Das Greenpeace Magazin / März 2012

Leben mit dem Super-Gau

Greenpeace nimmt Strahlenmessungen vor

Greenpeace nimmt Strahlenmessungen vor

Vor einem Jahr begann die Katastrophe von Fukushima. Für die Menschen in der Nähe des havarierten AKWs geht der nukleare Albtraum nicht zu Ende. von Birgit Bermann

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Fatale Nachberschaft zum AKW FukushimaSiebeneinhalb Kilometer liegen zwischen der havarierten Atomruine von Fukushima-Daiichi und dem Haus von Ayako Oga. Am Morgen des 11. März 2011 verließ die 39-Jährige das gerade neugebaute Zuhause, um einen  Termin wahrzunehmen – und ist seitdem nicht wieder  zurückgekehrt. Am Abend jenes folgenschweren Tages, an dem ein Erdbeben und ein darauf folgender Tsunami das  Leben von fast 20.000 Menschen forderten, hörte Ayako Oga im Radio, dass die Menschen unmittelbar rund um das Kraftwerk zur Flucht aufgefordert wurden. „In diesem  Moment realisierte ich, dass sich wirklich ein Nuklearunfall ereignet“, sagt die zierliche Frau, die heute nach vielen Umzügen und Aufenthalten in Flüchtlingscamps weit weg von ihrer einstigen Heimat lebt.

Fatale Nachberschaft zum AKW FukushimaDie Ogawaras leben heute noch auf ihrem Hof in Funehiki in der Präfektur Fukushima, 40 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt. Sie betreiben einen Biobauernhof auf einem Land, das seit sechs Generationen von ihrer Familie bestellt wird. Da die fünffache Mutter Tatsuko die Nachbarschaft zu dem Kernkraftwerk schon immer beunruhigt hat, besitzen sie ein Strahlenmessgerät. Am 15. März 2011, vier Tage nach dem Unfall, beginnt das Gerät heftig anzuschlagen und zeigt eine stetig steigende Strahlenbelastung an. Nach einer kurzen Evakuierungsmaßnahme sind die Ogawaras auf ihr Land zurückgekehrt und haben beschlossen zu bleiben – die einzige Option, die ihnen möglich scheint. „Das Land zu verlassen und woanders weiterzumachen, das ist fast unmöglich“, sagt Vater Shin.

Mit den Ogawaras und Ogas sind noch sehr viele andere Menschen Opfer einer Katastrophe geworden, die im Gegensatz zu einemTsunami oder einem Erdbeben verhinderbar war. Jahrzehntelang haben die Japaner eine fast geschlossene Front für die Energieversorgung aus Nuklearstrom gebildet – beeinflusst durch eine unselige Allianz aus Atomlobby, Energiebetreibern, Medien und Politik, die für die japanische Bevölkerung nur genau eine Art von Botschaft übrig hatte: Atomkraft ist sicher, Atomkraft ist billig, Atomkraft ist beherrschbar – und vor allem: Japan und seine Wirtschaft können ohne Atomkraft nicht existieren.

Stille Reaktoren

Fatale Nachberschaft zum AKW Fukushima
Heute stehen die Japaner nicht nur vor den Trümmern der Atomruine Fukushima, sondern auch vor dem Scheiterhaufen einer verfehlten Energiepolitik. Zu dem Entsetzen über den Super-GAU gesellt sich auch die bohrende Frage nach dem „Wozu?“. Denn die stets postulierte Abhängigkeit des Landes von der Nuklearenergie entlarvt sich als Propaganda: Japan ist heute so gut wie atomstromfrei. Von den 54 Reaktoren landesweit sind im Februar nur noch drei am Netz gewesen, im Mai werden es nach Plan null sein. Schon unmittelbar nach dem 11. März kam es nach Erdbebenschäden zu AKW-Abschaltungen, der Rest wurde wegen der von der Regierung verordneten Stresstests und für regelmäßige Wartungsarbeiten heruntergefahren. Statt 30 Prozent liefern die japanischen AKWs mitten im Winter aktuell nur mehr drei Prozent und bald null Prozent Leistung – und nirgends sind die Heizungen kalt geblieben, mussten die Fließbänder gestoppt werden oder sind in Tokio gar die Lichter ausgegangen. Wann und wie viele der Reaktoren wieder hochgefahren werden, ist völlig unklar – die lokalen Behörden müssen dem jeweils zustimmen, und die Bevölkerung ist massiv verunsichert.

