Das Greenpeace Magazin / März 2013

Bis zum letzten Baum

Holzkohle für die Roheisenproduktion, Ackerland für Sojaplantagen und Rinderfarmen und riesige Staudämme für die Energieversorgung: Der Amazonas-Regenwald ist schwer unter Druck. Jene Menschen, die sich für seinen Schutz starkmachen, leben gefährlich.
Aus Brasilien berichtet Martin Frimmel

Es geht schnell: In der Morgenröte klettern die Greenpeace-Aktivisten auf einen Riesenberg Roheisen, andere besetzen Kräne. Die Mutigsten entern das Frachtschiff „Clipper Hope", das für die Beladung mit Roheisen bereitsteht, und ketten sich an die Ankerkette. Gleichzeitig läuft die „Rainbow Warrior" vor dem Cargoschiff auf. All das passiert am 27. Mai 2012, und all das hat es noch nie gegeben im Hafen von São Luis, Nordbrasilien. In der prallen Tropensonne wartet das Greenpeace-Team auf die Bundespolizei, und die lokale Politik verhandelt mit Paulo Adario von der Amazonas-Kampagne.

Die Aktivisten sitzen auf glühenden Kohlen, Wasser wird knapp. Adario sagt zur Presse: „Das Amazonas-Gebiet wird in den Schmelzofen geschüttet, Regierungen und Industrie schauen zu." Dann kommt doch eine Antwort: Rodrigo ­Kaukal Valladares möchte verhandeln. Er ist Miteigentümer des Roh­eisen-Pro-duzenten Viena – und übrigens wirklich Wiener Herkunft (der Urgroßvater gab Adolf Hitler Arbeit; als Kunstmaler pinselte dieser den Gasthof der Familie Kaukal an). Auch andere Firmen der Branche möchten eine Lösung finden für die ­illegale Holzkohle, die sie für das Einschmelzen und die Produktion von Roh­eisen verwenden und die oft aus Schutzgebieten und Indianerreservaten stammt. „Brasilien hat ein langfristiges Ziel", sagt Danicley Aguiar von Greenpeace, „nämlich den netten Plan, Essen zu verbilligen, eine Neuordnung der Waldgebiete für die großen Grundbesitzer, das neue Waldgesetz mit Erleichterungen für die Agroindustrie durchzusetzen und darüber hinaus auch die Indianerreservate auszubeuten – alles, um die ganze Welt mit Nahrung zu versorgen, mit schweren Folgen für die Umwelt." Den Anfang machte die brasilianische Diktatur in den 1960er-Jahren mit dem Slogan „Land für Menschen für Menschen ohne Land". Da war der Wald noch zu 90 Prozent intakt. Aber nicht die Landlosen wurden das Problem, sondern bald die reichen Rinderzüchter aus Südbrasilien, die mit großzügigen staatlichen Krediten Regierungsland besetzen.

Die gnadenlose Abholzung und die grausamen Machenschaften der Rinderzüchter zerstören nicht nur Millionen Hektar Waldgebiet ...

Dann wurden die Holzfäller gerufen, denn mit Holz kann man gut Geld machen. Jeder Kubikmeter kostet zwischen 30 und 100 Dollar, verarbeitet bis zu 600 Dollar. 40 Prozent des Amazonas-Holzes werden ausgeführt. Nach Malaysia und Indonesien ist Brasilien das drittgrößte Exportland – fast immer ohne Kontrollen, ohne Steuern oder mit Korruption. Von daher stammt ein Teil des Kapitals für die groß­flächige Rinderzucht. Sehr modern sind Wald-Managementpläne geworden: So offiziell bewilligt, ist illegal erworbenes Land plötzlich legal.

... sondern vertreiben auch indigene Völker, bedrohen die reiche Artenvielfalt und zerstören Wasserquellen.

Die indigene Bevölkerung und die Kleinbauern werden dann von den Restgebieten vertrieben oder von bezahlten Revolverhelden umgebracht. Abholzung und Gewalt gehen Hand in Hand: Es ist kein Zufall, dass in den Gemeinden Brasiliens, wo am meisten abgeholzt wird, die Gewaltrate am höchsten ist. Auch die Umweltschützer leben gefährlich. Etwa Chico Mendes, der von Rinderzüchtern umgebracht wurde, die Klosterschwester Dorothy Stang, die bis zu ihrem gewaltsamen Tod gegen Holzfirmen auftrat, und das Ehepaar José Cláudio und Maria do Espírito Santo, kleine Landwirte, die sich Holz-LKW in den Weg stellten. Sie wurden 2011 erschossen.

Im Durchschnitt werden jedes Jahr 35 Menschen wegen ihres Engagements für den Schutz des Amazonas ermordet. Und die Todes­drohungen haben sich von 2010 auf 2011 fast verdreifacht, berichtet die Organisation CPT. Es gibt besonders tragische Fälle – etwa Nilcilene Lima, die sich in der Großstadt Manaus versteckt halten muss. Lima zeigte die Holzmafia an, und die Antwort folgte auf dem Fuß: Sie zünden ihr Haus und ihre Felder an. „Ich möchte zurück, um weiter für die Umwelt zu kämpfen. Ich gehe auch das Risiko ein zu sterben, wenn ich mir sicher bin, dass sie mich nicht foltern", sagt die Umweltschützerin.

