Das Greenpeace Magazin / März 2013

"Unsere Autodosis ist viel zu hoch"

Verkehrswissenschaftler Prof. Hermann Knoflacher* über Mobilität, das Autovirus und warum in der Bauordnung die Lösung für die Verkehrsprobleme liegt.
Interview: Birgit Bermann

Hermann Knoflacher

Wie sieht unsere Zukunft aus – Mensch oder Auto oder Mensch und Auto?
Das kommt darauf an. Ich kann da nur mit Paracelsus sprechen: Alles ist Gift, es kommt immer auf die Dosis an. Und unsere Autodosis ist derzeit viel zu hoch.

Wie kommen wir zu einer verträglichen Verkehrsdosis?
Indem man Alternativen schafft. Und die sieht so aus, dass es weniger lustig ist, Auto zu fahren, als etwas anderes zu tun.

Ich habe den Weg zu Ihnen mit der U-Bahn zurückgelegt. Das war o. k., ja – aber lustig? Nein.
Mit dem Auto wäre es noch weniger lustig gewesen. Sie hätten keinen Parkplatz gefunden, und wenn doch, dann müssten Sie etwas zahlen. Noch lange nicht das, was es wirklich kostet, aber einen kleinen Teil davon. Und das führt bei den meisten Autofahrern schon zu unangenehmen Gefühlen.

Mobilität kann nicht nur über Gebühren geregelt werden.
Nein, sicher nicht. Die Gebührenschraube ist eine Symptom­behandlung, es muss über die Struktur geredet werden. Wenn Sie mit dem Auto hierherfahren wollen und wissen, es gibt hier keinen Parkplatz, dann werden Sie zu Hause nicht mit dem Auto wegfahren. Aber natürlich ist es besser, wenn Sie zu Hause auch keinen Parkplatz vor der Haustüre haben.

Welche Strukturen müssen verändert werden?
Die Bauordnung! Wir haben noch eine alte „Reichsgaragenordnung" von Adolf Hitler. Die Präambel schreibt vor, dass zu jeder Wohnung und zu jedem Gewerbebetrieb für die bestehende und in Zukunft zu erwartende Anzahl an Autos Abstellplätze geschaffen werden müssen. Die Tiroler Bauordnung schreibt sogar drei Stellplätze vor – für eine Wohnung!

Welche Strukturen halten Sie für wichtig?
Ich halte das für richtig, was für die Menschen gesund, sicher ist und für die Zukunft weniger riskant ist. Ein Autofahrer kann jemanden überfahren, er erzeugt Lärm und Abgase und nimmt allen anderen den Lebensraum weg. Ein unmenschliches Verhalten. Das Auto hat in einem Umfeld menschlicher Werte mit Ausnahme seiner zentralen Funktionen nichts verloren: für jene, die sich physisch nur eingeschränkt bewegen können, für Transportaufgaben und für Noteinsätze. Wenn ein Politiker sagt: „Vorrang für den öffentlichen Verkehr", und das ernst nimmt, bedeutet das, dass die Wege zu und vom geparkten Auto länger sein müssen als zur Haltestelle des öffentlichen Verkehrs. Sonst lügt er die Menschen bewusst an.

Tut das die Politik in Österreich?
Natürlich! Die versteht schon lange nicht mehr, was sie tut. Sie glaubt zum Beispiel an den Unsinn von Zeiteinsparungen oder an Berechnungen über wirtschaftlichen Nutzen durch hohe Geschwindigkeiten. Eine völlige Absurdität.

Haben Sie keine Angst vor wütenden Autofahrern?
Hätte ich die jemals gehabt, gäbe es in Wien keine Fußgängerzone, keine Radwege und in vielen anderen Städten, wo ich geplant habe, ebenfalls keine Fußgängerzone, keine verkehrsberuhigten Zonen, kein Tempo 30.

Was macht die Faszination Auto aus?
Es ist der Körperenergieverbrauch. Der findet im ältesten Teil unseres Gehirns statt, dem Hypothalamus. Dort dringt das Auto ein. Das Auto will eine für das Auto angenehme Umwelt, und genau das haben wir in den letzten hundert Jahren gebaut, eine Welt für Autos und nicht für Menschen. Wenn die Menschen vom Auto­virus befallen sind, sehen sie die Welt so, wie es das Auto gerne hätte.

Was passiert, wenn wir uns vom Virus Auto geheilt haben?
Dann beherrschen wir das Auto, nicht das Auto uns. Ich habe das empirisch und in der Praxis x-mal nachgewiesen: Erzeuge ich eine autofreie Umgebung, dann können die Menschen leichter auf das Auto verzichten. Ich habe Städte erlebt, die bis heute leiden, weil sie diese Therapie nicht anwenden wollen – und im Wesentlichen ihre Stadt sterben lassen.

* Hermann Knoflacher (geboren 1940 in Villach) ist emeritierter Professor und ehemaliger Vorstand des Instituts für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik an der TU Wien. Er realisierte zahlreiche Gesamtverkehrskonzepte, u. a. in Wien, Graz und Hamburg. Er ist Mitglied des Club of Rome und des Club of Vienna und globaler Fußgehervertreter der Vereinten Nationen. Im April erscheint sein neues Buch: „Zurück zur Mobilität – Anstöße zum Umdenken", Ueberreuter Verlag.