Das Greenpeace Magazin / August 2012

Man nennt es Landraub

Greenpeace Aktion gegen Landgrabbing in Papua-Neuguinea

Greenpeace Aktion gegen Landgrabbing in Papua-Neuguinea

© Paul Hilton / Greenpeace

Agrarflächen sind das neue Gold. Investoren und Regierungen sichern sich riesige Landflächen, vornehmlich in den ärmsten Ländern Afrikas. Verlierer sind die lokalen Kleinbauern und die Umwelt. Von Jasmin Karer

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Die Sonne in Mosambik prallt auf den fruchtbaren Ackerboden. Eine Bäuerin schwitzt bei der anstrengenden Zuckerrübenernte. Trotz der schweren Arbeit ist Caterina Alberto stolz auf ihre 2.500 Quadratmeter große Landwirtschaft, mit der sie ihre Familie gut ernähren kann. Die Albertos sind eine wohlhabende ­Familie in einem armen ostafrikanischen Land, doch ihre Existenz steht am Abgrund. Portugiesische Investoren planen eine 101 Quadratkilometer große Mega-Farm auf dem Land, auf dem auch die Albertos ihre Zuckerrüben anbauen. Einen Teil ­ihres Landes hat die Familie ebenso wie ihre Nachbarn bereits verloren. Das Schicksal, das die Bauern aus Mosambik getroffen hat, ist ein zunehmendes Problem in den Ländern des Südens und wird „Land Grabbing“ genannt.

Land Grabbing bedeutet Umweltzerstörung und Existenzverlust von vielen für den Profit von wenigen.

Der Begriff wird im Deutschen mit „Landnahme“ übersetzt und umfasst eine Vielzahl von Land­aneignungen aus unterschiedlichen Motiven. Einige Regierungen haben aus Gründen der Ernährungs­sicherheit begonnen, Land in Entwicklungsländern zu kaufen oder für viele Jahrzehnte zu pachten und dort zu günstigen Bedingungen landwirtschaftliche Produkte für die eigene Bevölkerung anzubauen. Knappe Land- und Wasserressourcen wie in den Golfstaaten oder steigende Bevölkerungszahlen wie in China sind die hauptsächlichen Antriebe für Land Grabbing. Doch auch ohne diese Druckmittel wird gerne nach fremdem Land gegriffen: Industrieländer investieren in den ärmeren Staaten Afrikas, um von den geringen Produktionskosten bei hohem Exportgewinn zu profitieren. Besonders seit den exorbitanten Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln in den letzten Jahren locken die Profite. Die steigende Nachfrage nach Energierohstoffen (siehe Kasten) lässt Land Grabbing zusätzlich boomen. In Afrika, dem Brennpunkt der weltweiten Landkäufe, wird bereits ein Drittel der agrarischen Produktion für Agrotreibstoffe verwendet. 

Oft sind einheimische Eliten an einer Landnahme beteiligt, indem sie als Partner der ausländischen Investoren agieren. Da die Regierungen dieser Länder viel mehr Profit von den Großkäufern lukrieren können als von der eigenen Bevölkerung, werden großzügig Landkonzessionen vergeben.

Land Grabbing in Afrika

Viele Verlierer

Bei dem Geschäft sind die lokale Bevölkerung und die Umwelt die Leidtragenden. Dabei sollte sich ein Land­erwerb in Entwicklungsländern positiv auf die einheimische ­Bevölkerung auswirken, da mit dem ausländischen Kapital Zugang zu neuen Märkten und Technologietransfer entstehen können. Doch die Realität sieht anders aus. Die Ansässigen werden von zahlungskräftigen Investoren vertrieben. In vielen afrikanischen Ländern ist der Boden­besitz oft nur über Gemeinschaftsbesitze geklärt und nicht registriert. Zu diesen schwierigen Voraussetzungen kommt die grassierende ­Korruption. Studien zu dem Thema legen nahe, dass die Landnahme in jenen Ländern am umfangreichsten ist, wo die korruptesten Regierungen an der Macht und die schwächsten Institutionen verankert sind. Dass es genau in diesen Ländern auch Hungerprobleme gibt, macht Land Grabbing zusätzlich zu einem konflikt­beladenen Thema. Wenn die Kleinbauern in Mosambik, Sudan, Äthiopien oder Tansania bei der Konkurrenz um Land und Wasser gegen internationale und finanzstarke Großinvestoren auftreten müssen, sind sie fast immer im Nachteil – und am Ende ihrer Existenz.