Auch Paulo Adario, Amazonas-Kampagnenleiter von Greenpeace und für seine Verdienste um den Waldschutz von der UNO ausgezeichnet, hat schwere Zeiten durchgemacht: Da gab es die telefonische Drohung: „Paulo verdient zu sterben, und er wird sterben!" Er bekommt Polizeischutz, später eine Wachmannschaft für das Büro, Überwachungsanlagen, Kameras. Wer sich für den Wald einsetzt, legt sich mit gefährlichen Gegnern an: mit der Holzmafia und den Rinderzüchtern. Die Rinderzucht verwüstet Millionen Hektar Waldgebiet. Sie weist nur eine schlechte Produktivität auf, zerstört aber eine reiche Artenvielfalt und Wasserquellen, vertreibt indigene Völker und verändert das weltweite Klima. 80 Prozent der abgeholzten Urwaldflächen wurden Rinderweiden, damit ist die Rinderzucht die erste Klimasünde Brasiliens.

Gefahr durch Soja

Auch die Soja-Monokulturen sind eine starke Bedrohung für den Regenwald geworden. Sie zerstören durch Abholzung und Austrocknung der Bäche nicht nur den Wald, sondern vergiften die Bevölkerung überdies mit Pestiziden. Soja ist aber auch eine wichtige Devisenquelle. „Die Monokulturen rechtfertigen riesige Infrastrukturprojekte, bei denen es als Kettenreaktion zu gewaltigen Habitatsverlusten kommt, weit über das Maß hinaus, das direkt für Soja vernichtet wird", so Philip Fearnside vom Amazonas-Forschungsinstitut. Die Straßen, Eisenbahnen und Flussprojekte öffnen dann neue Waldgebiete für Holzfäller, Rinderzüchter und Sojafarmer.

Umweltsünde „Belo Monte"

Staudämme erschließen ebenfalls Waldgebiete für Kleinbauern und die Agroindustrie. Aktuelles Beispiel ist das Kraftwerk „Belo Monte" im Bundesstaat Pará: 516 Quadratkilometer Waldvernichtung und eine maximale Leistung von 11.181 MW. Es wäre der drittgrößte Damm der Erde, und das ist nur der Anfang: Der Energieplan sieht vor, noch 30 Dämme im Amazonas zu bauen. Die österreichische Firma Andritz ist bei „Belo Monte" dabei. Hauptfolge des Kraftwerks ist ein fast totales Abzapfen der Wassermenge des Hauptstroms Xingu. „Das ist eine große Gefahr für die indigenen Völker der Region", so der österreichische Bischof Erwin Kräutler, der vor Ort lebt. „Das Wasser wird fehlen, und die Bevölkerung muss umgesiedelt werden." Der Bischof und alternative Nobelpreisträger ist immer aufseiten der Armen, und das hat seinen Preis: Bei einem Attentat wurde er schwer verletzt. Jetzt lebt er wieder unter Polizeischutz. Der Grund: Morddrohungen wegen „Belo Monte".

In Pará ist nicht nur der Mega-Staudamm umstritten: Der Staat muss auch gegen Abholzung in der Region Carajás vorgehen. Als große Lagerstätten von Eisenerz entdeckt wurden, explodierte die Gewalt und die Abholzung, um die Lager auszubeuten. Mit österreichischer Hilfe (Plasser & Theurer) wurde eine ­Güterbahn gebaut und Roheisen-­Werke errichtet. Die Ersten, die draufzahlen, sind Nomadenvölker wie die Awá-Guajá. Holzfäller walzten Dörfer platt, und ihr Jagdwild verschwindet, verschreckt von den Zügen und Frachtkonvois von Erz und Eisen.

Wie in einem schaurigen alten Film sieht es aus, wenn in den Werken Menschen, ja sogar Kinder ­Holzscheite in den Ofen schaufeln, ­dreckig und ohne Schutz. Hunderte Kohlemeiler werden in Windeseile hergestellt – und ganz schnell wieder verlassen, wenn die Umweltbehörde vorbeischaut. Die Roheisen-Firmen verwenden als Brennmaterial Holzkohle, meistens aus dem Urwald. „Es ist billiger, für Holzkohle illegal abzuholzen, als Holzplantagen anzulegen", weiß der brasilianische Journalist Leonardo Sakamoto. José Cláudio und Maria do Espírito Santo kritisierten offen die Herstellung von Holzkohle. Der Umweltschützer sagte seinen eigenen Tod voraus: „Ich lebe vom Wald, ich beschütze den Wald. Deswegen lebe ich immer mit der Kugel im Kopf." Kurze Zeit später waren er und seine Frau tot.

Auch der Autor dieser Zeilen wurde schon mit dem Tod bedroht. Zwei Gewehre wurden auf mich gerichtet, als ich die Machenschaften der Ziegeleien anzeigte. Ohne Umweltstudien zerstören sie große Waldgebiete, um Lehm abzubauen und die Hochöfen mit illegal geschlägertem Urwaldholz zu beheizen. Ein Bild der Verwüstung bleibt zurück. Doch die Natur beginnt sich zu wehren: Die Ziegeleien in den Flussgebieten leiden am meisten unter den zunehmenden Hochwasserkatastrophen.

Zaghaftes Umdenken

Doch noch immer denken nur wenige Unternehmer um. So etwa der Chef der Montemar-Ziegelei, Sandro Santos: „Wir möchten ein Modell entwickeln, das ohne Urwaldholz auskommt – etwa mit der Açaípalme und Gas." Zertifiziertes Holz von FSC ist eine andere Alternative und schlägt zwei Fliegen mit einer ­Klappe: In der Nähe von Manaus wird das Restholz in einem Werk verbrannt, eine Kleinstadt wird mit Energie versorgt – und Emissionszertifikate können auch noch verkauft werden.

Eine Schlüsselrolle aber wird einem Greenpeace-Projekt zukommen: ein totales Abholzungsverbot im brasilianischen Regenwald bis 2015, durchgesetzt per Volksentscheid. Dazu braucht es die Unterschriften von 1,4 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianern. Dann kann der Schutz des Amazonas Gesetz werden. Dafür kämpft Greenpeace vor Ort und weltweit!