Das Greenpeace Magazin / Juni 2012

Darauf können Sie Gift nehmen

Wer konventionell angebautes Obst und Gemüse isst, schluckt damit in vielen Fällen auch Pestizidrückstände. Bei Stichprobentests werden die Höchstgrenzen heute seltener überschritten als noch vor vier Jahren. Grund dafür ist auch eine Zahlenspielerei auf EU-Ebene. Von Bettina Benesch

Es ist ja nicht so, dass wir aus unseren Erfahrungen mit Umweltgiften nichts gelernt hätten. Natürlich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles zum Guten gewendet: Biolebensmittel finden immer mehr Käufer, an jeder Ecke hört man von Nachhaltigkeit, von Gesundheit und Natur. Gleichzeitig kamen wir in den vergangenen Jahren um Meldungen nicht herum, die uns so manchen Bissen vermiest haben: zu viel Pestizide in spanischen Paprika, Bienensterben durch Insektizide, Unkrautvernichtungsmittel in Futtergetreide.

Am Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ändern Lebensmittelskandale aber offenbar wenig: Insgesamt stieg die verkaufte Menge an Pestizidwirkstoffen in Österreich von 1995 bis 2010 um 8,5 Prozent – obwohl die landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen schrumpfen.

Gesenkte Grenzwerte

Wer also im Geschäft ums Eck zu konventionell angebautem Obst und Gemüse greift, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Lebensmittel in der Hand, die irgendwann mit Pflanzenschutzmitteln in Kontakt gekommen sind. Daher gibt es behördliche Tests. Aber: Von einem Jahr auf das andere sank die Zahl jener Lebensmittel, die wegen überhoher Pestizidrückstände beanstandet wurden.

Stoppt Gift im Esssen! Greenpeace Gruppen protestieren vor Supermaerkten in acht Staedten gegen Pestizide in Obst und Gemuese. Aktivisten mit Einkaufswagen vor Tengelmann-Filiale in Muenchen. Greenpeace groups protesting in front of supermarket against pesticides in fruits and vegetables.Mit September 2008 wurden die gesetzlichen Pestizidhöchstwerte EU-weit harmonisiert. Greenpeace und Global 2000 warnten damals vor der Vereinheitlichung: Ausgehend von österreichischen Verhältnissen wurden 65 Prozent der harmonisierten Grenzwerte angehoben. So gilt für das Pilzbekämpfungsmittel Boscalid aktuell eine zulässige Höchstmenge von 30 mg pro Kilogramm Kopfsalat. Im Frühling 2007 waren es noch 0,05 mg/kg. Eine Steigerung um das 600-Fache.

Im Frühjahr 2007 untersuchte die Agentur für Gesundheit und Ernährungs­sicherheit (AGES) 74 Salate auf Pestizidrückstände. Zwölf überschritten die damals geltenden Pestizidgrenzwerte, das waren 16 Prozent der Proben. Nach der Harmonisierung wären nur mehr zwei statt der ursprünglich zwölf Salate beanstandet worden – 2,7 Prozent.

Bioprodukte als Ausweg

Der aktuellste Kontrollbericht der AGES stammt aus dem Jahr 2010. Damals konnten in 1,1 Prozent der Proben Pestizide über der Höchstgrenze nachgewiesen werden. Betroffen waren unter anderem Paprika, Spinat und Weintrauben. In fast jeder dritten Probe waren mehr als drei Substanzen bestimmbar. Mit zehn Wirkstoffen enthielt eine Weintraubenprobe die meisten Pestizide. Laut AGES ist die Zahl der Höchstgehalts-Überschreitungen in Österreich seit 2008 insgesamt stark gesunken. Als einen der Gründe gibt die Behörde die Harmonisierung der gesetzlichen Höchstwerte an.

Die konventionelle Landwirtschaft kommt um Pflanzenschutzmittel nicht herum. Wer die Pestizidbelastung der eigenen Lebensmittel gegen null drücken möchte, muss auf echte Bioprodukte setzen. Denn die tolerierte Rückstandsmenge von synthetischen Pflanzenschutzmitteln in biologisch produziertem Obst und Gemüse liegt bei 0,01 mg/kg Lebensmittel. Diese Toleranzwerte erklären sich beispielsweise dadurch, dass einige Pflanzenschutzmittel vergleichsweise lang im Boden bleiben – und in kleinsten Mengen beispielsweise auch in der Bioerdbeere nachgewiesen werden können.

Waschen von konventioneller Ware ist übrigens nur mäßig wirksam, wenn es darum geht, die Pestizide loszuwerden: Wer Obst und Gemüse vor dem Verzehr mit kaltem Wasser abwäscht, ist zwar gewöhnlichen Dreck los, kann aber nur etwa 50 Prozent der Pflanzenschutzmittel entfernen. Auch spezielle Obstwaschmittel schaffen nicht mehr – schließlich sitzen Pestizide auch im Fruchtfleisch.

Bedrohte Bienen

Imker haben es schon lange vermutet, seit Anfang 2012 ist es amtlich: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Bienensterben und dem Einsatz von Insektiziden. Das ergaben Untersuchungen des sogenannten Melissa-Projekts, die von 2009 bis 2011 an Bienenvölkern in Österreich durchgeführt wurden.

Angefangen hat alles vor rund zehn Jahren, als die Larven eines unscheinbaren Käfers erstmals in Österreich auftauchten. Sie fraßen
sich mit Vorliebe durch die Wurzeln junger Maispflanzen und richteten sie so zugrunde. Pestizidhersteller und Bauern konterten mit Saatgut, das mit Insektenvernichtungsmittel ummantelt wurde („gebeizt“ heißt das im Fachsprech). Dann starben die ersten Bienen.

Fatal war und ist das nicht nur für die Imker, sondern für uns alle, denn Bienen spielen eine entscheidende Rolle beim Bestäuben von Wild- und Kulturpflanzen. Die Food and Agriculture Organization (FAO) schätzt, dass etwa 70 der rund 100 wichtigsten Kulturpflanzen von Bienen bestäubt werden.

Die globale Nahrungsmittelproduktion hängt zu 35 Prozent von bestäubenden Insekten ab. Ohne sie verschwindet das Ökosystem, wie wir es kennen, denn die große Mehrheit der blühenden Pflanzen kann ohne Bestäubung keine Samen bilden.

Nichtsdestotrotz ist insektizidgebeiztes Saatgut hierzulande legal erhältlich. Für die Beize werden so­genannte Neonicotinoide verwendet, wie etwa Clothianidin oder Thiamethoxam, die unter anderem in Deutschland verboten sind. Auch in Österreich fordern Umweltorganisationen das Aus für derart behandeltes Saatgut. Bisher erfolglos. Dabei sind Pestizide längst nicht die einzige Maßnahme gegen den Käfer, und auch nicht die wirksamste: Bees on a honeycomb in Zwiggelte  Bijen op een honingraat in ZwiggelteViel sinnvoller ist der jährliche Fruchtwechsel. Es sollte also nicht Mais auf Mais angebaut werden – auch deshalb, weil bekannt ist, dass der Maiswurzelbohrer in der Vergangenheit gegen Insektizide resistent geworden ist. Gegen Genmais übrigens auch.