Das Greenpeace Magazin / Juni 2012

Im Kampf mit den Wettergöttern

Landschaftliche Schönheit, schwieriges Leben für die Menschen

Landschaftliche Schönheit, schwieriges Leben für die Menschen

Ein verbindlicher Weltklimavertrag blieb auch bei der vergangenen Klimakonferenz in Durban Wunschdenken. Nur wenige hundert Kilometer von den Verhandlungstischen entfernt fordert der Klimawandel in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal bereits erste Opfer. Text und Fotos Samuel Schlaefli

Dukuza ist ein Bauerndorf in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal und die Heimat von Mbogeni Maklobo. Sein ganzes Leben hat er hier verbracht, und man könnte ihn dafür beneiden: Vom Dorf aus hat man einen atemberaubenden Blick auf die Hochplateaus der Drakensberge, UNESCO-Weltnaturerbe und Touristenmagnet. Doch das Leben hier verlangt den Bauern viel ab. Maklobos siebenköpfige Familie lebt in drei Lehmhütten, mit Stroh und Wellblech gedeckt. Seit wenigen Monaten erst hat zumindest eine Stromanschluss. Wasser zum Kochen, Waschen und Trinken holt seine Frau täglich vom nahen Brunnen. Maklobo steht jede Nacht um zwei Uhr auf und bringt das Vieh zum Grasen, einige Kilometer vom Haus entfernt. So bleibt genügend Zeit, dass sich die Tiere vor Tages­anbruch satt gefressen haben und er zurück ist, bevor die Temperatur unerträglich wird.

An diesem Samstagvormittag ist das kurz vor neun Uhr. Der 61-Jährige setzt sich in die Hütte seines Ältesten und dreht sich mit einem Streifen Zeitungspapier und etwas Tabak eine Zigarette. Er zieht genüsslich daran, hustet laut und wird nachdenklich. Er vermisse die alten Tage, erzählt er. Als junger Mann hatte er 40 Kühe und Ochsen. Grasland gab es im Überfluss, und die Tiere weideten im Umkreis seiner Hütte. Heute hat er noch 26 Tiere. Wo früher wenige Haushalte ausreichend Agrar- und Weideland hatten, leben heute geschätzte 200 Familien. Und jede beansprucht eine Parzelle, um Mais und Soja für den Eigengebrauch zu pflanzen. Maklobo hat neben den 50 Quadratmetern vor seinem Haus noch zwei größere Felder im Umland.

Mbogeni Maklobo kann nich tmehr genug ernten, um seine Familie zu versorgen.Karge Ernten

Das Land reichte früher aus, um seine Familie zu ernähren. Oft habe er sogar Maisüberschüsse auf dem Markt verkauft, erzählt er. Damit verdiente er Geld, das er für den Einkauf von Öl, Seife und neuem Saatgut brauchte. Doch die Welt sei durcheinandergeraten, sagt Maklobo. „Letztes Jahr reichte die Ernte nicht mal, um die Familie zu versorgen.“ Er musste einen Ochsen verkaufen, um Mais und andere Grundnahrungsmittel zuzukaufen. Wahrscheinlich wird er auch dieses Jahr wieder ein Tier hergeben müssen, denn seine Maisstauden reichen dem Bauer erst knapp bis zu den Knien. Eigentlich sollten sie zu dieser Jahreszeit brusthoch sein. Früher habe es im Frühling, der in Südafrika von September bis November dauert, alle zwei Tage zumindest kurz geregnet. Trocken­perioden dauerten höchstens eine Woche. Die Ernten waren gut. „Letztes Jahr fiel der erste Regen erst im Dezember“, klagt Maklobo. „Wir haben ­gesät und danach zwei Monate auf Regen gewartet.“ Der Monat bis zur traditionellen Ernte Ende Februar wird kaum reichen, um die Kolben ausreifen zu lassen. Kollegen von Maklobo haben aufgegeben. Sie führen nun das Vieh auf ihre Maisfelder. So dienen die Pflänzchen ­wenigstens als Tierfutter.

