Das Greenpeace Magazin / März 2013

Mythos "Billige Atomkraft"

Nuklearenergie ist billig – dieser Glaubenssatz wird von Atombefürwortern nach wie vor strapa-ziert. Doch was kostet ein Atomkraftwerk „schlüsselfertig“, und wer stemmt die Kosten tatsächlich? AKW-Baustellen in Frankreich, Finnland und der Slowakei verraten die teure Realität.
Von Julia Kerschbaumsteiner

Regierungen und Betreiber können Atomenergie günstig anpreisen, weil in offiziellen Kostenschätzungen die versteckten Kosten kategorisch heruntergespielt oder ignoriert werden. Diese sind vielfältig: Brennstoff-Kreislauf, Abfallmanagement, der Rückbau nuklearer Einrichtungen, Sicherheit, Infrastruktur, staatliche Garantien und Haftpflicht sind dabei nur einige Stichwörter. Die exorbitanten Kosten, die Atomkraftwerke tatsächlich verursachen, werden von der Bevölkerung finanziert. Wie die Katastrophe von Fukushima verdeutlicht hat, springen Staaten bei den Folgekosten eines Unglücks ein. So wurde die verantwortliche Betreiberfirma Tepco nach dem Super-GAU verstaatlicht – und rund 9,8 Milliarden Euro aus Mitteln der öffentlichen Hand flossen in das marode Unternehmen.

Flamanville, Olkiluoto, Mochovce

Keine Frage, so ein Atomkraftwerk ist teuer. Auch ein Flug zum Mond kostet richtig viel Geld. Der Druckwasserreaktor (EPR), der derzeit im französischen Flamanville gebaut wird, übersteigt aktuell bereits die Kosten für sieben Flüge zum Mond und zurück. Die französische Betreiberfirma EDF musste kürzlich nicht nur einräumen, dass sich die Baukosten auf 8,5 Milliarden Euro verdreifacht haben, sondern auch, dass die Fertigstellung auf 2016 verschoben werden muss. Eigentlich sollte die Anlage am ­Ärmelkanal schon heute etwas mehr als zwei Millionen Haushalten Strom liefern. Für das Geld, das für den EPR ausgegeben wird, hätten 3.000 Windräder installiert werden können, die 3,5 Millionen Haushalte mit sauberem Strom versorgen.

Kostenexplosion

Der Druckwasserreaktor, der momentan als das Nonplusultra der AKW-Konstruktion gehandelt wird, treibt aber nicht nur EDF den Schweiß auf die Stirn. 2.500 Kilometer weiter nördlich wiederholt sich das Kostendebakel auf der finnischen AKW-Baustelle Olkiluoto. Dort wurden die Kosten ebenfalls auf rund acht Milliarden Euro nach oben korrigiert. Der AKW-Neubau, für den vom französisch-deutschen Konsortium aus Areva und Siemens nicht einmal mehr ein Eröffnungsdatum genannt wird, entwickelt sich zum finanziellen Desaster für die Investoren – zumal der finnische Auftraggeber das Konsortium bereits auf 1,8 Milliarden Euro Schadenersatz verklagt hat. Und auch unser Nachbarland schlägt sich mit einer sündteuren AKW-Baustelle herum. Nach Greenpeace-Berechnungen hat die Bauverzögerung in Mochovce die slowakische Bevölkerung schon jetzt 490 Millionen Euro gekostet.

Die Beispiele zeigen, dass der Mythos der billigen Atomenergie einer realen Betrachtung nicht standhält. Werden Folgekosten beim Austritt radioaktiver Strahlung, Folgekosten der Prozesskette des Abbaus und der Weiterverarbeitung von Uran, Kosten als Folge terroristischer Anschläge, Proliferation von Plutonium und Folgekosten und -risiken von Endlagern in die Kalkulationen einberechnet, so zeigt sich: Atomstrom ist extrem teuer. Eine Kilowattstunde Atomstrom kostet dann 16,4 Cent. Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde Ökostrom ist bereits ab 7,17 Cent zu haben – und wird zunehmend billiger. Um den Ausbau erneuerbarer Energiequellen in Österreich voranzutreiben, wird auch Ökostrom aus Windkraft, Biomasse und Photovoltaik sowie neuen Wasserkraftanlagen bis zu einer bestimmten Leistung gefördert.

Die Mehrkosten für Ökostrom sind jedoch transparent gestaltet und dienen dem Ausbau von sauberen, nachhaltigen Technologien, die ohne schmutzige Geheimnisse auskommen.

Erneuerbare Energiequellen wie Wasser, Sonne und Wind sind gemeinsam mit der effizienten Nutzung von Energie der einzig gangbare Weg, um unseren Energieverbrauch langfristig sicher, kostengünstig und sauber zu decken. Regierungen, die weiterhin auf teure und hochgefährliche Atomenergie setzen, müssen endlich damit aufhören, die Interessen von riesigen Energiekonzernen durchzusetzen, und zu Vertretern von zukunftsorientierten Gesellschaften werden.