Das Greenpeace Magazin / März 2013

Das Sterben der Bienen

Massives Bienensterben: Die industrielle Landwirtschaft trägt einen großen Teil dazu bei.

Massives Bienensterben: Die industrielle Landwirtschaft trägt einen großen Teil dazu bei.

Umweltgifte und eine industrialisierte Landwirtschaft ­wirken sich auf Bienenvölker zunehmend verheerend aus – unter ihnen hat ein Massensterben ­begonnen. Lösungen gibt es. Greenpeace fordert in einer europaweiten Kampagne deren rasche Umsetzung.
Von Christine Gebeneter

Wenn die Bienen aussterben, haben die Menschen noch vier Jahre zu leben." Das Albert Einstein zugeschriebene Zitat wird in den letzten Jahren oft bemüht, wenn es um das Thema Bienen geht. Aber weshalb? Sind unsere Bienen tatsächlich in so großer Gefahr? Die Antwort lautet: Ja! Und das, obwohl wir mit ökologischer Landwirtschaft eigentlich wirksam gegensteuern könnten.

Der Rückgang der Bienen gefährdet auch unsere Nahrungsmittelsicherheit. Halten wir weiter an Pestiziden fest, wird auch ihr Sterben weitergehen.

Die Situation ist dramatisch: Seit Ende der 1990er-Jahre wird insbesondere in Nordamerika und Europa ein Massensterben unter den Bienen beobachtet. Jedes Jahr beklagen allein in Österreich Dutzende Imker den Verlust ihrer Bienenvölker. Die Gründe für das weltweite Bienensterben sind vielfältig, und die meisten davon wurzeln in der industrialisierten, nicht nachhaltigen Landwirtschaft. Immer monotonere Landschaften, der Einsatz von Pestiziden, der Verlust von intakten Ökosystemen, aber auch Parasiten sind die Hauptgründe dafür. Der Zusammenhang zwischen Bienensterben und Pestizideinsatz wird mittlerweile durch immer mehr Studien bestätigt.

„Geben wir Bienen eine Chance!"

Harald Singer

Harald Singer ist Imkermeister, Biologe und Ehrenpräsident des Österreichischen Erwerbsimkerbundes und des Europäischen Berufsimkerbundes. Seit über einem Jahrzehnt registriert er schwere Schäden unter den Bienen.

Welche Bedeutung haben Bienen?
Die Bienen haben eine ökologische und ökonomische Bedeutung. Ein Drittel der globalen Lebensmittelproduktion und zwei Drittel der Nahrungsmittelpflanzen sind von Bestäuberinsekten abhängig. Honigbienen und Wildbienen sind ein Indikator für das gesamte Ökosystem. Sie zeigen den Grad der Umweltbelastung.

Wie sind Ihre Erfahrungen als Imker mit dem Bienensterben?
Einerseits gibt es spontanes Sterben von Sammelbienen und ganzen Bienenvölkern. Zum anderen schleichende Vergiftungssymptome wie Bienenverluste, Drohnenverluste und Königinnenausfälle.

Seit wann gibt es Probleme?
Probleme mit Agrochemikalien gibt es seit deren Ausbringung. 1995 wurden starke Bienenverluste durch Spritzmittelschäden dokumentiert. Seit 1999 nehmen die Schäden massiv zu, und 1999 wurden bei abgestorbenen Bienen Pflanzenschutz­mittelwirkstoffe nachgewiesen.

Was sind die Ursachen?
Das Bienensterben hat mehrere Faktoren. Pflanzenschutzmittel werden zunehmend dafür verantwortlich gemacht. Dadurch geschwächte Bienenvölker sind Viren, Bakterien, Pilzen und Parasiten wie der Varroamilbe ausgeliefert und sterben dann häufig an Sekundärinfektionen.

Was bedeuten Bienen für Sie?
Honigbienen sind für mich und meine­ ­Familie der Lebensinhalt. Sie sind faszinie­rende, komplexe Organismen. Bienen ­haben zum Glück uns Imker als Fürsprecher. Sie zeigen uns ein Artensterben ungeheuren Ausmaßes. Wenn wir Menschen das nicht in den Griff bekommen, wird eine ökologische und ökonomische Katastrophe auf uns zukommen. Honigbienen sind unersetzlich und für das Überleben notwendig. Geben wir den Bienen und damit uns selbst eine Chance für die Zukunft!