Schwierige Prognosen

Zondile Hlatshwayo kennt Maklobos Sorgen bestens. Er vertritt den Distrikt KwaZulu-Natal in der National Farmers Union (NAFU). Diese unterstützt Kleinbauern in Südafrika, Hilfeleistungen der Regierung einzufordern und Kooperativen zu gründen – oft die Voraussetzung, damit die Regierung Kleinbauern in Notlagen beisteht. Im November nahm Hlatshwayo an der Klimakonferenz in Durban teil. Zusammen mit Vertretern aus anderen Regionen Südafrikas berichtete er den politischen Vertretern in den Kommissionen von den Wetterveränderungen, die er und die Mitglieder seiner Organisation erfahren. „Das Wetter ist unvorhersehbar geworden“, beklagt Hlatshwayo. „Wir wissen nicht mehr, wann der Regen kommt und wann wir unser Getreide aussäen ­sollen.“ Er hatte letztes Jahr zum ­ersten Mal 35 Hektar Land statt zehn bestellt. 113.000 Rand (rund 11.000 Euro) hat er für Soja-Saatgut und Dünger investiert und dafür ­einen Kredit aufgenommen. Doch wegen der heftigen Niederschläge im vergangenen Winter verlor er 13 Hektar seiner Ernte. Was übrig blieb, reichte nicht einmal für den Eigengebrauch, geschweige denn für den Verkauf auf dem Markt, um den Kredit zurückzahlen zu können. Neben Regen und Schnee machten dem Bauer die tiefen Temperaturen zu schaffen. Hlatshwayo hat neun Ziegen verloren. Die teilweise über 3.000 Meter hohen Drakensberge im Westen seien im Winter zwar immer schneebedeckt gewesen, sagt Hlatshwayo. Aber Schnee in der Ebene, das habe er erstmals vor 15 Jahren erlebt.

Klimahölle Afrika

Ein weiterer Temperaturanstieg hat katastrophale Folgen!

Für Klimaforscher sind die Beobachtungen von Hlatshwayo und Maklobo keine Überraschung. Ihre Simulationen zeigten schon vor Jahren, dass Afrika sehr wahrscheinlich am stärksten vom durch Menschen verursachten Klimawandel betroffen sein wird und der Temperaturanstieg das globale Mittel übertreffen wird. Die Durchschnitts­temperaturen in Südafrika stiegen zwischen 1960 und 2006 um 0,6 Grad Celsius an, gleichzeitig nahmen die Extreme zu. Der Trend ist eindeutig und wird sich fortsetzen: Im vierten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC von 2007 prognostizierten die Forscher für Süd­afrika Temperaturzunahmen zwischen 1,1 und 2,4 Grad Celsius bis 2060 und 1,6 und 4,3 Grad Celsius bis 2100. Heiße Tage werden den ­Simulationen zufolge häufiger, stärkere lokale Regenschauer bei gleichzeitigem Rückgang des gesamtjährlichen Regenfalls sowie Hitzewellen und Schneestürme sind wahrscheinlich. Zwar darf man Wetter und Klima nicht gleichsetzen, trotzdem erachten viele Wissenschaftler die vermehrten Wetterextreme als erste lokale Auswirkungen der nachweislich steigenden Temperaturen. Da die meisten Afrikaner von der Landwirtschaft abhängen und die Adaption an veränderte Klimabedingungen schwierig ist, hat ein weiterer Temperaturanstieg katastrophale Folgen.

Sorgenvolle Bevölkerung

Wetterbedingte Schicksale hätten in seiner Gemeinde stark zugenommen, sagt Louis Ngwenya, einer von 24 Regierungsratsmitgliedern des Distrikts Okhahlamba in KwaZulu-Natal. „Egal ob Hitze, Kälte, Regen oder Dürre: Wir erleben andauernd Wetterextreme.“ Der enthusiastische Lokalpolitiker ist für die Administration der Gemeinde Emoyeni zuständig. An diesem Samstagnachmittag besucht er ein altes Ehepaar, das vor wenigen Wochen sein Zuhause verloren hat. In Emoyeni wütete ein Sturm, der Esther Mhlonga und Steven Hlalukane das Wellblechdach und Teile der Grundmauern zerstörte.

Die Wetterextreme verängstigten die Gemeindebewohner, erzählt er, denn diese sähen ihre Lebensgrundlagen immer stärker bedroht. „Für viele lohnt sich die Landwirtschaft wegen der mickrigen Ernten nicht mehr“, weiß Ngwenya. Versicherungen für Ernteausfälle, wie sie kommerzielle Höfe abschließen, können sich Kleinbauern nicht leisten. Und Alternativen zur Landwirtschaft gibt es in Emoyeni nicht. Weniger als 20 Prozent der Bevölkerung in Okhah­lamba sind Angestellte, ein Drittel der Bevölkerung sind Analphabeten, und die touristische Infrastruktur rund um die Drakensberge ist in den Händen von Zugezogenen. Vie-le Junge hätten den Glauben an die Landwirtschaft verloren, stellt Ngwenya fest. Sie fliehen in die Städte, ins 60 Kilometer entfernte Lady­smith oder nach Johannesburg. Dort landen sie in Townships, wo sie sich mit Gelegenheitsjobs meist schlecht über Wasser halten können. Viele kehrten wieder aufs Land zurück, ­erzählt Ngwenya. Oft mit verändertem Verhalten. „Die Kriminalität in unserer Gemeinde hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Unsere Gemeinde erlebt derzeit gleich auf mehreren Ebenen eine Krise.“

