Das Greenpeace Magazin / März 2012

Sonnenaufgang in Westafrika

Über 400 Kinder formen einen Riesenfisch am Strand von Dakar (Senegal)

Über 400 Kinder formen einen Riesenfisch am Strand von Dakar (Senegal)

Die einst fischreichen Gewässer vor Westafrika sind das Ziel unserer Mission zur Rettung der Meere. Ich bin diesmal mit an Bord der „Arctic Surise“. Von Melanie Aldrian

Es sind ungewohnte Gefilde für das Greenpeace-Schiff „Arctic Sunrise“, das vor kurzem noch in arktischen Gewässern gegen die schmutzigen Geschäfte der Ölindustrie im Einsatz war. Das Meer vor der westafrikanischen Küste ist für den knapp fünfzig Meter langen Eisbrecher keine große Herausforderung. Die Mission, die die Greenpeace-Crew in senegalesische und mauretanische Gewässer führt, dagegen schon: Die Fischbestände in der einst fischreichsten Region der Welt sind in Seenot! Von europäischen Fischfangflotten beinahe leergefischt, droht dem Fischbestand im Atlantik der Kollaps. Was ein ökolo­gischer Albtraum ist, ist hier in den ärmsten Ländern der Welt auch eine humane Katastrophe. Die Haupt­nahrungs­quelle der westafrikanischen Bevölkerung landet in den riesigen Netzen der europäischen Fischindustrie und auf internationalen Tellern.

Greenpeace Pressesprecherin Melani Aldrian auf der Arctic Sunrise.Im Februar bin ich gemeinsam mit einem zwanzigköpfigen Greenpeace-Team mit der „Arctic Sunrise“ aufgebrochen, um mich gegen diese Plünderung der westafrikanischen Gewässer vor Ort einzusetzen. Überdimensionierte Fischfangflotten aus Europa fangen und verarbeiten hier täglich mehrere hundert Tonnen an Fisch – mehr, als das Ökosystem und die westafrikanische Bevölkerung verkraften können. In die Netze eines einzigen sogenannten Supertrawlers geht während einer Tour jene Menge Fisch, von der sich rund 34.000 Westafrikaner ein Jahr lang ernähren könnten. Daher sind wir vor Ort, um die Öffentlichkeit zu informieren, was hier vor sich geht, um die Verursacher zu konfrontieren und um damit die Reform der Gemeinsamen Europäischen Fischereipolitik im Interesse der Meere zu beeinflussen.

Beim ersten Landgang in Dakar treffen wir auf bekannte Gesichter. Darunter den senegalesischen Fischer Ameth Wade, der uns mit seinen Kollegen willkommen heißt. Beinahe ein Jahr ist es nun her, als er im Rahmen der von Greenpeace initiierten „African Voices Tour“ auch in Österreich zu Gast war, um von der Situation der Fischer in seiner Heimat zu berichten. Dort, wo er einst seinen Lebensunterhalt verdiente, stillt heute hauptsächlich die europäische Fischereiindustrie ihre Gier. 140 Meter lange schwimmende Fischfabriken mit riesigen Fangnetzen verschlingen, was das Meer hergibt, erzählt er uns.

Übrig bleibt fast nichts

Ich blicke auf die bunten westafrikanischen Fischerboote, Pirogen genannt, die gegen die überdimensionierten Industrie­schiffe so winzig wirken wie das, was schlussendlich in den Netzen der heimischen Fischer hängen bleibt. Viel zu wenig auch für Ameth Wade, um seine Familie zu ernähren. Um nur einen kleinen Teil ihrer früheren täglichen Fangmenge zu erreichen, sind die Fischer mittlerweile gezwungen, ihr Leben zu riskieren. Sie müssen immer weiter auf das offene Meer hinaus und in ihren Pirogen immer länger dort ausharren. Es ist also höchste Zeit, dass die europäische Politik endlich Verantwortung übernimmt, den Rettungsanker für Westafrikas Zukunft auswirft und eine tatsächliche Reform der europäischen Fischereipolitik auf den Weg bringt! Nur durch eine Verringerung der europäischen Flotten, durch minimierte Fangquoten und durch neue Meeresschutzgebiete kann der Überfischung in Ende bereitet und den Meeren ihre dringend nötige Erholungspause verschafft werden.

Zum Abschied geleiten uns Ameth und seine Kollegen in ihren Pirogen auf das offene Meer in Richtung Sonnenaufgang. Mir wird klar: Unsere Mission ist noch nicht zu Ende, sie wird in Europa weitergehen, so lange, bis der Raubbau an unseren Weltmeeren ein Ende findet!