Besonders gefährlich sind zum Beispiel Neonikotinoide, eine Gruppe von Insektiziden, die unter anderem zur Saatgutbehandlung eingesetzt wird. Sie haben auf die Bienen eine nikotinähnliche Wirkung und beeinflussen das Nervenleitsystem der Tiere. Die Auswirkungen reichen von Koordinationsverlust über Flügellähmung bis hin zum Tod. Die Gifte können die Immunabwehr der Bienen schwächen und sie anfälliger für Krankheiten und Parasiten, wie etwa die gefürchtete Varroamilbe, machen. Oder sie finden gleich überhaupt nicht mehr nach Hause, denn Neonikotinoide vernebeln den Orientierungssinn. Als Folge verschwinden ganze Völker spurlos. In Italien, Frankreich, Norwegen, Deutschland und Slowenien wurden Neo­nikotinoide bereits mit dem Massensterben von Bienen in Verbindung gebracht und zumindest teilweise verboten. Auf EU-Ebene gibt es immerhin erste kleine Schritte in Richtung Bienenschutz.

Rund um Österreich wird also schon gehandelt, während bei uns das Problem des massiven Bienensterbens immer noch kleingeredet und Jahr für Jahr wieder mit Neonikotinoiden gebeiztes Saatgut ausgebracht wird. Zwar gibt es einige Auflagen für die Anwendung einiger Pestizide, notwendig wäre aber ein Verbot zumindest der für die Bienen gefährlichsten Pestizide und die konsequente Einführung einer Fruchtfolge auf den Feldern. Das bedeutet, dass nicht einfach mehrere Jahre hintereinander die gleiche Pflanze, wie zum Beispiel Mais, angebaut werden darf, sondern verschiedene Pflanzen abgewechselt werden.

Um auf das eingangs erwähnte Zitat zurückzukommen: Wenn es um die Bienen tatsächlich so schlecht steht – was bedeutet das für den Menschen? Bienen sind maßgeblich am landwirtschaftlichen Ernteerfolg beteiligt. Sie bestäuben sehr viele Kulturpflanzen, wie Obstbäume und unzählige Gemüsesorten. Laut FAO sind rund zwei Drittel unserer Kulturpflanzen von bestäubenden Insekten abhängig.

Lebensnotwendige Bienen

Neben den Bienen fungieren auch andere Tiere wie Vögel, Schmetterlinge und Insekten als Bestäuber. Werden diese Bestäuber durch den Einsatz von Pestiziden gefährdet, führt das auf lange Sicht zu einer geringeren Vielfalt unserer Lebensmittel und von natürlich vorkommenden Pflanzen. Übersetzt bedeutet das: Der Rückgang der Bienen gefährdet auch unsere Nahrungsmittelsicherheit. Halten wir weiterhin am Gebrauch dieser Pestizide fest, wird auch das massive Bienensterben weitergehen. Ein Blick nach China könnte uns dann wie ein Blick in unsere Zukunft erscheinen. Dort werden nämlich bereits jetzt aufgrund des Rückgangs der Bienenvölker ganze Plantagen von Menschenhand bestäubt. Wäre das auch für Österreich vorstellbar – Obstplantagen-Bestäuber als neuer Wirtschaftszweig? Die Zyniker unter uns könnten sich zumindest über viele neue Arbeitsplätze freuen.

Greenpeace-Kampagne

Wenn wir in Europa diesem Horrorszenario entgehen möchten, führt an einer nachhaltigen Landwirtschaft kein Weg vorbei. Nur ökologischer Anbau kann dem Sterben der Bienen entgegenwirken. Vernünftige Fruchtfolgen können den Einsatz großräumiger Chemiekeulen ersetzen und damit auch die Ausbreitung von Schädlingen eindämmen. Wir dürfen nicht länger tatenlos zusehen, wie immer mehr Bienen sterben. Greenpeace hat Anfang dieses Jahres eine europaweite Kampagne zum Schutz der Bienen gestartet und fordert als ersten Schritt zur Bienenrettung, die für die wertvollen Insekten gefährlichsten Pestizide sofort von unseren Feldern zu verbannen. Ein Verbot ist zwar nur ein kleiner Schritt in Richtung nachhaltige Landwirtschaft. Für die Biene ist es aber ein Meilenstein.