Vergeblicher Gipfel

Über solche Krisen, die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels haben Politiker aus aller Welt vor Monaten am Klimagipfel in Durban diskutiert. Doch ein Weltklimavertrag mit verbindlichen Zusagen über Emissionsreduktionen kam nicht zustande. Maklobo, der Kleinbauer aus Dukuza, 255 Kilometer von Durban entfernt, hatte im Radio vom Gipfel gehört. Er und seine Freunde, die Dorfältesten, glauben nicht an wissenschaftliche Erklärungen für die Wetterkapriolen. Vielmehr sei das Wetter wegen der Jungen durcheinandergeraten, vermuten sie, weil diese die Traditionen nicht mehr respektierten. „Die Jungen bestellen ihre Felder selbst an Tagen, an denen Gemeindemitglieder beerdigt werden“, empört sich Maklobo. Das erbose den lieben Gott wie auch die Ahnen. Für eine Besserung sieht er nur eine Lösung: Die Menschheit müsse zu Gott beten und die Rituale für die Ahnen wieder aufnehmen.

Gemeinsames Handeln

Klimawandel erfordert globales Handeln!

Zondile Hlatshwayo, der Vertreter der NAFU, folgte lange derselben Erklärung. Er habe aber beobachtet, dass die Extremwetter-Ereignisse zeitlich oft nicht mit den Sünden gegen die Traditionen übereinstimmten. Und sein Besuch am Klimagipfel in Durban habe ihn gelehrt, dass das Wetter wieder besser werden könnte, sobald die Menschen weniger Kohle, Benzin und Diesel verbrennen. Besorgt habe ihn jedoch, dass insbesondere die reichen Länder – er nennt etwa Amerika – anscheinend nicht bereit seien, gegen den Klimawandel vorzugehen. Südafrika alleine könne die Situation in KwaZulu-Natal nicht verbessern. „Der Klimawandel liegt nicht in einzelnen Händen. Er erfordert weitreichende ­Entscheidungen und globales Handeln.“ Vielen Regierungschefs dürften Maklobos Aberglaube und die Forderung nach einem internationalen Bettag genehmer sein.  

 

Greenpeace Südafrika:
Kampagnen für eine bessere Klimapolitik

 

Südafrika ist Hauptverursacher von CO2-Emissionen in Afrika. Die hohen Emissionen gehen vor allem auf die Verbrennung von Kohle zurück, aus der 90 Prozent des Stroms Südafrikas stammt. Derzeit werden zwei neue Kohlekraftwerke gebaut. Medupi und Kusile werden mit je 4.800 Megawatt Leistung zu den weltgrößten gehören. Alleine Kusile wird zusätzliche jährliche Emissionen von 37 Millionen Tonnen CO2 verursachen. Ein von Greenpeace Südafrika bei der Universität Pretoria in Auftrag gegebener Bericht stellt fest, dass die Kosten für den Strom aus dem Kraftwerk Kusile wesentlich höher ausfallen werden als prognostiziert – hauptsächlich wegen der enormen Wassermenge, die für die Stromproduktion verbraucht wird. „Der Bericht zeigt, dass weitere Investitionen in Kohle unser Klima zusätzlich belasten und zu weiteren Wasser-Engpässen führen werden“, sagt Melita Steele, verantwortlich für die Klimakampagnen in Afrika.

 

Das zweite Steckenpferd der südafrikanischen Energiepolitik ist die Atomenergie. Vergangenes Jahr hat der Energieminister sechs neue AKWs angekündigt. Ein Bericht, den Greenpeace Südafrika im Sommer 2011 veröffentlichte, zeigt, was der Atomstrom das Land bislang gekostet hat, und widerlegt die Mär von der günstigen Energie. „Südafrika hat es verpasst, die Chancen der erneuerbaren Energien und ‚grünen Wirtschaft‘ zu erkennen“, sagt Steele. Weniger als ein Prozent des Stroms kommt aus erneuerbaren Quellen. Dabei böten dezentrale Solar- oder Windkraftwerke gute Möglichkeiten, die 2,5 Millionen südafrikanischen Haushalte ohne Strom ans Netz anzubinden und die Versorgungssicherheit zu steigern, so Steele. Um die Bevölkerung von erneuerbaren Energien zu überzeugen, hat Greenpeace Südafrika die Kampagne „Use Me More“  lanciert. Jedermann kann die Regierung auffordern, statt in Kohle und Atomstrom in erneuerbare Energien zu investieren.