Das Greenpeace Magazin / August 2012

Die Gier ist am nördlichsten Punkt der Welt angekommen

Vladimir Chuprov (41) arbeitet seit 1994 für Greenpeace Russland. Er ist Energie- und Klimakampaigner und kämpft für den Schutz der Arktis. Interview: Karin Scholz

Vladimir Chuprov

Wie ist dein Bezug zur Arktis?
Vladimir Chuprov: Ich bin in der Subarktis auf die Welt gekommen und habe meine Kindheit in der Arktis verbracht. Schon als Fünfjähriger war ich schockiert über die tausenden Baumstämme, die nahe meiner Heimatstadt auf große Haufen aufgeschichtet wurden, nur um sie verrotten zu lassen. In Workuta, der Hauptstadt der arktischen Kohle in der Sowjetunion, erinnere ich mich an den schwarzen Schnee der Tundra, der mich sehr traurig gemacht hat. Meine Verwandten sind Angehörige der indigenen Komi und lebten am Land, nicht wie ich in einer industrialisierten Stadt. Sie erzählten oft vom immer weniger werdenden Fisch, von dem sie leben mussten.

Welchen Bedrohungen ist die Arktis ausgesetzt?
Sehr vielen! Zu den schwerwiegendsten zählt die Verschmutzung durch Öl und andere Gifte. Aber auch der Ausbau der Infrastruktur schädigt das Ökosystem. Was auf die Arktis zukommt, ist ein Kampf um das Vorrecht der Ausbeutung ihrer Ressourcen. Die Gier einiger Menschen ist am nördlichsten Punkt der Welt angekommen. Durch die Ölbohrungen gibt es bereits schwere Umweltschäden. Was ich in unseren Flüssen und Seen sehe, ist der beste Beweis dafür, dass die Öffnung des Ökosystems für die Ausbeutung bedeutet, dass das Leben darin früher oder später verschwinden wird.

Teile von Russland gehören zur Arktis. Wie ist es, dort für Greenpeace zu arbeiten?
Vladimir Chuprov: Eine große Herausforderung. Die Regierung will ihr Hoheitsgebiet erweitern, und sie arbeitet daran, die anderen arktischen Staaten zu Feindbildern zu machen. Aber viele Menschen wissen, wie korrupt die russische Regierung ist. Als wir die Kampagne starteten, waren wir überrascht über die große Unterstützung, die wir von den Menschen erhielten. Die Regierung will weitere Bohr­erlaubnisse in der Arktis erlassen. Das werden sie auch sicher tun, wenn wir sie nicht stoppen.

Übersicht der Öl- und Erdgasförderungen in der Arktis

Wie sieht die Arbeit vor Ort aus?
In erster Linie ist es analytische Arbeit. Wir müssen selbst viel Forschung betreiben, da die russische Experten- und Wissenschaftsgemeinschaft stark von der Regierung gesteuert wird und die „Parteilinie“ verfolgt. An zweiter Stelle steht die Verbreitung unserer Argumente durch klassische Greenpeace-Methoden. Unsere letzte große Aktion war auf einer internationalen Konferenz zu Öl und Gas, wo wir unseren Report präsentierten und damit die offizielle Agenda ziemlich durch­einanderbrachten.

Was berührt dich auf deinen Reisen in den Norden am meisten?
Zu sehen, wie einfache Menschen unter sehr schlechten Bedingungen zwischen schwarzen Seen aus Öl leben.

In Österreich ist die Arktis weit weg. Warum ist sie auch für uns wichtig?
Es geht um unsere gemeinsame Zukunft. Das arktische Eis hat einen enormen Einfluss auf das Klima unseres Planeten. Geld zu investieren, um den letzten Tropfen Öl zu finden, wird nicht zu alternativen und effizienten Technologien führen. Das wirkt sich doppelt aus: Das arktische Öl wird die globale Erwärmung anheizen und den Wandel zu einer Wirtschaft mit geringer Kohlenstoffemission verzögern.

Was möchtest du unseren Unterstützern in Österreich abschließend noch sagen?
Helft uns! Die Zerstörung der Arktis ist eng mit unserem Konsumverhalten verknüpft. Macht euren Fußabdruck grüner, verwendet weniger Öl und wechselt zu erneuerbarer Energie, wo es möglich ist. Macht euch Gedanken darüber, wo ihr euer Geld investiert. Am Ende des Tages sind transnationale Konzerne von der Wahl ihrer Konsumenten abhängig. Setzt euch gemeinsam mit uns dafür ein, die Arktis zu einem Schutzgebiet zu machen