Das Greenpeace Magazin / August 2012

Mit den Tomaten auf Du und Du

Die solidarische Landwirtschaft sucht und findet neue Allianzen zwischen Produzent und Konsument. Aus Gegnern im Kampf um einen möglichst niedrigen Lebensmittelpreis werden Partner. Von Lisbeth Klein

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Gemüseeinkauf ist zumeist eine eher unpersönliche und undurchsichtige Sache. Der Konsument geht in einen Laden, wählt die gewünschten Produkte aus und bezahlt. Wie viel des Kaufpreises beim Verkäufer bleibt, wie viel die Zwischenhändler bekommen und wie viel letztlich der Bauer, ist nicht nachvollziehbar. Und wie der Landwirt und die dazugehörige Landwirtschaft aussehen, bleibt in der Regel ebenfalls ein Geheimnis. Aber es geht auch anders: CSA – Community Supported Agriculture, auch solidarische Landwirtschaft genannt – heißt die Alternative, und sie findet hierzulande immer mehr Anhänger und Unterstützer.

 

Die laufende Produktion (Personalkosten, Saatgut etc.) wird über Mit­glieds­beiträge finanziert, die jeweils für ein Jahr ins Unter­nehmen fließen. Für die Konsumenten gibt es keine fixen Produkt­kosten, nur den Mitglieds­beitrag.

 

Ochsenherz in Gänserndorf ist so eine Anlaufstelle für anders denkende Konsumenten. Die biologisch-dynamische Landwirtschaft wurde vor zwei Jahren auf gemeinschaftliche Füße gestellt und funktioniert, ganz CSA, seitdem so: Die laufende Produktion (Personalkosten, Saatgut etc.) wird über Mitgliedsbeiträge finanziert, die jeweils für ein Jahr ins Unternehmen fließen. Für die Konsumenten gibt es keine fixen Produktkosten, sondern nur den Mitgliedsbeitrag. ­Peter Laßnig, Gründer und Inhaber von Ochsenherz, erklärt: „Zu Saisonstart halten wir eine Versammlung mit allen Mitgliedern ab, in der wir das Jahresbudget, das heißt ­unseren finanziellen Bedarf, präsentieren.“

Ohne Preisdruck

Diese Summe wird durch eine bestimmte Menge an Ernteanteilen dividiert, und daraus ergibt sich der Betrag für jedes einzelne Mitglied. Laßnig weiß seine Produktion schon zu Beginn des Jahres abgesichert und kann so ganz anders wirtschaften als in den Jahren zuvor, in denen sein Unternehmen nur vom Verkauf auf Märkten gelebt hat. „Der Preisdruck, dieses ‚Das Billigste setzt sich durch‘, ist für uns weggefallen.“ Durch das CSA-Modell hat der studierte Botaniker Laßnig die Möglichkeit, auf den sechs Hektar Gemüseanbaufläche auch alte Sorten zu pflanzen, die vielleicht nicht den höchsten Ertrag bringen, aber einen wichtigen Beitrag zum Artenerhalt leisten.

Die derzeit zirka 230 Mitglieder erhalten für ihre Unterstützung Obst und Gemüse, entweder in Form einer vom Hof zusammen­gestellten Kiste, die einmal pro ­Woche an verschiedenen Verteilplätzen in Wien zur Abholung bereitsteht, oder per „freier Entnahme“, die Laßnig so beschreibt: „Freitags bauen wir in Wien einen Marktstand nur für unsere Mitglieder auf. Diese kommen und nehmen sich so viel, wie sie für den persönlichen Bedarf benötigen.“ Ein Mitarbeiter von Ochsenherz ist dabei vor Ort „und informiert, ob es von einer Gemüsesorte gerade viel oder wenig gibt“. Die Entnahme kann notfalls ein wenig gesteuert werden, schließlich sollen auch die letzten „Einkäufer“ noch ein reichhaltiges Sortiment vorfinden.