Der Entschluss, atomstromfrei zu sein, ist von den Japanern nicht frei gewählt – die drittgrößte Industrienation der Welt ist daher auch nicht vorbereitet. Zur Kompensation in der Energieversorgung wird nun vermehrt auf fossile Brennstoffe zurückgegriffen, werden schwach ausgelastete Gaskraftwerke reaktiviert und die Ölimporte steil nach oben geschraubt. Japan hat durch seine Atomgläubigkeit den Ausbau erneuerbarer Energien jahrzehntelang auf die lange Bank geschoben – und kann jetzt weder auf saubere Kapazitäten noch entsprechende Strukturen zurückgreifen.

Doch anders als früher ist Energiepolitik heute Thema der öffentlichen Diskussion. Die nukleare Katastrophe hat das Land verändert, und Japan vor Fukushima ist ein anderes Japan als das nach Fukushima: Das Lager der Atomkraftgegner wächst, zu Protestkundgebungen kommt mit mehreren zehntausend Menschen erstmals eine signifikante Anzahl an Demonstranten zusammen, und vereinzelt beginnen prominente Stimmen, öffentlich gegen die Nuklearenergie Stellung zu beziehen.

Erste Reglementierungen

Auch die Regierung in Tokio setzt erste Schritte, die Allmacht des Atoms zaghaft zu reglementieren. Im Februar hat sie eine Laufzeitbegrenzung für die japanischen AKWs beschlossen. 40 Jahre dürfen die Meiler nun laufen – über eine Hintertür können nochmal 20 Jahre dazukommen. Fukushima war zum Zeitpunkt des Unglücks 45 Jahre alt, und die meisten der japanischen Reaktoren werden dieses Alter in den nächsten Jahren erreichen. Sollte diese Laufzeitbegrenzung tatsächlich standhalten und Japan auch nur einigermaßen am Klimaschutz interessiert sein, dann stehen der Energieversorgung des Landes große Umwälzungen bevor.

„Ich wünschte, die Kinder würden diese Gegend verlassen“

Doch nicht nur, bis es so weit ist, sondern leider noch sehr viel länger werden die Menschen damit beschäftigt sein, die Folgen der Atomkatastrophe in den Griff zu bekommen. In der Präfektur Fukushima hat die Bevölkerung im letzten Jahr vielfach zur Selbsthilfe gegriffen, um das Leben wieder in halbwegs normale Bahnen lenken zu können. Zahllose Schulgebäude und Kindergärten, private Häuser und Gärten haben die Menschen selbst dekontaminiert – mit Hochdruckreinigern und durch Abtragen des verstrahlten Erdreichs, wie es die Broschüren der Regierung vorzeigen. Doch wo der Müll dann entsorgt werden soll, konnte ihnen niemand verraten. Japan hat zwar 54 AKWs, aber nicht eine Atommüll-Endlagerstätte – und daher keinen geeigneten Platz, um die kontaminierten Massen zu bunkern. „Wir haben die verstrahlte Erde in Plastik verpackt und in einer anderen Ecke des Schulhofes vergraben“, erzählt die Schuldirektorin Yoko Tanji aus Fukushima-Stadt.

Leben mit dem Super-GAU – das ist ein Nervenkrieg, der an den Betroffenen zehrt. Niemand weiß, wie viel Strahlung man tatsächlich abbekommen hat und wie die langfristigen Folgen sein werden. „Ich wünschte, die Kinder würden diese Gegend verlassen“, sagt Yoko Tanji. Die Menschen in Fukushima müssen es weitaus schmerzhafter erfahren als viele andere: Atomkraft ist nicht die Zukunft, es raubt die Zukunft.