 

Lebensmittel für den Tank

Agrotreibstoffe sind Diesel oder Benzin aus biogenen Rohstoffen. Für Agrodiesel werden vor allem Raps-, Sonnenblumen-, Soja- oder Palmöl sowie Altspeisefette und tierische Fette verwendet. Bioethanol für die Benzinbeimischung wird meist aus Zuckerrüben, Mais oder Getreide hergestellt. Bis 2020 sollen EU-weit zehn Prozent der im Verkehr eingesetzten Energieträger aus Agrotreibstoffen bestehen. Österreich will diese Quote früher erreichen, obwohl der Bedarf bei Diesel jetzt schon nicht mehr aus eigener Produktion gedeckt werden kann. Bei einem Beimischungsziel von zehn Prozent (derzeit knapp sechs Prozent) bei Diesel müsste ein Großteil der Rohstoffe importiert werden. Dabei haben Agrotreibstoffe eine miese ökologische Bilanz: Weltweit werden die letzten Urwaldflächen abgeholzt, auch um Rohstoffe für Agrotreibstoffe anzubauen. Wir befeuern somit den Klimawandel, wenn Regenwälder für unseren Sprit gerodet werden. Zusätzlich werden auf immer mehr Landflächen Pflanzen für den Tank angebaut, statt sie für die lokale Lebensmittelproduktion zu nützen. Umweltminister Nikolaus Berlakovich hält dennoch an der Einführung von E 10 in Österreich schon diesen Herbst fest. 

Österreichische Beteiligung

Einige Jahre lang wurde der Trend zum Land Grabbing nur bemerkt und beobachtet, ohne entsprechende Daten zur Verfügung zu haben. Die vor kurzem veröffentlichte LandMatrix der ILC (International Land Coalition) zeigt, welche Länder am stärksten davon betroffen sind, in welchen Größenordnungen sich die Landdeals abspielen und welche Investoren dahinterstecken. Auch Österreich scheint auf in der langen Liste, in der mehr als 1.200 internationale Landtransaktionen der letzten zehn Jahre dokumentiert wurden. Die PetroPalm Corp Ethiopia wird in der LandMatrix als österreichisch-amerikanisches Unternehmen erwähnt, das in Äthiopien auf 50.000 Hektar (eine Fläche größer als Wien!) Jatropha und Rizinus für Agrotreibstoffe anbaut.

Doch nicht nur Afrika ist von Landnahmen betroffen. In Malaysia und Indonesien stehen auf hunderttausenden Hektar ehemaliger Urwaldfläche Palmölplantagen – Monokulturen mit einer verheerenden ökologischen Bilanz. In Lateinamerika ist Paraguay eines der ­Negativbeispiele. Dort wird das Land unter wenigen internationalen ­Agrarunternehmen aufgeteilt, die hauptsächlich genmanipuliertes Soja anbauen. Der Kampf ums Land hat hier schon einigen Kleinbauern das Leben gekostet.

Unterstützung in diesem ungleichen Kampf bekommt die lokale ­Bevölkerung von NGOs, die sich
für deren Schutz und für eine gerechtere Landverteilung einsetzen. Greenpeace Australien kampagni­siert zum Beispiel seit Jahren gegen massive Landkäufe in Papua-Neuguinea, wo die letzten intakten ­Urwaldflächen abgeholzt werden, um Palmölplantagen anzulegen. Die indigene Bevölkerung, die das Land bisher genützt und den Wald geschützt hatte, ist mit Gewalt vertrieben worden. Umweltzerstörung und Existenzverlust von vielen für den Profit von wenigen – Land Grabbing zeigt mittlerweile in vielen Ländern des Südens sein häss­liches Gesicht.