Das Greenpeace Magazin / Juni 2012

Undercover Interview

Shining S. (29) und Jude W. (30) arbeiten für Greenpeace China. Die beiden Umweltschützerinnen erzählten über die etwas anderen Dimensionen und Herausforderungen ihrer Arbeit im Reich der Mitte. Interview Birgit Bermann

Portrait of a young womanWas sind die größten Herausforderungen von Umweltschutzarbeit in China?

Jude: Umweltthemen sind immer mit Interessen verbunden. Die größten Probleme sind daher sehr mächtige Menschen und Unternehmen. Die können staatsnah sein, mit der

Regierung kooperieren oder sogar die Regierung selber sein. Und sie haben nicht nur Interessen, sondern auch sehr viel Macht. Damit kämpft man gegen einen gigantischen Feind.

Was ist das für ein Gefühl, gegen einen Giganten zu kämpfen?

Jude: Es macht einen wütend.

Shining: Ich möchte eine Geschichte erzählen. Für die Arbeit an der Detox-Kampagne (Anm.: thematisiert die Vergiftung der Gewässer durch die

Textil­industrie) haben wir vor Ort bei Fabriken recherchiert. Wir nehmen damit ein großes Risiko auf uns, weil wir dokumentieren, dass dort giftige Abwässer in die Flüsse geleitet werden. Bei einem dieser Einsätze hat uns das Sicherheitspersonal überrascht und setzte uns mit Motorrädern nach. Wir rannten und rannten, und es war sehr schwierig, mit der gesamten Ausrüstung vor ihnen davonzulaufen. Aber wir wussten, wenn sie uns erwischen, sind nicht nur unsere Recherchen dahin, sondern wir sind auch physisch in großer Gefahr.

Jude: Diese Firmen und ihr Sicherheitspersonal haben normalerweise eine ziemlich enge Verbindung zu den lokalen Regierungen. Sie sind sehr mächtig.

Hattest du Angst, Shining?

Ja.

"Ich will die wirkliche Geschichte."

Warum stehst du dennoch an vorderster Front im Umweltkampf?

Weil ich die Wahrheit dokumentieren will. Ich will die wirkliche Geschichte.

Wie kam es zu der Entscheidung für den Umweltschutz?

Wenn man die Opfer der Umweltzerstörung einmal selber gesehen hat, ist das eine zutiefst berührende Erfahrung. Wenn man einmal selber ihre Geschichten gehört hat, wenn sie einem erzählen, woran sie leiden, dass sie von dem verschmutzen Wasser und der dreckigen Luft Krebs bekommen haben, aber kein Geld haben, um ins Krankenhaus zu gehen – das ist hart. Wenn man sieht, dass Menschen nicht einmal sauberes Wasser haben – ein Grundbedürfnis, und sie haben nicht einmal das! Wenn man so etwas einmal miterlebt hat, dann beginnt ein innerlicher harter Kampf. Und ich wollte wirklich etwas dagegen tun.

Bedeutet Umweltschutzarbeit in China auch Armutsbekämpfung?

Jude: Das kann man nicht nur auf den humanitären Aspekt reduzieren. Menschen, die in den Städten leben, leiden auch an verschmutzter Luft, selbst wenn sie reich sind. Umweltzerstörung ist ein Problem, dem jeder ausgesetzt ist. Jeder kann ein Opfer davon werden, aber nur sehr wenige Menschen profitieren davon.

"Jeder kann ein Opfer von Umweltzerstörung werden, aber nur sehr wenige profitieren davon."

Wie reagieren die Behörden auf Greenpeace in China?

Jude: Wir haben dieselben Probleme wie jeder andere normale chinesische Bürger auch. Neben der Großen Mauer gibt es noch die große Firewall, mit der Websites wie Facebook und Twitter blockiert werden. Manchmal ist auch Google nicht so einfach zu erreichen. Die Zensur ist überall, auf jedem Kanal. Deswegen müssen wir supervorsichtig sein, wie wir Berichte entwerfen und welche Botschaft wir nach außen tragen. Manchmal versuchen wir aber auch, eine Meldung draußen zu haben, bevor die Zensur zuschlägt, und liefern uns ein Rennen gegen die Zeit. Da muss man einfach schneller sein, und wir sind dabei schon richtig kreativ geworden (lacht).

