Das Greenpeace Magazin / Juni 2012

Österreich wird Atomstromfrei!

Wir haben gekämpft – und gewonnen! Das Ziel einer atomkraftfreien  Zukunft ist ein deutliches Stück näher gerückt. Von Alexander Egit*

Geschäftsführer Greenpeace CEE

Die Bilder von den Explosionen in Fukushima werden mir nie mehr aus dem Kopf gehen. Sofort sind die Erinnerungen an den 26. April 1986 hochgekommen. Tschernobyl war für mich und viele meiner Freunde aus der Umwelt­schutzbewegung der entscheidende Auslöser für einen noch energischeren Kampf gegen die Atomkraft. Mit Erfolg: Wir konnten dazu beitragen, dass der Ausbau der Atomkraft bedeutende Rückschläge hinnehmen musste. Dennoch hat die Nuklearindustrie immer wieder versucht, eine Renaissance der Atomkraft herbeizuführen, und auch heute noch setzen ­einige osteuropäische Staaten auf Ausbauprogramme.

Und dann passierte Fukushima. Die Ausreden von damals, dass es ja ein russischer Schrottreaktor irgendwo in der Ukraine gewesen wäre, gelten nicht mehr. Das Hochtechnologieland Japan war weder in der Lage, den Super-GAU zu verhindern, noch konnte es damit angemessen umgehen. Bis heute werden die Menschen belogen.

Vor über einem Jahr habe ich mir geschworen, nicht eher zu ruhen, bis wir nicht einen wirklich bedeutenden Fortschritt gegen die Atomkraft erzielt haben. Wir würden mit letzter Konsequenz und aller Kraft gegen die Atomkraft vorgehen, so viel war klar. Nur wie, welche Strategie sollten wir verfolgen? Meine Greenpeace-Kolleginnen und -kollegen in Deutschland, der Schweiz, Belgien und Italien konnten dort den AKW-Ausstieg erreichen. Aber was hilft das alles, wenn Staaten wie Tschechien, die Slowakei oder Frankreich die Atomkraft sogar ausbauen wollen, um mit Stromexporten Geld zu verdienen? Das EU-Recht erlaubt es nicht, diesen Staaten den Bau von AKWs zu verbieten.

Neue Strategie

Aber es kann uns auch niemand zwingen, Atomstrom zu kaufen! Dieser Gedanke sollte zum Ausgangspunkt der neuen Strategie werden. Wenn wir Atomkonzernen den Markt für ihren Strom zerstören, wird es keinen Investor mehr geben, der sein Geld in diese Todestechnologie steckt. In Hinblick auf die ohnehin nicht besonders rosigen Aussichten für die Atomindustrie kann das ein entscheidendes Argument sein, auf AKW-Neubauprojekte zu verzichten – und stattdessen in erneuerbare Energien zu investieren. Es gibt nur ein Land in der EU, das dabei eine Vorreiterrolle einnehmen kann: Österreich. Nirgendwo sonst in Europa lehnt die Bevölkerung die Atomenergie so vehement ab.

"Es gibt nur ein Land in der EU, das dabei die Vorreiterrolle einnehmen kann: Österreich."

Gedacht, getan: Wir starteten unsere neue Kampagne für ein atomstromfreies Österreich. Als ersten Schritt konnten wir acht der zehn größten heimischen Energieunternehmen überzeugen, auf einen atomkraftfreien Kurs einzuschwenken. Nur der Verbund und die Kärntner Kelag blieben stur auf Atomstromkurs. Wir erwiesen uns allerdings als durchsetzungskräftiger. Nach einem Jahr intensivstem Einsatz, drei Gipfeln mit der Regierungsspitze und einer Reihe weiterer Verhandlungen konnten wir den Durchbruch erreichen. Am 16. April – eingebettet zwischen die Jahrestage von Fukushima und Tschernobyl – einigten sich Umweltorganisationen, Energiewirtschaft und Bundesregierung auf die zukünftige Atomstromfreiheit Österreichs. In Zukunft wird jede Kilowattstunde Strom, die nach Österreich importiert wird, mit Herkunftszertifikaten belegt werden müssen. Die Energieunternehmen haben sich dazu verpflichtet, auf den Bezug von Atomstromzertifikaten zu verzichten. Diese beiden Maßnahmen gemeinsam stellen sicher, dass Atomstrom aus Österreich verbannt wird. Die Bedeutung dieses Schritts für den Kampf gegen die Atomkraft geht weit über unsere Grenzen hinaus.

Auf dem richtigen Weg

Österreich wird atomstromfreiWir haben in Österreich den Präzedenzfall geschaffen, nun können auch andere EU-Staaten unserem Beispiel folgen und den Weg zu einem AKW-freien Europa weitergehen. Seit dem März 2011 habe ich fast meine gesamte Energie und einen Großteil meiner Zeit in die Erreichung dieses Zieles gesteckt: ein atomkraftfreies Österreich. Nun bin ich von der intensiven Arbeit zwar völlig erschöpft – aber das Wissen, meine Aufgabe erfüllt zu haben und den Anti-Atom-Kampf entscheidend vorangebracht zu haben, entschädigt für alles.

* Alexander Egit ist seit 2006 Geschäftsführer von Greenpeace CEE (Central and Eastern Europe).