»Bei vielen Menschen ist zu spüren, dass sie etwas anderes als die her­kömm­liche Produktions- und Handels­weise wollen.«

Die heimischen CSA-Betreiber haben das Rad keineswegs neu erfunden. Ihren Anfang hat die CSA-Philosophie in den 1980er-Jahren in Deutschland genommen. Die Idee breitete sich aus, gelangte in die USA – um von dort wieder zurück nach Europa exportiert zu werden. In den USA gibt es derzeit rund 2.000 CSA-Farmen, von derartigen Größenordnungen kann hierzulande nicht die Rede sein. Aber die Zahl der Mitglieder wächst.

Ulli Klein ist denselben Weg wie die CSA-Idee gegangen: von Europa in die USA und wieder zurück. Zwölf Jahre lang hat die Juristin in den USA gelebt, sechs Jahre davon mit der Leitung von CSA-Höfen verbracht und eine CSA-Ausbildung an der University of California Santa Cruz absolviert. Jetzt lebt Klein wieder in der Steiermark, in Sankt Nikolai im Sausal hat sie sich mit ­ihrem amerikanischen Mann Scott und den beiden Töchtern nieder­gelassen. Das Ehepaar führt dort einen CSA-Betrieb – die „KLEINe Farm“ –, auf dessen drei Hektar großer Anbaufläche heuer zum ersten Mal Gemüse kultiviert wurde. „Ich glaube, wir kommen mit unserem Angebot genau zur richtigen Zeit“, meint Ulli Klein und fügt hinzu: „Bei vielen Menschen ist zu spüren, dass sie etwas anderes als die herkömmliche Produktions- und Handelsweise wollen.“

Anders einkaufen 

Das CSA-Modell auf Basis einer halbjährigen/ganzjährigen Mitgliedschaft ist sehr bindend. Wer weitere Alternativen sucht, abseits marktwirtschaftlicher Wege Lebensmittel einzukaufen, kann dies über Lebensmittelkooperativen tun. Das Prinzip ist einfach: Eine Gruppe von Leuten – die Kooperative – kauft zu günstigeren Preisen direkt beim Erzeuger ein. Die Kooperative mietet gemeinsam einen Lagerraum, in dem die Lebensmittel – hauptsächlich biologisch und regional erzeugt – zur Selbstabholung bereitstehen. Anfallende Arbeiten (Lagerverwaltung, Finanzen etc.) werden auf die einzelnen Mitglieder aufgeteilt.

 

CSA und Lebensmittelkooperativen in Österreich

CSA-Betriebe:

Lebensmittelkooperativen:

Starke Verbindung

Das andere Wirtschaften sieht bei der KLEINen Farm so aus: Zehn Personen haben sich in dieser Saison für zehn Wochen verpflichtet, den Hof zu unterstützen. „Wir sind noch im Aufbau, 2013 soll unsere Hof­gemeinschaft aus 30 Leuten und in den nächsten fünf Jahren aus 80 bis 100 bestehen.“ Das multinationale Paar ist überzeugter Anhänger der CSA-Philosophie. „Das Bekenntnis zu einem bestimmten Landwirt, die Verbindung, die hier entsteht, ist für mich der wichtigste Unterschied zu anderen Modellen“, sagt Ulli Klein. Die Mitglieder der KLEINen Farm sind ausdrücklich eingeladen, den Betrieb zu besuchen und die An­bauflächen zu besichtigen. Gemein­same Kochabende und Hoffeste ­sollen das Zusammen­gehörigkeits­gefühl noch stärken. Die Scotts wollen ein „rurales Zentrum für urbane Erneuerung sein“ und haben damit offenbar Erfolg.

Bei aller Freude darüber, wie gut sein CSA-Modell angenommen wird, bleibt Ochsenherz-Betreiber Laßnig doch nüchtern: „Für mich ist das ein Experiment. Es ist einfach interessant, eine Alternative zum markt­wirt­schaftlichen System zu haben. Aber ob es der Weisheit letzter Schluss ist, kann ich nicht ­sagen.“ Jedenfalls scheint es mancher Konsumenten ernster Wille zu sein, sich auf alternativem Weg mit Obst und Gemüse zu versorgen.