Shining: Dann haben wir immer wieder das Problem, dass Journalisten zu unseren Pressekonferenzen kommen, sich für die Geschichte interessieren und auch eine Veröffentlichung zusagen. Wenn wir dann aber nach ein paar Tagen in der Redaktion anrufen und nachfragen, erfahren wir, dass der Artikel doch nicht gebracht wird.

Wie haben eure Familien reagiert, als ihr euch für einen Job bei Greenpeace entschlossen habt?

Shining: Meine Familie hat mich immer total unterstützt, weil sie die Auswirkungen der Umweltzerstörung selber spürt und mitbekommt, was im Moment alles schiefläuft. Mein Vater, der ziemlich alt ist, hat sogar gelernt, wie man Internet-Suchmaschinen richtig bedient, damit er mehr über Greenpeace herausfinden kann!

 Warum ist es so wichtig, dass Greenpeace in China arbeitet?

Shining: Greenpeace ist in China, weil es so viele Bedürfnisse außerhalb Chinas gibt. Das verursacht viele Umweltprobleme. Wir sind die Weltfabrik – die ganze Welt will Produkte „made in China“. Und warum? Weil es billig ist. In China werden die Kosten für den Energie-, den Ressourcenverbrauch, die Umweltverschmutzung und die billige Arbeit nicht einkalkuliert. Wir versuchen den Menschen immer zu erklären, dass man nicht so viel opfern kann. Sonst hat man in der Zukunft vielleicht nichts mehr übrig.

Kann Chinas rasantes Wachstum nachhaltig gestaltet werden?

Jude: Die westlichen Staaten haben die Periode des Wirtschaftswachstums bereits erlebt. Jetzt gibt es dort eine größere Bereitschaft, die Umwelt zu schützen. China ist diesbezüglich wie die westlichen Staaten vor 100 oder 200 Jahren. Wir erleben gerade die Phase des starken Wachstums, agieren aber genau nach demselben Muster wie andere vor uns. Das Ergebnis ist Umweltverschmutzung. Aber jetzt kommt noch die Globalisierung hinzu, die zwar ein Fortschritt ist, für China aber eine schwere Bürde bedeutet. Es geht nicht mehr nur um die Bedürfnisse von China allein, sondern um die der ganzen Welt. Denn wir sind die Weltfabrik.

Shining: Deshalb ist es so wichtig, dass Greenpeace in China arbeitet, eben weil wir eine internationale Organisation sind. Dadurch sehen wir das ganze große Bild und wissen, welchen Weg wir zu gehen haben. Und wir wissen auch um den eigenen Weg, den China zu gehen hat. Wir müssen die Menschen darauf aufmerksam machen, nicht dieselben Fehler wie die westlichen Länder zu machen. Und ganz wichtig ist, dass der Rest der Welt versteht, dass wir es wegen der Globalisierung nicht mit einem rein chinesischen Problem zu tun haben. Es gibt eine gemeinsame Verantwortung.

Portrait of a young woman Womit beschäftigt ihr euch aktuell am meisten?

Shining: Klimawandel, ganz klar. Und ganz intensiv arbeite ich an der Detox-Kampagne. Das Problem mit gefährlichen Chemikalien ist besonders groß, denn sie sind zumeist unsichtbar. Für die Menschen ist die Gefahr leicht zu erkennen, wenn das Wasser schwarz ist oder die Luft voller Smog. Aber bei unsichtbaren Chemikalien ist es schwieriger. Für Greenpeace ist es eine große Herausforderung, dieses Thema an die Öffentlichkeit zu bringen.

Jude: Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Kohlekraft. Das aktuell größte Problem an der Ostküste sind junge Städte mit einer hohen Bevölkerungsdichte. Zu deren Versorgung wurden viele Kohlekraftwerke gebaut, und die verursachen jetzt natürlich einen ganzen Haufen gesundheitlicher Probleme.

Was ist euer Wunsch für Chinas Zukunft?

Dass die Menschen weniger Angst haben und mehr über ihre Rechte Bescheid wissen – und sie auch einfordern. Und dass die Zensur bald der Vergangenheit angehört