Es sind wohl die größten Narben, die von der Menschheit auf dem Gesicht der Erde hinterlassen werden – die kanadischen Teersand-Gruben. Aus ihnen wird ein Gemisch von Sand und zähflüssigem Öl abgebaut, um daraus Benzin oder Diesel herzustellen. Derzeit findet dieser Raubbau an der Natur hauptsächlich im Nordwesten Kanadas statt (Provinz Alberta), aber auch in Venezuela und in Russland gibt es große Teersand-Vorkommen.
Erst vor wenigen Jahren ist die Förderung von Teersand wirtschaftlich interessant geworden. Früher konnte das daraus gewonnene Öl nicht mit dem vergleichsweise günstigen Öl aus zum Beispiel dem Nahen Osten konkurrieren. Die Förderkosten betragen mehrere Dutzend Dollar pro Fass und sind bei niedrigen Weltmarktpreisen nicht marktfähig. Die Zeiten des billigen Öls sind aber vorbei, und mit den steigenden Preisen hat die kanadische Regierung Dollarzeichen in den Augen bekommen – und beschlossen, den Ölschatz in ihrer Wildnis der Ölindustrie auszuliefern. Die hat viel Druck ausgeübt, um an die Vorkommen zu gelangen. Nicht nur hohe Preise, auch die Tatsache, dass kaum noch große neue Ölfelder entdeckt werden, zwingt die Ölindustrie, nach neuen, riskanteren Fördergebieten Ausschau zu halten. Schauplätze dieser neuen und für die Umwelt gefährlichen Strategie sind derzeit die Tiefsee, die Arktis und der kanadische Wald.
Schmutzige Produktion
Aus einem schlammigen Sand-Teer-Gemisch Öl zu machen ist keine leichte Aufgabe. Verglichen mit der Arabischen Wüste, wo man in Prinzip nur ein tiefes Loch bohren muss, ist die Förderung von Teersand-Öl aufwändig, teuer und kompliziert. Mithilfe von Wasser, Chemikalien und Wärme wird das Öl aus dem Sand gewaschen und verflüssigt und in weiterer Folge zu Benzin oder Diesel verarbeitet. Aus zwei Tonnen Teersand kann rund ein Fass Öl (159 Liter) gewonnen werden – oder anders ausgedrückt, ergibt eine Scheibtruhe Teersand zirka einen Kübel Öl. Allerdings geht dabei, um bei diesem Vergleich zu bleiben, die Energiemenge von einigen Liter Öl drauf, nur um es vom Sand abscheiden zu können. Zwei bis vier Kübel Wasser werden ebenfalls gebraucht. Die Restmenge Sand landet auf einer großen Deponie, das stark verunreinigte Wasser wird in ein Auffangbecken gepumpt. Diese Becken bedecken mittlerweile eine Fläche von 50 Quadratkilometern – ein Drittel des Neusiedler Sees.
Die Dämme um die Wasserbecken sind größer als der Dreischluchtendamm in China, können aber dennoch nicht verhindern, dass das Grundwasser und die Flüsse in der Umgebung verschmutzt werden. Sollte es jemals zu einem Dammbruch kommen, wären die Folgen katastrophal – die Flüsse wären für Jahrzehnte tot.
Warum Kanada dieser Zerstörung seiner Umwelt Tür und Tor öffnet, hat mehrere Gründe. Kanada ist zwar ein reiches und auf den ersten Blick modernes Land, aber die Wirtschaft weist eine starke Abhängigkeit von Rohstoffexporten auf: Holz, Mineralien und jetzt auch Öl. Dementsprechend zuvorkommend begegnet die Politik den Holz-, Bergbau- und Ölunternehmen. Projekte, die bei uns aufgrund der Umweltbelastung inakzeptabel wären, können in Kanada ohne große Schwierigkeiten umgesetzt werden. Wie groß der Einfluss der Ölindustrie ist, kann man auch daran ablesen, dass sich Kanada im vergangenen Dezember aus dem Kyoto-Klimaabkommen zurückgezogen hat. Grund ist die gewaltige Zunahme der Treibhausgasemissionen durch die Teersand-Förderung, wodurch das vereinbarte Klimaschutzziel nicht mehr erreichbar war. Die internationale Reputation ist der kanadischen Regierung weniger wert als die Interessen der Ölindustrie.
Große Proteste
So groß wie die Teersandgruben in der Provinz Alberta sind, so groß ist auch der Widerstand gegen die Projekte. An vorderster Front stehen dabei die ersten Opfer der Ölförderung: die Ureinwohner Kanadas, die sogenannten First Nations. In den abgelegenen Wäldern im Norden stellen die Dene, Cree und Métis einen bedeutenden Teil der Bevölkerung. Die Teersand-Gruben zerstören ihren Lebensraum – der Wald wird gerodet, Straßen und Pipelines errichtet und die Flüsse schwer mit Giftstoffen belastet. Sind die Vorkommen ausgebeutet, bleibt nichts als zerstörte Landschaft zurück. Die Wildtierpopulation der nördlichen Wälder – Wolf, Grizzlybär, Luchs oder Elch – kommt nicht mehr zurück.
Auch international erregt der kanadische Ölrausch Widerstand. US-Präsident Obama legte die Entscheidung über die Errichtung einer Ölpipeline aus Kanada quer durch die Vereinigten Staaten zu den Ölhäfen am Golf von Mexiko nach Protesten der Bevölkerung vorläufig auf Eis – sehr zum Ärger Kanadas. Die EU erarbeitet aktuell neue Richtlinien für die Qualität von Benzin und Diesel, die auch die Umweltbelastung bei der Produktion einbeziehen sollen. Öl aus Teersand erfüllt diese Anforderungen definitiv nicht. Kanada sandte daraufhin seine Pro-Teersand-Lobbyisten zur „Überzeugungsarbeit“ in die EU-Hauptstädte. Auch im Umweltministerium in Wien wurden sie vorstellig – vergeblich. Die österreichische Regierung lehnt, wie die Mehrheit der anderen europäischen Staaten, das dreckige Öl ab. Jetzt droht Kanada mit einem Handelskrieg. Denn wenn die Europäer keinen Treibstoff aus Teersand wollen und die Keystone-Pipeline durch die USA nicht gebaut wird, bleiben die Kanadier auf ihrem teuer geförderten Öl sitzen.
In Kanada, Amerika und in Europa führt Greenpeace intensive Kampagnen gegen das schmutzige Öl durch. Es ist sehr zu hoffen, dass die EU dem kanadischen Druck nicht nachgibt und nicht in die Knie geht. Und es ist auch zu hoffen, dass die Kanadier noch rechtzeitig umdenken – bevor sie am Ende feststellen müssen, dass man Geld wirklich nicht essen kann.