“.
Charts zu EU-Fanggebieten und Fischbestände

Umweltverbrechen Beifang

Grundlegend ändern muss sich auch der Umgang mit Beifängen. Denn bisher schaufeln EU-Fischer zu kleine Exemplare und Fische der falschen Art sowie anderen ungewollten Beifang einfach wieder über Bord – kaum ein Tier kann das überleben. Die verschwendeten Mengen sind enorm und können zwischen zehn und sechzig Prozent ausmachen. Allein in der Nordsee werden die jährlichen Rückwürfe auf bis zu 800.000 Tonnen geschätzt. In der schottischen Kabeljau-Fischerei gehen fast drei Viertel des Kabeljaus wieder über Bord. Die EU-Kommission schlägt vor, dieser umstrittenen Praxis nun ein Ende zu setzen: Fischer sollen den ganzen Fang anlanden und Beifang auf die Fangquote angerechnet werden. Damit sollen Beifänge von vorneherein vermieden werden, denn natürlich tut ein Fischer alles dafür, um möglichst viel der lukrativen Zielart anzulanden – sei es durch selektivere Fangmethoden, größere Maschenweiten oder die Wahl eines besseren Fanggebietes. In Länder wie Norwegen, in denen ein Anlandegebot seit Jahren gilt, sind die Beifangmengen stark gesunken. Doch es gibt Gegenwehr: Im Moment versuchen einige EU-Länder solche Änderungen mit langen Übergangsfristen zu verwässern.

So ein Verhalten ist nicht nur empörend, sondern auch verantwortungslos. Viele Fischbestände sind an den Grenzen der äußersten Belastbarkeit angekommen, und die Vielfalt der Meere steht auf dem Spiel. Maria Damanaki rechnet vor, was eine umweltfreundliche, nachhaltige Fischerei auch finanziell bringen würde: „Die Fischbestände würden um 70 Prozent zunehmen, die Fänge könnten um 17 Prozent steigen.“ Fischer könnten also mit nachhaltiger Fischerei mehr Geld verdienen, ihre Existenz sichern – und die Meere schützen.

Die Neuordnung der europäischen Fischerei betrifft aber nicht nur die großen Fischereiländer und darf keinesfalls nur ihnen überlassen werden. Auch wer im Waldviertel Forellen züchtet, kommt um die GFP nicht herum. Zwar hält sich die Mitschuld der hiesigen Fischzüchter an der Überfischung der Meere in Grenzen, doch treiben auch sie mit dem Verfüttern von Fischmehl und Fischöl die weltweite Überfischung an. In Österreichs Fischteichen werden jährlich 2.200 Tonnen Speisefisch gezüchtet. Die Forelle ist dabei mit 60 Prozent der wichtigste Zuchtfisch, nur 16 Prozent sind Karpfen. Dabei können besonders hiesige Karpfenzüchter in puncto Nachhaltigkeit anderen europäischen Fischern etwas vormachen: Sie füttern fast ausschließlich Getreide zu und missbrauchen damit keinen Meeresfisch für Fischfutter. Blauer Wittling, Anchovis, Hering, Sardine oder Makrele – eigentlich beste Speisefische – werden in rauen Mengen vor Westafrika, Peru oder in der Nordsee nur für die Verarbeitung zu Fischmehl gefangen! Nahezu 6.000 Tonnen Fischmehl wurden 2010 nach Österreich importiert – und landen nicht nur in der Forellenzucht, sondern zum größten Teil in der Schweinemast.

Diese Reform der europäischen Fischereipolitik betrifft uns also alle: Fischer, Bauern, Supermärkte, Konsumenten und Steuerzahler. Wir täten daher gut daran, Österreichs „Fischereiminister“ Niki Berlakovich in die Pflicht zu nehmen, um dafür zu sorgen, dass der von Maria Damanaki vorgeschlagene GFP-Entwurf von den sonst bisher alles bestimmenden Fischereinationen Spanien, Frankreich und Italien nicht allzu sehr verwässert wird.